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Jan Ullrich: Zum Höhentraining in den Keller

In den 80er Jahren galt die Unterdruck-Kammer für Spitzensportler aus der DDR als Geheimwaffe. Um sich bestimmten Höhenbedingungen anzupassen, trainiert nicht nur Jan Ullrich den künstlichen Sauerstoffmangel.

Für die letzten Tage der intensiven Tour-Vorbereitung ist Jan Ullrich in den Keller gegangen. Im Untergeschoss seines Hauses in Scherzingen befindet sich seit zwei Jahren eine hypermoderne Anlage, in der der T-Mobile-Star ein Training unter Höhenbedingungen simulieren kann. "Low Oxygen Systems" nennt Volker Spiegel, der frühere Meistertrainer der Berliner Volleyballerinnen und letzte DDR-Auswahlcoach diese Technologie. Sie fußt auf jahrelangen Erkenntnissen der Sportwissenschaft und wurde inzwischen auf High-Tech-Niveau weiterentwickelt. Die Firma des Berliners hat die Anlage bei Ullrich eingebaut, der bei den Trainings-Einheiten auf Rollen den herrlichen Blick auf den Bodensee genießen kann.

"Jan ist inzwischen ein Profi, auch bei der Bedienung der Anlage. Er weiß genau, wann er welche Höhen einstellen muss, um optimal vorbereitet zu sein", meinte Spiegel. "Wenn er diesmal gesund durchkommt, wird er die Vorteile des kontinuierlichen Höhentrainings sicher ausspielen können und ganz vorn mitfahren können", sagte Spiegel. Doch auch er weiß, dass sich Ullrichs Haupt-Konkurrent Lance Armstrong gleichfalls der Methodik des Sauerstoff-Mangels bedient. Allerdings trainiert der Amerikaner unter Normal-Bedingungen und schläft im Räumen, in denen die Höhe simuliert wird.

Als die DDR in den 80er Jahren in Kienbaum die Unterdruck-Kammer für seine Top-Athleten öffnete, um Westgeld für teure Trainingslager zu sparen, galt sie stets als "geheimnisumwittert". Spiegels Technologie fußt auf den Erkenntnissen dieser Kammer und ermöglicht es, Höhenbedingungen unkompliziert in jedem Raum im Flachland zu simulieren.

Künstlicher Sauerstoffmangel

Unter den Top-Sportlern findet die Methode großen Anklang. Eisschnelllauf-Rekordweltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann erwägt gleichfalls den Einbau einer solchen Anlage. Im Camp von Coach Manfred Wolke trainieren die Boxer seit Jahren "in der Höhe". Die deutschen Judokas feierten ihre Olympia-Erfolge in Athen ebenso nach ausgiebigem Training in den von Spiegel entwickelten Glaskammern wie Ruder-Olympiasiegerin Katrin Rutschow-Stomporowski. Ergebnisse von über 7000 Trainingseinheiten mit 300 Sportlern in 30 olympischen Sportarten finden sich bereits in Spiegels Dokumentation.

"Wir sind heute in der Lage, in jedem beliebigen Raum Bedingungen zwischen 2000 und 4500 Metern Höhe zu simulieren", sagt Spiegel. Großprojekte laufen derzeit auch in China. Im Juni 2004 öffnete in Schanghai das modernste Schwimm-Trainingszentrum der Welt, wo Spiegel nicht nur das komplette Becken mit der Anlage ausrüstete, sondern auch in sechs Doppelzimmern den künstlichen Sauerstoffmangel produzierte, damit die Chinesen "in der Höhe" schlafen können.

"Der Kern der Schlüsseltechnologie ist es, die Luft in ihre Bestandteile zu trennen und wieder neu zu mischen. Der Clou unseres Verfahrens liegt darin, dass die Luft trotz ständigen Verbrauchs durch den Athleten immer konstant bleibt", erklärt Spiegel. Natürlich ist die Einrichtung einer solchen Kammer nicht ganz billig. Das einstündige Training in Berlin kostet bis zu 24 Euro. Die komplette 3x3 Meter große Glasbox, in der bis zu drei Sportler auf Rad oder Laufband trainieren können, ist 75 000 Euro teuer. Die Anlage in Ullrichs Keller dürfte mindestens drei Mal so viel gekostet haben.

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