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Jens Voigt: Mit Dauerdampf ins Rampenlicht

Jahrelang fuhr sich Jens Voigt als Wasserträger und Dauerausreißer bei der Tour de France die Füße wund. Zum zweiten Mal in seiner Laufbahn hat er nun das Gelbe Trikot erobert - seine Pläne aber bleiben bescheiden.

Jens Voigt war sichtlich zufrieden. Der einstige "Kamikaze-Angreifer" durfte sich nach seiner grandiosen Fahrt ins Gelbe Trikot sogar über einen zusätzlichen Tag im begehrtesten Raddress der Welt freuen. "Ich werde es am Ruhetag auf jeden Fall verteidigen. Ich setze mich einfach darauf", kündigte der Berliner an, der am Sonntag im Ziel in Mulhouse von seinen ebenfalls überglücklichen und stolzen Eltern Edith und Egon empfangen wurde. Doch nach den Witzeleien kehrte bei Voigt wieder Bescheidenheit ein: "Ich gebe mich keinen Illusionen hin, das Gelbe Trikot bis Paris zu tragen. Dafür haben wir andere Fahrer."

Denn, das weiß auch der stets gut aufgelegte Voigt, die schweren Alpenetappen der Tour de France dürften seine Zeit in Gelb beenden: "Ich bin nicht der Mann für das Hochgebirge. Man kann halt nicht alles haben im Leben. Unser Fahrer für das Gesamtklassement ist Ivan Basso." Daran lässt auch Teamchef Bjarne Riis, Toursieger 1996, keinen Zweifel. Die Erlaubnis zur Attacke auf der 9. Etappe musste sich der gebürtige Mecklenburger von seinem Chef regelrecht erbetteln: "Ich habe Bjarne immer wieder gefragt: Darf ich gehen, darf ich gehen? Erst am Start am Sonntag hat er gesagt: Heute darfst du."

Der Erfolgsarbeiter

Gesagt, getan. Auf der Steigung zum Col des Feignes in den Vogesen konnte sich der mit bisher acht Saisonerfolgen erfolgreichste deutsche Radprofi absetzen. Hinter Mickael Rasmussen und Christophe Moreau landete er mit etwa drei Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld auf dem dritten Platz. Selbst der eigentliche deutsche Rad-Star steht nun für ein paar Tage in Voigts Schatten. Jan Ullrich war auf der Strecke von Gérardmer nach Mulhouse auf der Abfahrt vom Col de Grosse von einer Windböe erfasst worden und hatte sich Blutergüsse und Prellungen an der linken Körperseite zugezogen. Für ihn bieten der Ruhetag und Voigts Erfolge die Chance zur Regenration außerhalb des Rampenlichtes, bevor die erste Alpenetappe nach Courchevel den Kampf um das "Maillot Jaune" neu entfacht.

Der 33-jährige Voigt, der mit dem Prolog zu Paris-Nizza im März das erste ProTour-Rennen überhaupt gewonnen hatte, holte sich zum zweiten Mal das Führungstrikot. Seit 2001, als Voigt noch in Diensten des französischen Rennstalls Crédit Agricole stand, hat er sich dabei vom nimmermüden Dauerangreifer zum Fahrer mit taktischem Kalkül entwickelt - Riis sei Dank. "Bjarne hat mir gezeigt, dass eine entscheidende Attacke mehr als zehn Ausreißversuche bringen kann", sagte Voigt. Riis: "Er möchte immer nach vorn, immer der Beste sein. Ich habe sehr oft mit ihm darüber gesprochen, und ihm gesagt, dass ihn diese Fahrweise enorm viel Energie kostet".

"Held der Vogesen"

Voigt, neben Etappensieger Mickael Rasmussen, der "Held der Vogesen", wie die französische Tageszeitung "Le Figaro" titelte, wird wegen seiner ehrlichen Arbeit und seiner Leidenschaft, die auch mit dem vorzeitigen Tour-Ausstieg 2003 nicht brach, von seinen Konkurrenten in höchstem Maße geachtet. "Er ist einer der Sympathischsten im Feld, der immer attackiert und kämpft. Er hat es sich verdient", sagte Jan Ullrich vom T-Mobile-Team. Voigt engagiert sich auch in der Fahrer-Gewerkschaft.

Wie hoch Voigt im Kurs bei den rivalisierenden Kollegen steht, wurde nach einem Defekt rund 20 Kilometer vor dem Ziel in Mulhouse deutlich, als Voigts ehemaliger Weggefährte Christophe Moreau auf ihn wartete. "Ohne ihn hätte ich mich wohl in der Pampa wiedergefunden", meinte Voigt. Im Ziel lagen sich die ehemaligen Team-Kollegen in den Armen.

Voigt holte das Trikot für seinen dänischen Rennstall zurück, nachdem der Amerikaner David Zabriskie die erste Etappe gewonnen und drei Tage das Leaderjersey getragen hatte. Mit dem Gelben Trikot im Schrank konnte Riis am Sonntag auch den Ausstieg Zabriskies wegen der Folgen eines Sturzes auf der Etappe nach Tours verkraften.

Ohnehin strahlt das CSC-Team wie sein Chef eine ungeheure Gelassenheit, gepaart mit großer Entschlossenheit aus. Entschlossen, am Ende seinen Kapitän Ivan Basso, letztjähriger Dritter, erneut auf dem Podium, und am liebsten auf dem obersten Treppchen zu haben. "Wir haben natürlich eine andere Ambition als vier Fahrer unter den ersten zehn zu haben", so Riis.

DPA / DPA

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