Tour de France Armstrong-Show und Apotheker-Rundfahrt?


Das Damoklesschwert Doping hängt über der 96. Tour de France. Vor dem Auftakt-Zeitfahren auf dem Formel-1-Kurs von Monaco drohen nach dem Fall Thomas Dekker laut Tour-Zentralorgan "L'Équipe" weitere Enthüllungen.

Noch vor der ersten Etappe am Samstag könnten "vier bis sieben" Fahrer aussortiert werden, berichtete die Zeitung am Donnerstag. Dabei könnte es sich um positive Kontrollen aus den diesjährigen Schweizer Rundfahren Tour de Romandie und Tour de Suisse handeln. Der Niederländer Dekker war nach einer zielgerichteten Nachkontrolle des Radsport-Weltverbands UCI am Mittwoch als Epo-Doper enttarnt worden.

Wohl nur die Gutgläubigen rechnen eher mit einer Wende zum Besseren als mit einer erneuten Apotheker-Rundfahrt. So ist die Tour auch 2009 eine Reise ins Ungewisse. Im Vorjahr dauerte es bis zum ersten Dopingfall sechs Tage. Ob die Veranstalter mit dem Aussortieren der Problemfälle Valverde und Boonen und der Ankündigung neuer Testmethoden genug Vorsorge betrieben haben, wird sich auf den 3459,5 Kilometern zwischen Fürstentum und Paris zeigen. Am 26. Juli auf den Champs Elysées steht dann auch das Ergebnis des Selbstversuchs von Lance Armstrong fest. Kann der Rückkehrer vier Jahre nach seiner letzten Pedalumdrehung in Paris mit seinem achten Toursieg eine weiteres "Sportwunder" vollbringen?

Contador ist Topfavorit

Die Zeit und sein Teamkollege Alberto Contador dürften die heftigsten Widersacher des 37-Jährigen sein. "Mit 40 die Tour zu gewinnen ist zu spät, also muss ich mich beeilen", ist das Credo des Texaners, der den Giro d'Italia als Vorbereitung auf Rang zwölf beendete. Für den Sieg Nummer acht müsste Armstrong die offene Revolution in seinem Astana-Team anzetteln. Contador ist der Topfavorit der Rundfahrt und - nach offizieller Lesart - der Kapitän des kasachischen Teams, das wegen Finanz-Schwierigkeiten lange um den Tour-Start zittern musste. Der Spanier, der die Tour 2007 gewann und im Folgejahr den Giro und die Vuelta, belegt Platz eins in der Hitliste vieler Experten. Altmeister Eddy Merckx und die deutsche Tour-Hoffnung Linus Gerdemann sind nur zwei von ihnen. Anderer Meinung ist der mittlerweile zum Tour-Inventar zählende Jens Voigt: "Von 1000 Euro würde ich 800 auf Lance setzen".

Armstrong selbst spricht nur zaghaft vom möglichen achten Coup. "Meine Kondition ist gut - vielleicht nicht die beste meines Lebens, aber ich fahre mit um den Sieg", sagte der geheilte Krebspatient und vierfache Vater. Eines beschied er aber in gewohnt-selbstbewusster Armstrong-Manier seinen Skeptikern: "Diejenigen, die mir Rang zehn prognostizieren, werden sich verdammt täuschen."

15 deutsche Fahrer

Das Feld der deutschen Tour-Starter ist mit 15 Teilnehmern so groß wie selten. Die Aussichten auf Außergewöhnliches sind aber im Vergleich zu den fragwürdigen Hochzeiten eines Jan Ullrich oder Erik Zabel eher gering. Das größte Überraschungs-Potenzial könnte Tour- Novize Tony Martin bieten. Der 24-jährige Erfurter vom Team Columbia- HTC hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit vom reinen Zeitfahrer zum Allrounder entwickelt und erregte mit Platz zwei bei der Tour de Suisse viel Aufsehen. "Ich konzentriere mich in erster Linie auf die drei Zeitfahren und peile das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers höchstens etappenweise an", erklärte Martin. Tageserfolge stehen auf den Wunschzetteln von Gerdemann, Fabian Wegmann, Voigt und den Sprintern Gerald Ciolek und Heinrich Haussler. Die beiden sind auch Kandidaten für das Grüne Trikot des Punktbesten, das Zabel einst gepachtet hatte.

Auf durch den möglichen "Bruderkampf" zwischen Armstrong und Contador entstehende Lücken hoffen in erster Linie Vorjahressieger Carlos Sastre (Spanien), der "ewige Zweite" Cadel Evans (Australien) und Giro-Gewinner Denis Mentschow (Russland). So harte Konkurrenz hat der stärkste Sprinter, Mark Cavendish von Columbia, nicht zu brechen. Gegen den Briten, der 2008 vier Etappen gewann, ist wahrscheinlich kein Kraut gewachsen. Ohne den verletzten Robbie McEwen und Tom Boonen ist das Feld seiner Widersacher noch übersichtlicher.

Kein gutes Omen für die mit drei Bergankünften gespickte Tour - darunter den gefürchteten Mont Ventoux als vermeintlichen "Wahrsager" einen Tag vor dem Finale - war ein fast parallel zur offiziellen Fahrer-Präsentation angesetzter Termin: Am Donnerstag kündigte der noch wegen Blut-Dopings gesperrte Alexander Winokurow - gekleidet in einem gelben T-Shirt mit der Aufschrift "Wino is back" - in einem Nobel-Hotel in Monte Carlo seine Rückkehr am 24. Juli an. "Ich werde in keiner anderer Mannschaft fahren als Astana", sagte Winokurow, der Armstrongs Astana-Teamchef Johan Bruyneel die Pistole auf die Brust setzte: "Wenn Bruyneel mich nicht will, muss er die Equipe verlassen."

Von Andreas Zellmer und Benjamin Haller/DPA DPA

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