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Jochen Hecht: NHL-Star auf Abruf

Freude bei Deutschlands Eishockey-Fans: In den USA streikt die Liga, dafür flitzen hierzulande zahlreiche NHL-Cracks übers Eis. Einer von ihnen ist Deutschlands Nationalspieler Jochen Hecht.

Von Kai Behrmann

Aus, Schluss, vorbei: Kurz nach zehn ertönt in der Color-Line-Arena in Hamburg die Schlusssirene des letzten Drittels. Enttäuscht erheben sich die Fans der Hamburg Freezers von ihren Plätzen und strömen Richtung Ausgang. Ihre Mannschaft hat soeben 2:4 gegen die Adler Mannheim verloren. Hoch oben unter dem Dach von Deutschlands modernster Mehrzweckhalle löst das Ergebnis dagegen großen Jubel bei der kleinen Gruppe mitgereister Adler-Fans aus. Ganz normale Szenen an einem ganz normalen Spieltag in Deutschlands höchster Eishockey-Liga, der DEL. Nicht aber für Mannheims Nummer 55.

Als Jochen Hecht nach getaner Arbeit von der Eisfläche fährt, weiß er nicht, wie oft er noch im Trikot seines Heimatvereins auflaufen wird. Normalerweise steht der deutsche Nationalspieler in der nordamerikanischen Eishockey-Liga (NHL) bei den Buffalo Sabres unter Vertag. Auf der anderen Seite des Atlantiks herrscht allerdings zurzeit im wahrsten Sinne des Wortes Eiszeit.

Verhärtete Fronten

Ohne dass bisher ein einziges Spiel ausgetragen worden ist, tobt seit Mitte des vergangenen Jahres in der besten Eishockey-Liga der Welt ein beispielloser Arbeitskampf. NHL-Stars und den Klubbesitzer stehen sich unversöhnlich in einem Streik gegenüber. Die Fronten sind verhärtet. Es geht ums Geld. Die Vereine wollen eine Gehaltsobergrenze, einen so genannten "salary cap", einführen. Spitzenverdiener sollen zusätzlich auf 35 Prozent ihres Salärs verzichten. Bei den Spielern stößt dieses Vorhaben auf strikte Ablehnung. Sie wollen die drohenden Einnahmeeinbußen nicht hinnehmen.

"Wir sehen nicht ein, warum wir für die Misere der Klub-Manager verantwortlich gemacht werden sollen", so Hecht gegenüber stern.de. Er spielt damit auf die knapp zwei Milliarden Dollar Minus an, die die NHL über die vergangenen zehn Jahre erwirtschaftet hat. Allein in der abgelaufenen Saison häuften die Vereine einen Schuldenberg von 273 Millionen Dollar an. Man habe der NHL das Angebot gemacht, auf knapp ein Viertel des Gehaltes zu verzichten. "Das war ein gutes Angebot. Leider ist die Liga darauf nicht eingegangen", sagt Hecht kopfschüttelnd.

Zwischenstopp Europa

Wie viele seiner Kollegen nutzt auch Jochen Hecht die Zeit des Arbeitskampfes, um sich in Europa fit zu halten. Anstatt für die Buffalo Sabres auf Torjagd zu gehen, versucht der Stürmer jetzt die Adler Mannheim zur Deutschen Meisterschaft zu führen. Der Start in seiner alten Heimat war allerdings eher holprig.

Während sich Hechts neue Mitspieler schnell an die Spielweise des prominenten Neuzugangs gewöhnten, hatte der NHL-Star umgekehrt größere Probleme. "Ich hatte den Unterschied zwischen der NHL und der DEL schon ein bisschen unterschätzt. Die Eisfläche in Deutschland ist größer und es wird viel mehr mit Haken und Halten gespielt. In der NHL würde es dafür sofort eine Zwei-Minuten Zeitstrafe geben", erklärt Hecht.

Mittlerweile scheint Hecht jedoch in der höchsten Deutschen Eishockey Liga angekommen zu sein. Mit bisher insgesamt 43 Scorer-Punkten liegt er in der mannschaftsinternen Statistik deutlich an der Spitze. Neben der Klasse des deutschen Nationalspielers gibt es dafür noch einen weiteren entscheidenden Grund. "Im Sommer, wenn die NHL Pause macht, nehme ich sowieso immer am Trainingslager der Adler teil. Daher kannte ich die meisten Spieler schon", so der gebürtige Mannheimer.

Langsam auf Betriebstemperatur

Die Fans des Meisters von 2001 sind mit den Leistungen des "verlorenen Sohnes" keineswegs uneingeschränkt zufrieden. Allerdings scheinen die anfänglichen Befürchtungen unbegründet zu sein, Hecht könnte sein Gastspiel auf Zeit bei den Adlern nicht so recht Ernst nehmen.

Dominik Mordeck (22) hat extra die fast 500 Kilometer lange Reise aus Mannheim nach Hamburg auf sich genommen, um sein Idol spielen zu sehen: "In den ersten Spielen war er nicht gut. Dann hat er sich aber enorm gesteigert und spielt jetzt hervorragend. Als Kapitän setzt er sich immer hundertprozentig ein", lobt er den 27-Jährigen.

Alle Adler-Anhänger in der Color-Line-Arena hat Jochen Hecht allerdings noch nicht restlos von sich überzeugt. "Er spielt zwar nicht schlecht, ist aber bisher weit unter seinen Möglichkeiten geblieben", kritisiert Theo Altmann (42). Vielleicht liege es daran, dass die Spieler aus der NHL zu verwöhnt sind und hier in Deutschland nur einen kleinen Teil ihres eigentlichen Gehaltes bekommen.

Jochen Hecht ist sich der hohen Ansprüche der Fans bewusst: "Der Erwartungsdruck an uns Spieler aus der NHL ist sehr groß. Das ist schon spürbar", räumt er ein. Mangelnden Ehrgeiz kann man ihm jedoch nicht vorwerfen. Im Gegenteil. Mit seinem Team hat er in dieser Saison noch viel vor. "In den restlichen Spielen wollen wir versuchen, vielleicht noch Rang vier zu erreichen. Dann beginnen die Play-Offs und man wird sehen, wozu wir in diesem Jahr fähig sind", verspricht Hecht.

Die Mannheimer Adler sind nicht irgendein Verein für Hecht. Seitdem seine Mutter ihn als kleinen Jungen das erste Mal bei einem "Tag der offenen Tür" im Mannheimer Eisstadion mit dem Puck in Berührung gebracht hatte, ist Hecht nie wieder vom Eishockey losgekommen. Bei den Adlern, die damals noch Mannheimer ERC hießen, begann er seine Karriere, die ihn später bis in die NHL führte.

Des einen Leid, des anderen Freud

Wann er dorthin zurückkehren wird, steht momentan noch in den Sternen. Die Verhandlungen zwischen den Streikparteien sind zum wiederholten Mal auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Eins scheint jedoch sicher. Sollte nicht bis spätestens Mitte Februar eine Einigung erreicht worden sein, dürfte die Saison kaum mehr zu retten sein. "Es ist fünf vor zwölf. Es wäre wirklich tragisch, wenn zum ersten Mal in der Geschichte der NHL eine komplette Spielzeit abgesagt werden würde", beschreibt Hecht den derzeitigen Stand der Dinge. "Besonders Leid tun mir die Fans da drüben."

Während sich die Eishockey-Anhänger in Deutschland über das Stelldichein der NHL-Stars in der DEL freuen können, sitzt der Frust bei den Puck-Begeisterten in Nordamerika tief. Zu einem besonders skurrilen Protest kam es vor kurzem im kanadischen Ottawa. Dort hatte ein 84-Jähriger Kanadier seinen Sohn darum gebeten, seine Todesanzeige mit einer ungewöhnlichen Notiz zu versehen. Darin bezeichnete er die Verantwortlichen des Streikes als Stinktiere, die ihm die Möglichkeit genommen haben, noch einmal NHL-Eishockey zu sehen.

Weniger drastisch, aber weitaus folgenreicher könnte die Reaktion der Mehrheit der nordamerikanischen Eishockey-Fans aussehen. In den USA und Kanada rangiert der schnellste Mannschaftssport ohnehin nur auf Platz vier in der Publikumsgunst; weit abgeschlagen hinter Football, Basketball und Baseball. Der Streik könnte den Imageverlust dramatisch beschleunigen. Die TV-Einschaltquoten und die Zuschauerzahlen befinden sich schon seit längerem im Sturzflug. Nur noch 1,2 Prozent der Haushalte schalten bei NHL-Spielen ein. Die Zahl der Fans in den Hallen hat sich in den letzten zehn Jahren sogar halbiert. "Die Fans sind stinksauer, dass sie kein Eishockey zu sehen bekommen. Man stelle sich vor, die DFL würde eine komplette Bundesliga-Saison absagen. Dann wäre auch hier der Teufel los", macht Jochen Hecht das Ausmaß des Streikes deutlich.

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