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Leichtathletik-WM: Chaostage in der Großraumsauna

Er hatte die Chance, eine Medaille zu erringen. Doch kurz vor dem Ziel leitet ihn ein Streckenposten in die falsche Richtung. Dann kollabiert der deutsche Geher André Höhne. Der Fall zeigt: Organisationschaos und Hitze machen den Sportlern in Osaka schwer zu schaffen.

Von Christian Ewers, Osaka

Nur noch ein paar hundert Meter bis ins Ziel. André Höhne sieht das Stadion schon, es verschwimmt ein bisschen vor den Augen, das ist das Flirren der Hitze, in dieses Stadion muss er rein, noch eine Runde drehen, dann hat er es geschafft. Dann holt er Bronze bei der Leichtathletik-WM über 20 Kilometer der Geher. Ein Jahr hartes Training hat sich dann endlich gelohnt.

Doch André Höhne aus Berlin wird an diesem Sonntagmorgen das Stadion von Osaka nicht erreichen. Ein Streckenposten winkt ihn auf eine Nebenstraße, erst nach hundert Metern erkennt ein anderer Helfer den Irrtum und schickt Höhne zurück auf die Wettkampfpiste. Zu spät.

Höhne will nicht mehr, er kann nicht mehr, er ist zu schwach, um seine Wut herauszubrüllen. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie zwei seiner Konkurrenten an ihm vorbei gezogen sind. Das ist zu viel für Höhne. Er bricht zusammen, Kreislaufkollaps, verliert das Bewusstsein. Erst im Krankenwagen, auf dem Weg in die Klinik, wacht er wieder auf.

"Um den größten Erfolg meiner Karriere betrogen"

Ein paar Stunden später, im Mannschaftshotel Righa Royal. Höhne ist noch ein wenig blass um die Nase, aber sein Frust, seine Enttäuschung müssen jetzt einfach raus. "Ich bin um den vielleicht größten Erfolg in meiner Karriere betrogen worden", sagt er, und seine Stimme zittert. "Unfassbar, dass so etwas bei einer WM passieren kann."

Jürgen Mallow, Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagt der Fall Höhne sei der bislang "größte Skandal in Osaka." Über die kleineren Skandale haben Mallow und die seine Athleten bislang geschwiegen. Doch damit ist es seit Sonntagnachmittag vorbei. Der DLV hat eine Beschwerde beim Weltverband IAAF eingelegt wegen Höhne. "Und über das ganze andere Chaos werden wir zu gegebener Zeit mit der IAAF reden", sagt Mallow. "Jetzt muss ich erstmal sehen, dass die Mannschaft nicht noch mehr unter den schlechten Bedingungen zu leiden hat."

Fast jeder aus dem deutschen WM-Kader kann eine kleine Chaos-Geschichte erzählen. Der Kugelstoßer Ralf Bartels berichtet zum Beispiel, er habe nach dem WM-Finale eine dreiviertel Stunde auf den Bus zum Hotel warten müssen. Dort angekommen sei das Restaurant schon geschlossen gewesen, der Koch habe sich nicht überreden lassen, für ihn und ein paar andere Kugelstoßer nochmal den Herd anzuschalten. "Ich bin dann zu McDonald's gegangen", sagt Bartels, "ich hatte solch einen Hunger."

Es gibt nicht genug Betten

Wer vor einem verschlossenen Hotelrestaurant steht, hat vergleichsweise noch Glück in Osaka. Manche Athleten haben noch nicht einmal ein Bett. "Vor WM-Beginn fehlten 400 Betten", sagt Cheftrainer Mallow, "jetzt sind es noch 280 zu wenig." Beim DLV behilft man sich; teilweise schlafen die Athleten in Drei- oder Vierbettzimmern. Ein Betreuer nächtigt sogar auf einer Massagepritsche im Physiotherapie-Zimmer.

"Seit April wusste der Weltverband, dass Osaka den Anforderungen einer Leichtathletik-WM nicht gewachsen sein wird. Aber man hat nichts getan", sagt Mallow. Dass die WM nach Fernost vergeben wurde, habe rein wirtschaftliche Gründe. "Ohne die japanischen Sponsoren wäre der Weltverband längst pleite. Also schmeichelt er seinen Geldgebern und gibt ihnen eine WM."

Größter Gegner der Athleten in Osaka ist jedoch nicht die amateurhafte Organisation, sondern das Klima. Osaka ist eine einzige Großraumsauna, die nie abkühlt. Die Luft ist feucht und klebrig, und schon frühmorgens zeigt das Thermometer knapp 30 Grad Celsius. André Höhne sagt: "Die Bedingungen sind abartig. Sport ist nur noch eine Quälerei."

Beim Marathon gaben 30 Läufer auf

Beim Marathon der Männer am Samstag, der um sieben Uhr morgens gestartet wurde, gaben 30 Läufer auf. Bei den Gehern klappte nicht nur Höhne zusammen; selbst der Sieger Jefferson Perez aus Ecuador musste mit einer Trage aus dem Zielraum gebracht werden. Und bei der medizinischen Nachsorge gehen die Japaner nicht gerade zimperlich mit ihren Gästen um. Als André Höhne im Krankenhaus um ein Glas Wasser bat, sagte die Krankenschwester: "Gern, aber haben Sie auch Geld dabei?"

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