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Leichtathletik-WM in Moskau: "An den Start gehen auch homosexuelle Athleten"

Leichtathletik-WM im Land der Homophobie: In Moskau kämpfen seit heute Sportler um Medaillen. Ein Gespräch mit Ex-Stabhochspringer Balian Buschbaum über einen möglichen Boykott und schwule Athleten.

Herr Buschbaum, die Leichtathletik-WM findet in einem Land statt, das erst vor wenigen Wochen neue Gesetze gegen Homosexuelle erlassen hat. Gibt es schwule oder lesbische Leichtathleten?
Natürlich gibt es die. Ich kenne persönlich mehrere Sportler, die an der WM teilnehmen und homosexuell sind. Auch im russischen Kader. Eigentlich müssten Russlands Behörden viele ihrer eigenen Athleten verhaften.

Genau das hat der russische Sportminister für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 angedroht. Er sagte, dass das sogenannte "Gesetz gegen Homosexuellen-Propaganda" selbstverständlich auch für Sportler gelte.


Das ist erschreckend. Aber er macht sich mit einer derartigen Aussage selbst lächerlich. Die russischen Sportler repräsentieren ihr Land, sollen mit ihren Leistungen glänzen. Auch die schwulen und lesbischen. Eine Verhaftung würde das Gegenteil bewirken. Und für viele negative Schlagzeilen sorgen.

Russland will mit großen Sportveranstaltungen - wie jetzt der Leichtathletik-WM in Moskau - ein positives Image in die Welt tragen. Besteht nicht die Gefahr, dass Sportler zu Propaganda-Zwecken missbraucht werden?
Dazu wird es nicht kommen. Die Athleten würden sich das nicht gefallen lassen und die Medien werden das zu verhindern wissen.

Viele Homosexuelle fordern dennoch einen Boykott.


Die Athleten sind in einer schwierigen Lage. Sie sind dort, um ihren Sport auszuüben und ihre Leistung zu bringen. Nicht um Politik zu machen. Eigentlich sollte Sport nichts mit Politik zu tun haben, hat er aber doch. Es bringt allerdings nichts zu sagen, ich nehme da nicht teil. Damit ist niemandem geholfen, denn dann müssen sich die Hinterwäldler vor Ort nie verändern. Die Sportler müssen ein Zeichen setzen.

Wie könnte das aussehen?


Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Vor den Wettkämpfen sind die Athleten auf ihren Sport konzentriert, haben den Kopf nicht frei. Aber danach hat jeder die Chance, sich in Interviews frei zu äußern und die Menschenrechtsverletzungen in Russland anzusprechen und anzuprangern. Jeder Athlet sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein. Es ist aber wichtig, dass jeder Sportler etwas Positives aus seiner Art des Protestes zieht.

Ist den meisten Athleten die Problematik überhaupt klar?


Allen sicherlich nicht. Manche werden von ihren Trainern bewusst vor Nachrichten geschützt, um die Leistung im Sport nicht zu gefährden. Umso wichtiger ist es, sie nach ihren Wettkämpfen über die Ausgrenzung in Russland aufzuklären.

Aber wer soll das machen? Der Verband? Die Funktionäre?


Jeder Sportler, der sich darüber bewusst ist, dass Ausgrenzung keine Lösung ist und den Mut hat, seine Meinung zu äußern.

Bislang hat sich im deutschen Kader kein Mann und keine Frau zu seiner Homosexualität geäußert. Woran liegt das?


Das weiß ich nicht. Ich habe den Leichtathletikverband in meiner aktiven Zeit als sehr offen und tolerant erlebt. Anders als im Fußball wird das Thema Homosexualität nicht tabuisiert. Da gibt es alles. Das ist konsequent, denn ein Sportler kann viel besser seine Leistung bringen, wenn er glücklich ist.

Haben Sie nie Ausgrenzung oder Diskriminierung erlebt?


Nein. Die Sportler die ich kenne, würden sich das auch nicht gefallen lassen. Und ich oder andere hätten es auch nicht zugelassen.

Gab es nicht mal einen dummen Spruch, nachdem aus der Stabhochspringerin Yvonne der Stabhochspringer Balian wurde?


Mich persönlich haben solche Sprüche nie erreicht. Alle mit denen ich gesprochen habe, reagierten sehr offen darauf.

Das klingt fast so, als seien Leichtathleten bessere Menschen.


Das nicht. Aber die meisten haben - verzeihen Sie den Ausdruck - Arsch in der Hose.

Interview: Jens Maier

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