Anzeige
Anzeige

Winterspiele 2022 Nerven behalten unter tristen Bedingungen: Natalie Geisenberger krönt sich zur deutschen Olympia-Königin

Natalie Geisenberger im Zielbereich in Yanquin
Natalie Geisenberger im Zielbereich in Yanquin
© Adam Pretty / Getty Images
Natalie Geisenberger gewinnt in Peking mit dem Team ihre sechste Goldmedaille bei olympischen Winterspielen. Und löst Claudia Pechstein als erfolgreichste, deutsche Winter-Olympionikin ab. Dabei hatte sie mit dem Gedanken gespielt, die Spiele zu boykottieren.

Für den historischen Triumph mussten Natalie Geisenberger und das deutsche Rodel-Team hart kämpfen. Geisenberger war auf der Eisbahn von Yanquing hinter ihre österreichische Konkurrentin Madeleine Egle zurückgefallen. Johannes Ludwig verkürzte den Vorsprung und der Doppelsitzer aus Tobias Wendl und Tobias Arlt schaffte die Wende: Gold für Deutschland, Silber für Österreich. Im Ziel jubelte die Deutschen recht verhalten angesichts des schon fast unheimlichen Erfolges. Vielleicht war der Druck vorher zu groß oder sie konnten es nicht so recht glauben: Sie gewannen alle Rodel-Wettbewerbe, viermal Gold.

Doch nicht nur die Dominanz der deutschen Rodler ist etwas für die Geschichtsbücher: Mit dem Gewinn ihrer zweiten Goldmedaille bei den Winterspielen in Peking hat Natalie Geisenberger ihre Karriere endgültig zu einem Superlativ gemacht. Die 34-Jährige ist jetzt die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin aller Zeiten. Sechsmal Gold hat sie gewonnen und ist damit an Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vorbeigezogen. Die Doppelsitzer Tobias Arlt und Tobias Wendl sind mit ebenfalls sechs Goldmedaillen gleichauf mit Geisenberger, auch sie dürfen sich erfolgreichste deutsche Winter-Olympioniken nennen.

Natalie Geisenberger war "brutal nervös"

Dass die Polizistin aus dem bayerischen Miesbach in den Bergen von Yanquing erneut groß auftrumpfte, damit konnte man rechnen, musste es aber nicht. Geisenberger war als Mitfavoritin nach China gereist, ihre junge Konkurrentin Julia Taubitz, Gesamtführende des Weltcups, galt als erste Goldkandidatin. Im zweiten Lauf des Einzelwettbewerbs vor wenigen Tagen stürzte Taubitz in der anspruchsvollen Kurve 13, die einigen Athleten zum Verhängnis wurde. Bis dahin hatte sie mit 57 Tausendsteln Vorsprung vor Geisenberger in Führung gelegen.

Und die Kurve 13 bereite Geisenberger ebenfalls Albträume. Vor Beginn des dritten und vierten Durchgangs bekannte sie offen, wie "brutal nervös" sie sei und wie verdammt schlecht sie geschlafen habe. Alles wegen der Kurve 13. Schon beim Weltcup im vergangenen November auf der Olympia-Strecke und im Abschlusstraining vor dem Einzelrennen war sie an der Stelle gestürzt. Als es ernst wurde, half ihr sicher die Erfahrung von vier Olympischen Winterspielen, an denen sie seit Vancouver 2010 teilnahm. Sie meisterte die komplizierte Stelle auch in den Läufen drei und vier mit traumwandlerischer Sicherheit und gewann Gold. 

Zur Geschichte ihres unglaublichen Erfolgs gehört, dass sie fast gar nicht in Peking angetreten wäre. Im November beim Weltcup hatten die chinesischen Behörden sie als Kontaktperson nach der Anreise in Quarantäne gesteckt. Die Bedingungen im Hotel waren mies, der Umgang mit den Athleten rüde und das Essen schlecht. Geisenberger dachte laut über einen Boykott nach und beschwerte sich bei IOC-Präsident Thomas Bach.

Ihr Rücktritt ist offen

Zusagen des IOC, die Bedingungen zu verbessern, und ihr sportlicher Ehrgeiz, die Medaillen-Bilanz aufzubessern, milderten ihre Empörung. Vielleicht wollte sie auch beweisen, dass sie nach der Geburt ihres Sohnes Leo vor 18 Monaten weiterhin fit genug für das Podium ist. Grundsätzlich aber gilt natürlich für alle Athleten: Olympia ist größer als alles andere. Das gilt genauso für Peking – trotz der Missachtung der Menschenrechte und den Auswirkungen der Pandemie. Während der Spiele hat sich Geisenberger dennoch zur Zensur geäußert. Sie verteidigte Athleten, die sich mit politischen Äußerungen zurückhielten. "Man muss vorsichtig sein, wann, wo und was man sagt."

Wenn Geisenberger den Heimflug antritt, tut sie das als eine der größten deutschen Sportlerinnen überhaupt. Vor über 15 Jahren begann ihre Karriere mit dem Weltcup in Altenberg, wo sie als 18-Jährige auf Anhieb auf den zweiten Rang raste. Es bleibt die Frage, wann Geisenberger zurücktritt. Vielleicht macht sie weiter bis zur WM in einem Jahr in Oberhof. Dort könnte sie mit großen Bahnhof verabschiedet werden. Es wären vermutlich Zuschauer dabei, und ihre Familie. In Peking ist sie zwar endgültig in den Athleten-Olymp aufgestiegen, aber unter tristen Bedingungen. Die große Sause kann sie in Oberhof nachholen.

Quellen: DPA, "Deutsche Welle", "Bild", "Süddeutsche Zeitung", "Sportschau"

Mehr zum Thema

Newsticker

VG-Wort Pixel