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NFL: NFL-Kolumne - Die Championship Games unter der Lupe

In den beiden Championship Games waren es eher die Sündenböcke, denn die Helden, die das Geschehen beherrschten. Die armen Sünder nimmt unser NFL-Kolumnist in Schutz und erklärt, warum ihre jeweiligen Teams verloren haben.

Wäre ich nicht eh schon NFL-Fan, dann wäre ich spätestens nach den Championship Games einer geworden. Nein, es waren nicht die hochklassigsten Spiele und die perfekten Leistungen, die die vier Teams ablieferten. Im Gegenteil, am Ende gewannen diejenigen, die weniger Fehler machten. Aber genau solche Spiele machen den Reiz dieses Sports aus.

Allerdings möchte ich die vermeintlichen Sündenböcke in Schutz nehmen, die auf die Namen Kyle Williams, Billy Cundiff und auch Lee Evans hören. Es ist wie bei der Schiedsrichterschelte: Wenn eine Szene über Sieg oder Niederlage entscheidet, hat man in den weiteren 59 Minuten des Spiels auch nicht alles richtig gemacht.

Was machst du mit dem Knie, lieber Kyle?

Zunächst mal das Negative. San Franciscos Kyle Williams hat zwei Fehler gemacht, die zu zehn Punkten der Giants und damit letztlich der Niederlage führten. Und ja, gerade die Szene im vierten Viertel, die zum Touchdown führte, war... sagen wir mal sehr, sehr unglücklich.

Denn den Punt von Steve Weatherford wollte er niemals zurücktragen, bekam diesen aber an das Knie. Das gilt als Berührung und macht den Ball zu einem freien Ball, den jeder aufnehmen darf. Das taten die Giants auch, während Williams keinerlei Anstalten machte, dem Spielgerät hinterherzujagen. New York durfte zwar keinen Touchdown aus dem Ballverlust erzielen, weil es eben nur ein "muffed catch", wörtlich übersetzt ein verpatzer Fang, und kein Fumble war. Williams wird sich nun zwei Fragen gefallen lassen müssen: Warum ist er nicht einfach weiter weg vom Ball gegangen? Und hat er nicht gemerkt, dass der Ball sein Knie berührte?

Der zweite Fumble in der Verlängerung, der schließlich zu Lawrence Tynes entscheidendem Field Goal zum 20:17 führte, ist dagegen eher "gewöhnlich". Namensvetter Jacquian Williams bekam die Hand an den - zugegeben etwas fahrlässig gehaltenen - Ball, so etwas passiert. In dieser Situation war das natürlich sehr, sehr unglücklich. Und ein bisschen besser hätte Williams den Ball bei diesen Wetterbedinungen sicher festhalten können.

Hut ab, Mr. Williams und 49ers!

Beeindruckend war jedoch, wie seine Mitspieler nach Spielende zu Williams hielten. Und beeindruckend war auch, wie er sich den Kameras und Reportern stellte. Für einen 23-Jährigen zeigte er eine Menge Größe und benutzte eine Schulterverletzung, von der zumindest sein Vater bei nfl.com berichtete, nicht als Ausrede.

Zu den Leuten, die ihm - wegen eines Fehlers in einem Spiel - nun mit Todesdrohungen per Twitter kommen, möchte ich eigentlich nicht viel sagen. Nur soviel, die Anonymität des Internets ist für einige Leute oft genug der Deckmantel, um sämtliche gute Kinderstuben über den Haufen zu werfen. Mir tun diese Leute leid.

Noch einmal zurück zum Spiel. Williams Fehler waren nicht die einzigen, die für die Entscheidung sorgten - womit wir wieder bei meiner Ausgangsthese wären. So übersah Alex Smith, der eine Woche zuvor gegen die Saints das Spiel seines Lebens gemacht hatte, mehrfach seine Wide Receiver oder überwarf sie. Einer dieser Würfe hätte ausgerechnet Williams zum Touchdown geführt. So nahm sich Smith auch zum unpassenden Moment gedankliche Auszeiten. 

Cundiff in guter Gesellschaft

Die nahm sich schließlich Baltimore Ravens-Kicker Billy Cundiff ebenfalls, der mit elf Sekunden auf der Uhr einen 32-Yard-Schuss zum möglichen Ausgleich bei den New England Patriots vergab. Zunächst: Ein NFL-Kicker muss aus dieser Distanz einfach treffen, es sei denn die Wetterumstände sind zu widrig, waren sie aber nicht.

Dafür gab es einen anderen Umstand, der Cundiff etwas entlastet. Anstatt eine Auszeit zu nehmen, wurden er und der Rest des Field-Goal-Teams hektisch auf den Platz geschickt. So waren gerade einmal noch zehn Sekunden auf der Playclock, als er Maß nahm. Football-Kicker, die anders als Fußballer ihre Schritte genau zählen, sind mit solchen Sachen leicht aus dem Rhytmus zu bringen. Coach John Harbaugh und seinen Trainerteam gebührt hier eine Mitschuld.

Ebenso wie Mitspieler Lee Evans, der sich zwei Spielzüge zuvor den Ball von Sterling Moore in der Endzone aus der Hand schlagen ließ. Oder der Defense, die an einem wirklich guten Tag aus den schlechten Leistungen von Patriots-Quarterback Tom Brady mehr Kapital hätte schlagen müssen, denn dazu ist die drittbeste Verteidigung der Liga sehr wohl in der Lage.

Oder Quarterback Joe Flacco, dem man eine sehr gute, unerwartet gute Leistung sogar, bescheinigen musste. Der aber nicht nur einmal einen freistehenden Wide Receiver übersah. Wie bei Smith gilt hier natürlich auch, solche Fehlwürfe passieren Woche für Woche in der NFL. Wie Fehlschüsse oder Fumbles. Manchmal denke ich entscheidet auch der Zeitpunkt über Todesdrohungen oder Achselzucken der Fans.

Selbsterkenntnisse

Angesichts dreier Super Bowl-Ringe wird Brady - und des Einzugs in das Spiel aller Spiele, wodurch er übrigens mit fünf Teilnahmen mit John Elway gleichzieht, - niemand in Boston mit irgendwelchen Drohungen kommen. Dass er jedoch ein ungewöhnlich schlechtes Spiel ablieferte, hatte er selbst nach der Partie eingesehen und bedankte sich bei seiner Defense dafür, den Super Bowl-Einzug möglich gemacht zu haben. 

Was mich trotz aller Fehler Bradys, die zwei Interceptions waren nur die Spitze des Eisbergs, begeisterte, war sein "Lauf" zum 23:20. Kopfüber stürzte er sich über seine Offensive Linemen in die Endzone, um für den Touchdown zu sorgen. 

Und noch einer, der bereits sehr lange in der Liga ist, verdiente sich während und nach der Partie weiterhin meinen Respekt. Ravens-Linebacker Ray Lewis war mit seinen 36 Jahren oft überall auf dem Platz zu finden - 12 Tackles sprechen eine deutliche Sprache. 

Mit viel Klasse, wahrscheinlich auch einer Portion Altersmilde und der Erkenntnis, bereits einen Super Bowl-Ring zu haben, gab sich Lewis nach der Niederlage gelassen. Einen Tag später gab er dazu bekannt, dass er seine Karriere noch nicht an den Nagel hängen wird - da ist einer noch hungrig auf Titel.

Doch erst einmal sind die Giants und Patriots dran - doch mehr zum Super Bowl in der nächsten Woche...

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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