Radsport Deutschland-Tour auf TV-Kippe


Boykottieren oder selektieren - nach ihrem Ausstieg aus der Tour-de-France-Berichterstattung diskutieren ARD und ZDF über ihr zukünftiges Sendeverhalten in Sachen Radsport. Sicher ist nur eines: von der Übertragungsdiskussion profitieren momentan vor allem die privaten Sender.

Nach dem kontrovers diskutierten Ausstieg von ARD und ZDF aus der Live-Berichterstattung der Tour de France stehen auch andere Radsport-Veranstaltungen auf der TV-Kippe. So liegen etwa die Übertragungsrechte für die Deutschland-Tour vom 10. bis zum 18. August bei der ARD. Während bei der Straßen-WM im September in Stuttgart das ZDF die Federführung hat. Ob sie die Deutschland-Tour absagen sollen, darüber berieten sich die ARD-Intendanten jetzt in einer Schaltkonferenz. Einen generellen Boykott von Sport-Großereignissen bei Doping-Fällen schließen die öffentlich-rechtlichen Anstalten allerdings aus. Das gelte vor allem für die Olympischen Spiele.

"Natürlich nimmt der Druck auf uns jetzt zu. Aber es gibt kein festes Szenario, wie wir uns verhalten werden. Jeder neue Doping-Fall muss gesondert behandelt werden", sage ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz am Freitag. Auch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hatte am Vortag in der Talkshow von "Maybrit Illner" einen TV-Verzicht auf Olympia 2008 in Peking abgelehnt. In der Sendung hatte unter anderem Rad-Profi und Doping-Beichter Jörg Jaksche über Doping-Praktiken mit chinesischen Kindern und Jugendlichen berichtet.

Eurosport - der glückliche Dritte

Nach dem spektakulären Ausstieg von ARD/ZDF und dem umstrittenen Einstieg von Sat.1 fühlt sich Eurosport als Gewinner im Tour-TV-Streit. Der Spartensender konnte bei der Übertragung der elften Etappe seine Zuschauerzahl mit durchschnittlich 957.000 auf das Dreifache gegenüber den Vortagen steigern. Der Marktanteil lag bei 8,9 Prozent. "Die Zuschauer, die von ARD und ZDF gekommen sind, sind bei uns geblieben", sagte eine Eurosport-Sprecherin. Sat.1 erreichte bei der Tour-Premiere am Donnerstag dagegen nur 500.000 Radsportfans (4,7 Prozent). Der Privatsender hatte die Etappe kurzfristig ins Programm genommen.

ARD und ZDF kamen während der ersten neun Etappen auf einen durchschnittlichen Marktanteil von 13,5 Prozent. Damit übertrafen sie nach Angaben von Media Control sogar den Vergleichswert aus dem Vorjahr (13,0 Prozent). Größter Quotenbringer war bisher die Übertragung die Bergetappe zwischen Le Grand Bornand und Tignes. 2,42 Millionen verfolgten am vergangenen Sonntag bei der ARD, wie sich T-Mobile- Fahrer Linus Gerdemann das Gelbe Trikot sicherte. Trotz guter Quote: Einen Wiedereinstieg in die Tour-Berichterstattung schlossen ARD und ZDF aus. Am Freitag befanden sich 70 Prozent der ARD-Mannschaft bereits auf dem Heimweg. Lediglich die Doping-Redaktion blieb in Frankreich.

Beim Sport hört die Solidarität auf

Das Sat.1-Engagement stieß derweil auf ein geteiltes Echo. Der Sender hatte die Sublizenzen vom französischen Rechteinhaber A.S.O. erworben. Mangels Sendeplatz - der Fußball-Ligapokal hat Vorrang - wird das Zeitfahren an diesem Samstag allerdings von ProSieben übertragen.

Dieser fliegende Wechsel von den öffentlich Rechtlichen zum privaten Sender hatte in Deutschland viel Kritik hervorgerufen. Während das Ausland Verständnis für Sat.1 zeigte, ist der Vorgang für den Medienexperten Josef Hackforth von der TU München ein Beweis, dass es keine Solidarität unter Medien gibt. "Die Ware Sport ist so wichtig für Sat.1, die ja ansonsten kaum noch Sportrechte haben, dass sie jetzt die Chance nutzen und sozusagen stellvertretend einspringen", sagte der Leiter der deutschen Journalistenschule im Sport1.de-Interview.

"Ich finde das ziemlich schamlos"

Auch der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert, hat den Einstieg von Sat.1 scharf kritisiert. "Ich finde das ziemlich schamlos, da geht es ganz offensichtlich nur um Geld", sagte der SPD-Politiker im Bayerischen Rundfunk. "Gerade eine Redaktion, die weite Teile ihres Teams entlassen hat, die gar kein Sportteam mehr hat, die machen sich jetzt daran, Sport zu übertragen", sagte Danckert. "Ich finde das ziemlich grotesk." Den Rückzug von ARD und ZDF aus der Tour de France bezeichnete Danckert dagegen als richtig und konsequent. Er gehe davon aus, dass das Interesse der Sponsoren an dem weltgrößten Radrennen sehr schnell nachlassen werde: "Und wenn die finanzielle Basis für den Radsport und andere Sportarten fehlt, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Herrschaften anfangen umzudenken."

Dagegen sagte der Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer, Harald Pfab, der Ausstieg von ARD und ZDF treffe am ehesten die deutschen Radsportteams, die an der Spitze der Bewegung stünden und sich um einen sauberen Radsport bemühten. "Insofern begrüße ich sehr das Engagement von Sat.1, hier wieder einzusteigen", sagte Pfab.

Peter Hübner/DPA DPA

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