Red Bull Air Race Kamikaze-Show am Himmel


Top Gun-Feeling am Flughafen Tempelhof: die "Formel-1 der Lüfte" hat einen Stopp in Berlin eingelegt. Die besten Piloten der Welt begeisterten über 600.000 Zuschauer mit waghalsigen Flug-Manövern.
Von Svenja Schierer, Berlin

Lautes Dröhnen erfüllt die Luft. Ein rauchendes Heck taucht am Himmel auf. Ein Flugzeug stürzt in die Tiefe. Tausende Augenpaare schauen angsterfüllt in die Höhe. Kurz bevor die Maschine auf den Boden prallt, zieht der Pilot den Steuerknüppel hoch und lenkt sein Fluggerät mit höchster Präzision durch zwei 18 Meter hohe aufgeblasene Pylone. Erleichtert atmen die Zuschauer auf.

Das Red Bull Air Race wird auch die "Formel-1 der Lüfte" genannt. Die Mischung aus Flug- und Rennsport macht dieses Sportereignis zu etwas ganz Besonderem: der ersten Flugweltmeisterschaft. 2003 fand in Österreich erstmals ein Rennen im kleinen Rahmen statt. Die Fans waren so begeistert, dass es mittlerweile eine ganze Rennserie gibt. Über das Jahr verteilt treten elf Top-Piloten in neun verschiedenen Städten gegeneinander an. Mal über Wasser, mal über Land riskieren sie Kopf und Kragen und beeindrucken durch ihr außergewöhnliches Können. In diesem Jahr hat der Flugrennzirkus erstmals in Deutschland Halt gemacht.

Historie trifft Moderne

Noch vor gut 60 Jahren landeten die Rosinenbomber im 90-Sekunden-Takt im Herzen von Berlin, um die isolierte Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen. Im Jahr 2006 hoben nun erstmals die Air Race-Piloten vor der geschichtsträchtigen Kulisse des Berliner Tempelhofs ab. Nach Abu Dhabi und Barcelona war Berlin der dritte Stopp für die Flugakrobaten. Bereits bei den ersten beiden Rennen wurden die Könige der Lüfte frenetisch bejubelt. Und auch in der Hauptstadt machten sich trotz Schmuddel-Wetters über 600.000 Menschen auf den Weg zum dienstältesten Verkehrsflughafen der Welt, über dem schon Flugpioniere wie Otto Lilienthal und die Gebrüder Wright ihre Runden drehten.

Die Himmelsstürmer von heute müssen ihr Können in zwei Durchläufen unter Beweis stellen. Im Wettlauf mit der Zeit und im Kampf mit der Schwerkraft durchfliegen die erfahrenen Piloten mit vorgeschriebenen Manövern den abgesteckten Parcours. Durch die blaugestreiften Pylonen ("Air Gates") müssen sie waagerecht ("Level flying") und durch die rotgestreiften senkrecht fliegen ("Knife-edge flying"). Fliegen sie zu hoch oder zu tief oder berühren gar die "Air Gates", bekommen sie Strafsekunden aufgebrummt. Was sich einfach anhört, stellt höchste Anforderungen an die Piloten: Präzision, Geschicklichkeit, Mut und Konzentration sind hier gefragt.

Rekorde lagen in der Luft

Der Parcours am Tempelhof und die Berliner Luft schienen den Piloten gut zu liegen. Berlin wurde zum Ort der neuen Rekorde. Erstmals in der Geschichte des Air Races bekam keiner der Piloten Strafsekunden zu seiner Zeit addiert. Den beiden Siegern der bisherigen Rennen, dem Ungarn Peter Besenyei und dem Amerikaner Kirby Chambliss, gelangen in der Hauptstadt gar zwei unvorstellbare Bestmarken. Besenyei musste eine Schwerkraftbelastung von 13,8 G, also fast das 14-fache seines Körpergewichts, aushalten, während Chambliss mit der Rekord-Geschwindigkeit von 519 km/h durch den Parcours düste.

Der schnelle Chambliss bereitet sich jedes Mal auf ganz besondere Art auf seine Rennen vor. "In Gedanken setze ich mich vor jedem Rennen schon einmal auf das Siegerpodest", erzählt der amerikanische Rennpilot. Einmal konnte er sich seinen Wunsch in diesem Jahr bereits erfüllen. Der Sunnyboy aus Texas gewann das Rennen in Abu Dhabi und durfte ganz oben auf das Siegerpodest steigen.

Spannung bis zum letzten "Air Gate"

Einen erneuten Triumph von Chambliss zu verhindern, war das erklärte Ziel seiner ärgsten Konkurrenten, dem amtierenden Weltmeister und ehemaligen Top-Gun Piloten Mike Mangold und dem waghalsigen Ungarn Peter Besenyei. Diese drei Kontrahenten teilten in den bisherigen Rennen die Plätze auf dem Siegerpodest untereinander auf. So sollte es auch in Berlin bleiben. Dennoch war das Rennen an Spannung kaum zu überbieten. Der Amerikaner Mangold schloss den ersten von zwei Läufen mit nur einer halben Sekunde Vorsprung auf seinen Landsmann Chambliss ab. Als dritter flog Besenyei mit seiner Maschine über die Ziellinie.

In die entscheidende zweite Runde starteten die Könige der Lüfte in umgekehrter Reihenfolge. So konnte sich Besenyei mit seinem zweiten Flug kurzzeitig an die Spitze setzen. Doch dann lieferte Kirby Chambliss ein sensationelles Rennen ab und ging in Führung, bevor der amtierende Weltmeister Mangold abhob. Eine Zeit wie im ersten Lauf, und Mangold hätte zum ersten Mal in diesem Jahr den Thron besteigen können. Doch dazu sollte es nicht kommen. Er verlor wertvolle Zeit, und Chambliss' Traum vom Sieg erfüllte sich ein zweites Mal. Vor der jubelnden Menge stieg er auf das Podest mit der Nummer eins und übernahm gleichzeitig die Führung in der Gesamtwertung.

Der Liebling der Massen

Heimlicher Gewinner war jedoch ein anderer Pilot: Lokalmatador Klaus Schrodt. Beflügelt von der Unterstützung des Publikums lieferte der Wahl-Berliner mit seiner Maschine eine grandiose Vorstellung ab, die jedoch leider nicht mit einem Podiumsplatz belohnt wurde. Mit großem Abstand auf die drei Top-Piloten belegte er Platz vier, war aber für die Berliner Zuschauer der wahre Gewinner.

Schon in drei Wochen kann Schrodt die drei dominierenden Piloten erneut herausfordern. Der Red Bull Air Race-Zirkus wird seine Zelte dann in St. Petersburg aufschlagen und den Zuschauern wieder ein fantastisches Flugsport-Erlebnis bieten.


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