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20. Grand-Slam-Titel: Roger Federer - der Größte aller Zeiten

Der Sieg bei den Australian Open macht Roger Federer zum ersten männlichen Spieler, der 20 Grand-Slam-Turniere gewinnt. Aber schnöde Statistiken werden der Karriere des Meisters längst nicht mehr gerecht. Er ist der bedeutendste Botschafter seines Sports. Und irgendeines Sports.

Roger Federer

Kein Mann hat die schönsten Tennis-Trophäen häufiger geküsst als Roger Federer

Am Ende blieb kein Auge trocken in der Rod Laver Arena. Nicht bei Roger Federer, nicht bei seinem Vater, nicht bei Federers Frau Mirka, nicht bei den Trainern Severin Lüthi und Ivan Ljubičić, nicht bei den australischen Tennis-Legenden im Publikum, nicht bei den gerührten Fans. Sie alle kämpften mit den Tränen, so wie Federer selbst bei seiner Dankesrede nach dem Sieg gegen Marin Cilic im Finale der Australian Open.

Ähnlich überwältigt war der Schweizer an gleicher Stelle zuvor schon zwei Mal: Nach dem verlorenen Finale 2009 gegen Rafael Nadal kamen ihm ebenfalls die Tränen - damals schienen sie der Verzweiflung geschuldet zu sein, dass er gegen den Spanier zum wiederholten Mal kein Mittel gefunden hatte; und im vergangenen Jahr, als Federer nach monatelanger Pause ein märchenhaftes Comeback mit dem Finalsieg gegen, genau, Nadal gelang.

Roger Federer: 20. Grand-Slam-Titel im 30. Finale

Das ist vielleicht der erstaunlichste Aspekt an Federers neuerlichem Triumph in Melbourne: die Titelverteidigung. Sein Sieg vor zwölf Monaten kam noch einer Sensation gleich, war es doch sein erster Grand-Slam-Titel seit Wimbledon 2012. Dass er ihn gegen seinen ewigen Rivalen errang, trieb Nostalgikern die Freudentränen in die Augen, beflügelte aber auch beide Kontrahenten derart, dass sie anschließend auch die restlichen Major-Titel des Jahres brüderlich untereinander aufteilten.

Trotzdem war nicht zu erwarten, dass Federer seinen Lauf 2018 nahtlos fortsetzt. Es gilt als größte sportliche Leistung, die errungene Spitzenposition zu bestätigen. Aber nur, weil Federer dies seit anderthalb Jahrzehnten immer wieder gelingt und er es dank seines Stils so mühelos aussehen lässt, ist das nicht weniger bemerkenswert. Im Gegenteil: Der Mann ist inzwischen 36 Jahre alt. Nur Ken Rosewall war 1972 noch sieben Monate älter, als er seinen letzten Titel in Australien gewann.

Mit dem Sieg gegen Cilic hat Federer seinen 20. Grand-Slam-Titel im 30. Finale errungen. Zum Vergleich die entsprechenden Zahlen der anderen großen Tennis-Legenden: Boris Becker hat sechs solcher Trophäen im Schrank, John McEnroe sieben, Ivan Lendl und Andre Agassi je acht, Björn Borg elf, Pete Sampras 14, Nadal 16.

Nach Zahlen ist der "Maestro" also der größte Tennisspieler aller Zeiten. Aber schnöde Statistiken werden seiner unwirklichen Karriere längst nicht mehr gerecht. Seit er vor knapp 15 Jahren mit dem Sieg im Wimbledon-Finale gegen Mark Philippoussis seinen ersten Grand-Slam-Titel holte, ist Federer aufgestiegen zum größten Botschafter seines Sports, oder besser: irgendeines Sports.

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Seine Bedeutung ist nicht in Zahlen zu messen. Kein aktiver Athlet hat eine größere Fangemeinde. Sein Instagram-Post zum Sieg in Australien hat in gut 20 Stunden bereits über 1,3 Millionen Likes gesammelt. Der Trubel, der auf jeder Anlage der Welt um ihn herrscht, gleicht inzwischen einer Art "Beatlemania" des Tennis-Zirkus. Wenn er auf einem Nebenplatz trainiert, ist der Andrang garantiert größer als zeitgleich auf dem Center Court. Trotzdem beeindruckt der Meister mit Bescheidenheit. Eurosport-Kommentator Matthias Stach berichtet, wie Federer vom Turnierdirektor über den Schiedsrichter bis zum Balljungen allen Verantwortlichen auf Augenhöhe begegnet.

Seine Demut wird mit jedem Erfolg größer

Proportional zu jedem weiteren Erfolg scheint Federers Demut gegenüber den eigenen Erfolgen immer noch ein bisschen größer zu werden. So selbstverständlich seine Siege den Beobachtern scheinen, so genau weiß er, wie viel Arbeit sie ihn kosten. In Kombination mit dem Willen, sich im Laufe seiner Karriere immer wieder neu zu erfinden, macht ihn diese Charaktereigenschaft für Menschen rund um den Globus zur Inspiration - und zwar nicht nur für große Schriftsteller wie David Foster Wallace, der schon Mitte der Nullerjahre das Spiel des Schweizers als religiöse Erfahrung beschrieb

"Federer ist in seinen schlechten Phasen immer noch besser als die meisten anderen in ihren guten Phasen", hat Boris Becker als Eurosport-Kommentator die Dominanz des Roger Federer auf den Punkt gebracht. Solange dieses Missverhältnis besteht, ist ein Ende seiner Ära nicht absehbar. Das ist die gute Nachricht für alle Tennis-Fans. Denn auch wenn manche Experten prognostizieren, dass Federer noch als 40-Jähriger Turniere gewinnen könnte: Irgendwann wird sein Rücktritt die größte Lücke in der Geschichte seines Sports reißen. Oder besser: in der Geschichte irgendeines Sports.

Darüber sollten die Fans lieber nicht nachdenken. Noch lange nicht.

Philipp Lahm

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