HOME

Segeln: Algenpest im Albtraumrevier

Das Olympiarevier von Qingdao ist vieles, nur nicht olympiawürdig. Schreckensnachrichten von Algenpest, Nebelschwaden, Smog und Dauerflaute haben das Negativ-Image vom Albtraumrevier in der Fushan Bucht zementiert. Die Segler verbindet nur eine Hoffnung: Im August soll alles besser werden.

Von Tatjana Pokorny

Die Eckdaten des olympischen Segelreviers von Qingdao klingen in etwa so verlockend wie die einer Eisdiele ohne Eis: Die Sichtweite beträgt hier an manchen Tagen kaum zehn Meter. Trainingskollisionen sind keine Seltenheit. Der Wind trägt mit schlappen fünf Knoten auch nicht zu mehr seglerischem Vergnügen bei.

Gerade erst zappelten wieder einige Boote in der von den chinesischen Organisatoren soeben neu errichteten, 32.000 Meter langen Algenbarriere zum Schutz der olympischen Kurse gegen neuen Algenbefall. Die kleinen Jollen, Katamarane und Kielboote hatten im grauen Schleier über der Fushan Bucht schlicht die Orientierung verloren.

Tornado-Steuermann Johannes Polgar, zur Zeit mit der Mehrheit der deutschen Olympiasegler zur letzten Trainingseinheit in Qingdao, schildert stern.de die Bedingungen: "Wir hatten gestern das ZDF mit draußen. Die waren platt, konnten kaum glauben, was sie gesehen und gedreht haben. Wir waren heilfroh, dass unser Trainer Rigo de Nijs ein GPS (Navigationsgerät, die Red.) an Bord hatte, sonst wären wir jetzt vielleicht in Korea."

Die Algen vertrocknen unter bestialischem Gestank

Polgar beschreibt eine mystische Szenerie: "Da draußen sind weiterhin täglich 300, 400 Dschunken, die die Algen aufnehmen. Die Zweitakter machen einen unglaublichen Lärm, haben aber schon einiges geschafft."

Zumindest die blau-grüne Algenpest scheint 30 Tage vor dem ersten Startschuss der olympischen Segelregatta im Gelben Meer einigermaßen im Griff. 130.000 Soldaten und Freiwillige haben die wuchernden Teppiche in den vergangenen Wochen in emsiger Handarbeit, größtenteils mit einfachen Holzgabeln oder per Hand aus dem trüben Gewässer gefischt.

Jetzt liegen die Meeresgewächse in riesigen Haufen an Land oder auf küstennahen Felsen, vertrocknen dort quälend langsam bei 25 Grad Lufttemperatur aber 100 Prozent Luftfeuchtigkeit unter bestialischem Gestank.

Für die Segler ist Qingdao ein Albtraumrevier

"Es ist hier wie Schwarz-Weiß-Segeln - Smog und Nebel schlucken alle Farbe", berichtet DSV-Aktivensprecherin und Yngling-Steuerfrau Ulrike Schümann vor ihrer Olympiapremiere. Doch die Enttäuschung über das unschöne Revier ist längst Pragmatismus und Zweckoptimismus gewichen: "Bis zum August werden bessere Bedingungen herrschen. Bis dahin machen wir das Beste daraus."

Auch Großbritanniens Segelsuperstar Ben Ainslie spart nicht mit Kritik: "In vielerlei Hinsicht muss man dieses Revier sicher als Albtraumrevier bezeichnen, doch die Bedingungen sind für alle gleich." Gleich schlecht, versteht sich. Der kanadische Trainer Dave Hughes erklärt: "Es gibt nun zwei Schulen von Seglern: die, die sich darüber beklagen, weil es ein wirklich schreckliches, ja absolut abscheuliches Revier ist. Oder die, die sagen: Es ist, was es ist, und wir müssen damit klar kommen."

Johannes Polgar und sein Vorschoter Florian Spalteholz aus Kiel gehören wie die Mehrheit der kleinen deutschen Segelmannschaft zur zweiten Gruppe. Die bislang zwölfköpfige Equipe - über das olympische Sein oder Nichtsein der "Einzelfälle"(Surferin Romy Kinzl und Lasersegler Alexander Schlonski) entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund erst am 15. Juli - hat sich mental längst auf die unwirtlichen Revier-Bedingungen eingestellt und dafür auch intensiv mit Psychologen gearbeitet.

Infrastruktur top - Revier flop

Die Wahrheit indes können weder Psychologen noch Sportler oder Trainer schönreden. Der australische Trainer Evan McNicol bringt die Lage auf den Punkt: "Eigentlich möchtest Du nicht wirklich in einem verschmutzten Revier segeln gehen. Und ich habe noch niemals ein Revier erlebt, das so verschmutzt ist."

Für die Segler ist die Wahl der 8-Millionen-Einwohner-Hafenstadt Qingdao als Austragungsstätte kein Segen, obwohl die Gastgeber eine perfekte Infrastruktur geschaffen haben. Das Gesamtbudget für den Bau des 450.000 Quadratmeter großen internationalen Segelzentrums und die Verlegung der bis vor zwei Jahren dort ansässigen Unternehmen hat 437 Millionen US-Dollar verschlungen. Göran Petersson, Präsident des Internationalen Segler-Verbandes (ISAF) sagte nach einem Besuch: "Es ist ganz sicher der beste Hafen, den ich für olympische Segelregatten je gesehen habe!"

Für das Revier trifft diese Aussage nicht zu. Johannes Polgar lacht verzweifelt, wenn er an die Berichterstattung denkt: "Zu den Gewinnern dieser Olympischen Spiele werden auch alle jene Sportarten gehören, die unsere Sendezeiten bekommen." ARD und ZDF werden im rund eine Flugstunde von Peking entfernten Qingdao keine Teams stationieren. Zu groß der Aufwand, zu wenig attraktiv die Bilder. Denn die Fushan Bucht ist auch als Flautenrevier berüchtigt.

Polgars Botschaft an das Internationale Olympische Komitee: "Wo kein Schnee ist, kann man nicht Skifahren, wo kein Wind ist, kann man nicht segeln." 400 Seglerinnen und Segler werden es ab 9. August dennoch versuchen. Trotz der Rahmenbedingungen ist Polgar sicher: "Die Guten werden wieder alle vorne sein und sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Wir gehören hoffentlich dazu."

Anzeige
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity