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T-Mobile-Team: Bis an die Grenzen

Sie wollten Lance Armstrong endlich bezwingen. Doch was sie auch immer versuchten, Jan Ullrich und seine Mitstreiter vom T-Mobile-Team scheiterten. Der stern kam ihnen ganz nah bei ihrer drei Wochen langen Tour der Leiden.

Oben auf dem Plateau von Ax-3 Domaines, zwischen hölzernen Hochhäusern, Containern und vielen Barrieren steht Jan Ullrich im Ziel und kämpft ums Überleben. Erst nimmt ihn beinahe ein Begleitfahrzeug auf die Motorhaube, dann donnert ein Auto der Jury haarscharf an ihm vorbei. Ullrich versucht, in seine schwarze Windjacke zu schlüpfen, er wirkt groggy. Es war sein bester Tag, dieser erste in den Pyrenäen, nur hat er wieder Sekunden verloren auf Lance Armstrong. Man sollte ihn jetzt besser in Ruhe lassen.

Ein paar Meter weiter

parkt ein schwarzer VW-Transporter von T-Mobile, im Schatten 33 Grad, da drin muss es heißer sein als in der Bio-Sauna. Andreas Klöden sackt tropfnass vor Schweiß auf einen provisorisch im Wagen aufgestellten Campingstuhl und schält sich aus seinem Trikot. Dünner, bleicher Oberkörper, Arme und Beine braun gebrannt. Ein Betreuer reibt ihn mit einem feuchten desinfizierenden Tuch ab, eine Coladose knackt, pffft. Klöden trägt ein Pflaster über der Nase, damit er besser Luft kriegt, und nach einer Weile rupft er die Kabel vom Funkgerät ab. Ein Lächeln, aber auch: Kopfschütteln. Nichts zu machen. Armstrong ist nicht zu knacken.

Ullrich sitzt da schon wieder auf seinem Rad, er fährt ins Tal, wo er sich in den Teambus flüchtet. Eigentlich könnten er und seine Mitstreiter nach diesem Samstag stolz sein auf ihre Show. Stolz darauf, wie mutig sie die texanische Menschmaschine immer wieder attackiert haben. Ein dramatischer Kampf. Aber eben auch eine Chronik des Scheiterns, eine Etappe wie die ganze Tour. Und so fühlt sich dieser Tag an wie ein Film in der Endlosschleife: Der Patron schlägt in seinem typischen Fahrstil zu - ein Antritt wie ein gereckter Mittelfinger. Die Konkurrenz verachtend. Vernichtend.

Lance Armstrong steht kurz vor seinem siebten Triumph hintereinander, er hat den Mythos der Tour zerstört. Auch deshalb hassen ihn so viele Leute hier in Frankreich. Die Tour de France wurde konzipiert, um Radfahrer leiden zu lassen und dieses Leid öffentlich auszustellen. Aber Armstrong leidet nicht.

Jan Ullrich sind die Qualen anzusehen. Am Berg wird sein Blick stier, Schweiß tropft auf den Karbonrahmen. Irgendeiner hat "volle Pulle, Ulle" auf den Asphalt gepinselt; er stampft heran, und die Leute brüllen auf ihn ein. Ob der überhaupt noch was wahrnimmt? Als Zuschauer am Straßenrand leidet man mit, da ist keine Distanz mehr, ebenso am Fernseher. Gefühle im Cinemaxx-Format.

Muss man ihm böse sein, dass es wieder nicht reicht? Beim Zeitfahren am kommenden Samstag könnte er sich gerade noch so aufs Podium hieven, Dritter werden. Wäre das ein Debakel?

Man kann seine diesjährige Tour auch als Heldengeschichte erzählen. Innerhalb von neun Tagen ist er zweimal so schwer gestürzt, dass Teamarzt Lothar Heinrich sagt: "Jeder Unfall hätte gereicht, um einen normalen Menschen eine Woche lang krankzuschreiben." Nach seinem zweiten Abflug war Ullrichs Gesicht völlig zerdetscht: blaues Auge, Druckstellen an der Stirn - wie ein überreifer Apfel, der im Herbst vom Baum fällt.

Am Ruhetag in Grenoble fahren sie ihn morgens in eine Privatklinik zum Röntgen. Seine Rippen sind geprellt, der Körper ist übersät mit Hämatomen, denen nur mit Verbänden und Akupunktur beizukommen ist. Aber Ullrich jammert nicht. Er weiß, dass er sich in seinem Zustand blamieren könnte. Er fährt trotzdem weiter. Er greift trotzdem an.

Ruhetag ist ein seltsames Wort für das, was sich im schäbigen Novotel abspielt, wo T-Mobile untergebracht ist. Zehn Fernsehteams belagern das Hotel, in der Lobby sitzen Dutzende Reporter vor ihren Laptops. Die Fahrer verstecken sich in Zimmern, die gerade groß genug sind, um den Koffer auszuklappen. Erst am Abend, als sich alle verzogen haben, schlendern Ullrich und sein Kumpel Matthias Kessler in den Garten und rüber zum Parkplatz hinterm Haus - sie sehen aus wie Buben im Schullandheim, die sich heimlich in den Mädchentrakt schleichen. Etwas abseits hat Ullrichs neue Freundin Sara ihr Wohnmobil abgestellt.

Die Alpen,

zweite Tourwoche. Noch ist Hoffnung. Team-Manager Olaf Ludwig sitzt in seinem Hotelzimmer in Courchevel; mit den großen Spiegeln an den Wänden ist es eingerichtet, als wolle hier jemand einen Pornofilm drehen. Ludwig erzählt davon, dass er Ende des Jahres das Team von Walter Godefroot übernehmen wird; die ganze Infrastruktur, das Personal, schon jetzt Stress. Und während er so erzählt, zeigt das Fernsehen, wie Armstrongs Team Discovery Channel vor dem letzten Anstieg das Tempo verschärft. Ludwig sagt: "Oh, oh!" Er kennt diese Taktik. Aber er ahnt nicht, wie dicke es diesmal kommt. Ludwig wird ganz still. Er sieht, wie Alexander Winokurow abgehängt wird, knapp fünfeinhalb Minuten wird er verlieren; und würde Klöden nicht auf Ullrich warten, dessen Rückstand wäre wohl noch größer als gut zwei Minuten. Als sich Winokurow ins Ziel schleppt, schaltet Ludwig den Fernseher aus.

Wenig später radelt Ullrich zum Hotel. Die Lippen sind aufgeplatzt, von der Hitze, und weil er sich vor Anstrengung immer wieder draufbeißt. Er will sich nicht rausreden, er sagt stoisch: "Die Rippenprellung war wohl ein Handicap." Was er nicht sagt: Jeder einzelne Atemzug muss ihn gepeinigt haben. 60 Atemzüge pro Minute macht er bei Maximalbelastung, Lothar Heinrich sagt: "Das ist wie ein heftiger Messerstich pro Sekunde." Der Adrenalinrausch überspielt die Schmerzen ein wenig. Und die brennenden Beine bieten eine gewisse Abwechselung.

Winokurow geht

schweigend und geschlagen in sein Zimmer. Er hatte einen grausamen Tag, die Beine wollten dem Kopf nicht gehorchen. Und andersrum. Bild des Jammers. Aber am Abend sieht er wieder so fit aus, als wäre er gerade erst angereist. Zu Eule, dem Masseur, hatte er gleich im Ziel gesagt: Morgen attackiere ich. Und dann gewinnt er am nächsten Tag die Königsetappe der Alpen, er bezwingt als Schnellster den gefürchteten Galibier, wo der Gestank qualmender Kupplungen in der Luft hängt. Aber als er hinterher im Ziel in Briançon mit den Blümchen von der Siegerehrung steht, erzählen seine traurigen Augen immer noch die Geschichte vom Vortag.

Es gibt Leute, die sehen in der Tour de France eine Metapher auf das Leben, es ist ein dreiwöchiges Epos, das melodramatische Rückschläge beschreibt und wundersame Auferstehungen. Alle - außer Armstrong - haben dieses Jahr solche Höhen und Tiefen erlebt: Winokurow, ein Favorit, beinahe täglich. Fabian Wegmann, der in Karlsruhe ins Bergtrikot fuhr und am nächsten Tag litt wie ein Hund; Jens Voigt, der sein gelbes Jersey sofort wieder loswurde und vom Fieber geschüttelt aus dem Rennen genommen wurde. Oder Georg Totschnig, der erst aufgeben wollte vor Erschöpfung - und dann unter Tränen eine Bergetappe gewann.

Im Zimmer von Masseur Eule liegt Tobias Steinhauser auf der Pritsche, er hat ein Handtuch umgebunden wie einen Lendenschurz. Eule reibt Steinhausers frisch rasierte Beine mit Franzbranntwein ein, der verzieht dabei nicht mal eine Miene. Steinhauser hatte seinen bittersten Tag gleich zu Beginn der Tour, als er im Teamzeitfahren 15 Kilometer vor dem Ziel nicht mehr mithalten konnte. Der Albtraum jedes Radprofis, wenn man die komplette Mannschaft im Stich lassen muss. Steinhauser sagt: "Du fährst ganz allein und denkst immer nur: Scheiße."

Manche haben gelästert, Steinhauser sei nur im Team, weil seine Schwester die Freundin von Ullrich sei. Dabei fährt er eine starke Tour als Helfer - nur: Das sieht im Fernsehen niemand. Dies ist die schnellste Tour der Geschichte, im Flachen heizen 200 Leute mit 55, oft 60 km/h Schulter an Schulter über die Landstraßen, und nach einer Woche, sagt Steinhauser, "sind viele weich in der Birne". Wenn einer pennt, purzeln sie übereinander wie Dominosteine. Steinhauser sagt: "Ich bin groß und kann Hindernisse früher erkennen. Aber manche Jungs sehen den ganzen Tag nur Ärsche."

Drei Wochen Tour de France - das ist wie auf der Galeere. Eine Schicksalsgemeinschaft von neun jungen Kerlen und einem Ziel, und immer schön am Limit ackern. Ein Wunder, dass die sich abends zu Tisch nicht an die Gurgel gehen. In der zweiten Woche, wenn die Berge kommen, fängt das Leiden an. Viele haben keinen Hunger mehr; sie fallen todmüde ins Bett und können trotzdem nicht schlafen, weil sie so aufgedreht sind. Steinhauser sagt: "Irgendwann wachst du morgens um halb sieben auf und bist total platt." Eule, der Masseur, blickt kurz auf und sagt: "Wenn du nicht mehr essen willst, wird's gefährlich. Aber wenn du auch nicht mehr schlafen kannst, bist du bald liquidiert."

Der französische Philosoph

Roland Barthes hat geschrieben: "Die Tour verfügt über eine echt Homerische Geografie. Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen." Nur: Außer Armstrong ist kein moderner Odysseus in Sicht. Der Italiener Ivan Basso scheint zufrieden mit Platz zwei. Und Jan Ullrich ist ein Unvollendeter, ein 90-Prozent-Held. Ein unglaubliches Talent, aber seine jahrelange Weigerung, professionell zu leben, kommt einer Hybris gleich. Er hat den Göttern vor die Füße gespuckt. Jetzt bestrafen sie ihn.

Wer wie er 1997 die Tour gewinnt, hat eine gewisse Fallhöhe. Und Ullrich ist oft abgestürzt. In ihrer Struktur erinnert seine Karriere an die Rocky-Filme mit Sylvester Stallone: Da arbeitet sich einer aus kleinsten Verhältnissen hoch und droht alles zu verjuxen. Nächstes Jahr, wenn Armstrong abgetreten ist, wird die Tour wie ein Boxkampf um den vakanten Weltmeistertitel im Schwergewicht. Ob Ullrich stark genug ist für ein Happy End? Viele fragen sich, ob er überhaupt noch einmal antritt.

Markus Götting / print

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