TENNIS Friede seiner Asse


Seit dem verblüffenden Wimbledonsieg hadert Goran Ivanisevic endlich nicht mehr mit sich selbst - jetzt möchte er am liebsten noch Jahre weiterspielen.

Die Uferpromenade hatten sie in den kroatischen Nationalfarben geschmückt. Popstars spielten auf, 150000 Menschen betranken sich, tanzten, sangen. Dann schwebte seine Fähre in den Hafen von Split, in dieses Meer aus Rot und Weiß und Blau. Orangefarbene Rauchsäulen stiegen auf. Die Heimkehr des Tennisprofis Goran Ivanisevic wurde zum Triumphzug eines Volkshelden.

Wie Jesus

So feierte Split an jenem Dienstag im Juli seinen Sieg beim wichtigsten Turnier der Welt, ein Ereignis, für die junge Nation der Kroaten so ergreifend wie für die Deutschen der WM-Titel 1954. Das Wunder von Wimbledon.

»Goran ist wie Jesus Christus«, verkündete Miroslav Blazevic, der frühere Trainer der kroatischen Fußball-Nationalelf, »nur Goran und Jesus sind wieder auferstanden.«

Maßlos in allen Lebenslagen

Goran, der Glückliche, zog sich auf der Bühne aus bis auf die Unterhose. So ist er: maßlos im Erfolg. Aber maßlos war er davor auch in zwei Jahren abgrundtiefer Krise. Ein Selbstzerstörer. Und dieser Mann posierte nun, als sei er der Erlöser.

Mount Wimbledon

Dabei war er der Erlöste. Dreimal hatte er schon in einem Wimbledonfinale gestanden, 1992, 94 und 98, dreimal dramatisch knapp verloren. Nach der dritten Pleite »wollte ich nur noch sterben«, entfuhr es ihm. »Wimbledon war sein Mount Everest«, sagt der Freund und Berater Niki Pilic.

Beide stammen aus derselben Straße in Split, der Put Firula. Als der Junge 16 Jahre alt war, 1987, begann Pilic ihn in München zu trainieren. Im nächsten Sommer qualifizierte sich der Linkshänder erstmals für Wimbledon. Sein aggressives Spiel schien wie geschaffen für das Gras, auf dem Bälle so flach wegspringen.

Der Riesenstein ist weg

Ein ganzes Jahrzehnt lang gehörte er zu den Besten der Tour. Doch dann sackte er ab, rutschte 2001 in Wimbledon gerade noch mit einer Wildcard ins Hauptfeld, einem Gnadenticket. Aber gewann das Turnier nach sieben Spielen und 15 unfassbaren Tagen, irgendwie.

»Das hat mein Leben für immer verändert«, sagt Ivanisevic heute, vier Monate danach. »Ich hatte diesen Riesenstein auf meinem Rücken, und plötzlich ist er weg. Alles ist so leicht. Als könnte ich fliegen.«

Erneute Wildcard für den Liebling

Seitdem wird er von den Zuschauern verehrt wie der späte Jimmy Connors - Ivanisevic gehört mit 30 Jahren plötzlich zu den großen Alten dieses Sports. Denn er gab dem Tennis eine schon verloren geglaubte Intensität zurück. Weil er selbst Menschen vor dem Fernseher zum Zittern brachte.

In dieser Woche nun tritt Ivanisevic beim Masters-Cup in Sydney an, der früheren ATP-Weltmeisterschaft, beim pompös inszenierten Abschluss des Tennisjahres. Die besten acht Spieler der Saison kämpfen um acht Millionen Mark Preisgeld. Besser gesagt: die besten sieben. Ivanisevic bekam wieder eine Wildcard. Er ist es, den die Leute sehen wollen.

Kraftloser Händedruck, leuchtende Augen

Gelöst sieht er aus in diesen Tagen. Befreit. Ein glattes, großflächiges Gesicht, verschwunden die Düsterkeit vergangener Tage. Erstaunlich kraftlos der Händedruck, nahezu scheu der Augenaufschlag. Dunkle Augen, die ausweichen. Aber sie leuchten wie bei einem Kind.

Er sei wie die Leute von Split, glaubt Ivanisevic: unberechenbar. Pilic sagt, wer aus Split komme, kenne nur Schwarz oder Weiß. Sieg oder stirb. Goran sei, schätzt er, »der populärste Mann im ganzen Land«.

Ein Leben für Tennis

Darauf hat Ivanisevic ein halbes Leben hingearbeitet. Brach mit 14 die Schule ab, zog in ein Tennis-Internat nach Zagreb. Von Anfang an fühlte er sich in der Pflicht.

1988 erkrankte seine Schwester an Lymphknotenkrebs - seine Preisgelder sicherten ihre Behandlung, nach drei Jahren war sie genesen. Dann besetzten 1991 serbische Truppen Teile Kroatiens. »Mein Schläger ist mein Gewehr«, verkündete er, stumpf wie ein Söldner.

Hass ist ein starker Antrieb. Der Tennisspieler schnitt sich die Haare reibeisenkurz wie die kroatischen Soldaten; er sah brutal aus, gewalttätig. Jeder Ball eine Kugel. Ivanisevic verströmte etwas Beunruhigendes, Verstörendes. Weil man ahnte, dass es ihm ernst war.

Der gute und der böse Goran

Denn er ist, nun ja, ein wenig seltsam. Gern erzählt er, dass er in sich den guten Goran und den bösen Goran spüre. Der gute treffe jeden Ball, neige aber zum Leichtsinn. Der böse sei hochkonzentriert, beschimpfe jedoch Linienrichter und sich selbst.

Die Balance zu finden sei das Problem - da komme der dritte Goran ins Spiel: der Schlichter. »In brenzligen Situationen rufe ich ihn als Nothelfer.«

Der wichtige Aufschlag

So eigentümlich redet er auch über seine Jammerschlucht vor Wimbledon. Zwei Jahre schon spielt er unter Schmerzen - die Rotatorenmanschette in der linken Schulter, seiner Arbeitsschulter, ist eingerissen.

Ivanisevics kapitaler Aufschlag gibt seinem Spiel den Rhythmus, die Stärke, den Halt. Wenn er nicht ins Feld kracht, ist das für einen wie ihn, als höre das Herz auf zu schlagen. Sein Service verschwand wie ein Freund, der grußlos auswandert.

»Es war wie Folter«

Vor Wut zerschmetterte er bei einem Match in Brighton vor einem Jahr drei Rackets. Mehr Schläger hatte er nicht dabei - und wurde so disqualifiziert.

Der schreckliche Ivanisevic war zum Witz geworden. Und der, der am höhnischsten über sich lachte, war er selbst. »Wer so spielt wie ich, gehört ins Gefängnis«, ätzte er.

Ivanisevic schlich nur noch über den Court. »Es war wie Folter«, sagt er. »Ich hätte es fast nicht überlebt.« Was ihn vom Rücktritt abhielt? In Split meinen sie, dalmatinischer Trotz habe ihn geleitet. Aber er raunt nur: »Wimbledon.«

Frauen bringen Unglück

Es war sein letzter Anlauf. Sein letztes Hurra. Und alles fügte sich.

Als er nach England flog, ließ er Freundin und Mutter zu Hause. Frauen auf der Tribüne bringen Unglück, davon ist er überzeugt.

Von solchen Regeln kennt er ein Dutzend. Alles Teufelchen, die ihn piesacken, »und wenn du nur eine Regel vergisst, kann dich das das Match kosten«. In London pflegte er im Hotel Teletubbies zu schauen. Täglich.

Schmerztabletten für den Aufschlag

Aus heiterem Himmel kehrte Ivanisevics Aufschlag zurück. Ihm gelangen 212 Asse, ein neuer Turnierrekord. Obwohl er jeden Tag vier Schmerztabletten einwarf, »sonst hätte ich das nicht ausgehalten«.

Und als selbst seine Asse nichts mehr halfen, rettete ihn der Regen. So sammelte er im Halbfinale gegen den Briten Tim Henman neue Kräfte. Am Ende bezwang er im Finale den Australier Pat Rafter, hauchdünn 9:7 im fünften Satz.

Endlich den Frieden gefunden

Kann er sich heute erklären, was da geschah? »Es war ein Geschenk Gottes«, flüstert er. Seitdem siegte er hie und da, verlor ein paarmal unglücklich, zerdepperte einige Schläger, nichts Aufregendes also.

»Ich habe 13 Jahre lang versucht, auf den Mond zu kommen«, sagt er. »Da kriegt mich jetzt keiner mehr runter.« Ivanisevic, der auf dem Platz so lange in den Krieg gezogen war, zuerst für Kroatien und dann gegen sich selbst, hat im 31. Jahr seines Lebens endlich seinen Frieden gefunden.

Bis die Schulter streikt

Wann ist es genug, Goran? »Der Gedanke macht mir Angst«, sagt er, »ich habe dem Tennis mein ganzes Leben gegeben. Am liebsten würde ich noch zehn Jahre weitermachen.«

Im Februar spielt er für sein Land Daviscup. Gegen Deutschland. In Wimbledon wird er, der Titelverteidiger, das Turnier eröffnen. Und danach wohl so lange weiter auf den Ball hämmern, bis die Schulter schlappmacht.

Sie tue noch immer höllisch weh, stöhnt er. Wenn der Muskel ganz reißt, ist es aus. Doch ihn vorsorglich flicken zu lassen, das wagt er nicht. Fünf Monate bräuchte er, um wieder in Form zu kommen.

Fünf Monate. Die Ewigkeit. Wer wie er das Ende nahen spürt, für den ist Zeit heilig.

Von Rüdiger Barth


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