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Tennis: Kerbers Sprung in die Weltspitze

Ihre Karriere stand vor dem Aus. Zehn Erstrundenniederlagen hatten Angelique Kerber Mitte der letzten Saison zermürbt und in der Weltrangliste weit zurückfallen lassen. Doch genau diese Nackenschläge weckten den Ehrgeiz der Deutschen. Sie krempelte alles um, kämpfte sich mit enormem Ehrgeiz zurück und ist mittlerweile besser als je zuvor.

Angelique Kerber hat gegenüber anderen deutschen Sportgrößen einen riesigen Vorteil. Ihren Namen kann in den USA eigentlich fast jeder halbwegs unfallfrei aussprechen. Allerdings ist die Assoziation der meisten Amis mit dem Namen "Kerber" bisher eher keine Top-Tennisspielerin, sondern vielmehr knuddelige und quietschbunte Zeichentrick- und Plüschfiguren.

Ihr Name spreche sich wie "Care Bear" erklärte ein US-Journalist der Deutschen in den Tagen von Indian Wells und wollte von Kerber wissen, ob sie die Filme ihrer Namensvettern denn als Kind immer gesehen habe. Eine Frage, die sie nach kurzem erstaunten Blick zur Verwunderung des amerikanischen Kollegen allerdings verneinen musste. Nun ist Kerber genau wie die Glücksbärchis, so der deutsche Name der "Care Bears", ein Kind der Achtziger Jahre, ihr wurde jedoch die Gnade der späten Geburt zuteil.

In ihrem Geburtsjahr 1988 war in Deutschland die Begeisterung für die Viecher bereits merklich abgeklungen, die Megablockbuster "Der Glücksbärchie-Film" (1985), "Die Glücksbärchis im Abenteuerland" (1986) und "Die Glückbärchis – Abenteuer im Wunderland" (1987) liefen höchstens noch in avantgardistischen Programmkinos. Außerdem wird der Vergleich mit den "Care Bears" Kerber keinesfalls gerecht, denn sie ist alles andere als ein Glücksbärchi. Mit Glück lässt sich ihr seit sieben Monaten anhaltender Höhenflug deshalb auch nicht erklären, sondern einzig und allein mit enormem Fleiß, hohem Einsatz und dem Bruch mit liebgewonnenen Gewohnheiten.

Ranglisten-Absturz führte zu Kerbers Sinneswandel

Manchmal bedarf es gewisser Schlüsselerlebnisse, um etwas grundlegend im Leben zu ändern. Für Angelique Kerber waren es zehn Erstrundenpleiten im ersten Halbjahr 2011 und der brutale Absturz von Weltranglistenposition 45 auf zwischenzeitlich 107 gewesen, die sie veranlassten die Reißleine zu ziehen. So konnte es mit ihrer Tenniskarriere nicht weitergehen. Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Julia Görges, mit denen sie sich eigentlich auf einer Ebene gesehen hatte, drohten ihr zu enteilen.

Seit 2003 war Kerber als Profi durch die Weltgeschichte getingelt, hatte den immer wieder vorausgesagten großen Durchbruch aber nie geschafft. Der größte Erfolg der mittlerweile 24-Jährigen war die Finalteilnahme 2010 in Bogota gewesen – zu wenig angesichts des ihr seit frühester Kindheit bescheinigten große Talents, das sie nun endgültig wegzuschmeißen schien. Kerber tat das einzig richtige. "Nach Wimbledon habe ich alle Turniere abgesagt und mir einige Wochen Auszeit genommen, um an meinem Spiel zu arbeiten", blickte sie in den Tagen von Indian Wells auf einer Pressekonferenz auf den entscheidenden Entschluss zurück, der möglicherweise ihre Karriere rettete.

Auch wenn es ihr schwerfiel und viel Überwindung kostete, Kerber musste mit alten Gewohnheiten brechen: Ihr Vater, der ihr Talent einst als Dreijährige entdeckt hatte, wechselte vom Trainer- auf den Beraterstuhl, Kerber begab sie sich in die Obhut der Schüttler-Waske-Tennisakademie. Dort arbeitete sie besessen an den Grundlagen ihres Spiels - vor allem an ihrer vielleicht größten Schwäche, der körperlichen Fitness. "Drei, vier, fünf Stunden Fitnesstraining und vielleicht eine Stunde Tennis", erläuterte sie die Powereinheiten in Offenbach, die zusammen mit einer Ernährungsumstellung - vor allem dem Verzicht auf die heißgeliebte Schokolade - den gewünschten Erfolg brachten.

Kerbers neues Selbstbewusstsein bringt sie nach vorne

Kerber verlor einige Kilogramm und zog aus dem besseren Körpergefühl und dem Mentaltraining von Larry Willens, der einst auch Rod Laver betreut hatte, neues Selbstbewusstsein - auf, aber auch neben dem Platz. Genau das Rüstzeug, das ihr zusätzlich zu ihrem guten Auge und dem starken Ballgefühl, über das Kerber ohne Zweifel schon immer verfügte, für den Durchbruch noch gefehlt hatte. Bei ihrem ersten Turnierstart nach langer Pause in Dallas trotzte sie dank neuer körperlicher Fitness Temperaturen von bis zu 45 Grad und quälte sich durch die Qualifikation ins Halbfinale und sorgte auch bei den US Open für Furore.

In New York zog Kerber ebenfalls in die Vorschlussrunde ein – ein Erfolg, der sie in der Weltrangliste auf Position 34 nach oben schnellen ließ und ihr nebenbei auch noch 450.000 Dollar Preisgeld einbrachte. Doch viel wichtiger als das Geld war das weiter gestiegene Selbstvertrauen. "Da habe ich angefangen, an mich zu glauben", erklärte Kerber laut faz.net.

In der zweiten Runde schlug sie Agnieska Radwanska trotz zwischenzeitlichem Satzausgleich in drei, im Viertelfinale kämpfte Kerber Flavia Pennetta nieder. "Früher hätte sie solche Matches nie gewonnen", erklärte ihre Mutter, gleichzeitig die Managerin, welt.de und brachte die Wandlung ihrer Tochter auf den Punkt: "Aber hier ist sie eine ganz neue Spielerin." In der Tat - die US Open waren die endgültige Wiedergeburt der Angelique Kerber, die den großen Erfolg seitdem eindrucksvoll untermauern konnte.

Kerbers wahnsinnige Konstanz und Erfolge gegen Topspielerinnen

Bei ihren letzten elf Turnieren erreichte sie siebenmal das Halbfinale und feierte die Linkshänderin Mitte Februar in Paris ihren langersehnten ersten Turniersieg. Auf dem Weg dahin hatte sie sogar gegen Maria Sharapova und im Finale gegen Marion Bartoli, die sie pikanterweise auch in ihrem allerersten Match auf der WTA Tour hatte schlagen können, ihre ersten beiden Siege gegen Top Ten-Spielerinnen gefeiert.

In Indian Wells kam mit Li Na, dann noch eine dritte hinzu. Gegen Victoria Azarenka war dann zwar Schluss, doch insgesamt war beeindruckend, wie Kerber bei dem Turnier trotz brütender Hitze gegen Sloane Stephens und Christina McHale zweimal Matchbälle gegen sich hatte, aber trotzdem weiterkam. "Ich kann selbst kaum glauben, dass ich noch lebe", twitterte sie hinterher erleichtert und Tennis-Legende Brad Gilbert bescheinigte ihr "in den letzten zwölf Monaten enorm viel" dazugelernt zu haben.

Es war ein Lernprozess, der Kerber in nur sieben Monaten von Platz 107 auf Rang 14 der Weltrangliste geführt hatte – die beste Platzierung, die sie jemals in ihrer Karriere inne hatte. Damit ist sie derzeit noch drittbeste Deutsche, doch wenn die Kielerin weiter so konstant auftritt und weiter hart an sich arbeitet, dürfte dem weiteren Aufstieg nichts im Wege stehen. Und nach weiteren Erfolgen jetzt in Miami werden die Amis irgendwann beim Namen Kerber nicht mehr zuerst an flauschige Bärchen denken, sondern an eine Weltklasse-Tennisspielerin.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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