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Tennis: Rafael Nadal vor dem ATP-Masters in Monte Carlo

Seit 2003 ist Rafael Nadal in Monte Carlo unbesiegt, gewann das Turnier sieben Mal in Folge. Wahrt er seinen Unbesiegbarkeitsnimbus und holt sich den achten Titel? Oder bietet Novak Djokovic ihm auch hier die Stirn und überflügelt ihn wie im letzten Jahr mehrfach angedeutet auch auf Sand?

Wenn für den dreimaligen Wimbledon-Sieger Boris Becker der Centre Court an der Church Road sein "Wohnzimmer" war, dann ist der Platz in Monte Carlo für Rafael Nadal wohl seine Sandburg. Hier ging einst sein Stern auf, hier ist er seit 37 Matches ungeschlagen und hat sieben Titel in Folge gewonnen. Doch Nadals Sand-Dominanz bröckelt, die Konkurrenz hat aufgeholt. Allen voran Novak Djokovic.

Ein historischer Erfolg

Dass sein Achtelfinalsieg gegen einen gerade einmal 16-Jährigen Gegner in merkwürdigen Hosen einmal historische Bedeutung bekommen würde, hätten wohl weder Guillermo Coria, noch die gesamte Tennis-Welt an diesem Nachmittag des 17. Aprils 2003 in Monte Carlo für möglich gehalten. Was sollte auch an einem 7:6, 6:2 gegen die Nummer 109 der Weltrangliste bemerkenswert sein?

Im Prinzip nichts, wenn es sich bei Corias Gegner nicht um Rafael Nadal gehandelt hätte und die Niederlage nicht dessen erste und bis heute einzige Niederlage beim Masters-Turnier von Monte Carlo gewesen wäre. Unweigerlich kam dem Kinofreund angesichts des enttäuschten Gesichtsausdruck, mit dem Nadal damals nach der Partie Richtung Netz trottete, eine Szene aus "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" in den Sinn.

Dort bekam der junge Indy, nachdem ihm ein archäologischer Fund von einem erfahreneren Abenteurer abgejagt worden war, nicht nur seinen später so charakteristischen Hut auf den noch viel zu kleinen Kopf gedrückt, sondern auch folgenden Ratschlag zu hören: "Heute hast du verloren, Kleiner...aber das muss dir ja nicht gefallen." Und das tat es Nadal genauso wenig wie dem Filmhelden. Indiana Jones jagte fortan niemand mehr ein Artefakt ab und Nadal ist seit jenem Tag im monegassischen Fürstentum unbesiegt.

Nadals grandiose Bilanzen in Monte Carlo und Paris

Nachdem ihn 2004 noch eine Verletzung an der Teilnahme gehindert hatte, holte er 2005 an gleicher Stelle seinen ersten großen Titel - im Finale revanchierte er sich gegen Coria - und gewann fortan sieben Mal in Folge. Stoppen konnte ihn in 37 Matches seitdem nicht ein einziger Kontrahent. Und man kann beim besten Willen nicht sagen, dass es die besten der Besten nicht versucht hätten.

Roger Federer biss sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens bei drei Finalniederlagen zwischen 2006 und 2008 ebenso die Zähne aus wie Novak Djokovic, Andy Murray, David Ferrer, Nikolay Davydenko, um nur einige zu nennen. Nur 2010 hatte Nadal einen relativ geruhsamen Weg zum Monte Carlo-Titel, als er lediglich Spieler außerhalb der Top Ten schlagen musste und im gesamten Turnier gerade einmal 14 Spiele abgab. Ansonsten waren immer Gegner zwischen Platz eins und zehn der Weltrangliste unter seinen Gegnern.

Nadals Siegesserie in Monte Carlo ist eine der beeindruckendsten der Tennis-Geschichte und untermauert zusammen mit seinen sechs French Open-Siegen (Bilanz 45:1) - bei sieben Starts - die Dominanz des Spaniers in den letzten Jahren auf Sand. 32 Sandplatzturniere hat er in seiner Karriere bisher schon gewonnen, insgesamt gerade einmal 18 Matches auf Asche verloren. So hat Nadal bereits den großen Björn Borg (30 Sand-Titel) überflügelt, steht auf Rang drei der ewigen Bestenliste. Thomas Muster (40) und Guillermo Vilas (45) sind nicht mehr weit entfernt.

Nadal, einer der besten Sandplatzspieler aller Zeiten, aber...

Seine überragenden Grundschläge, seine Schnelligkeit, mentale Härte, aber auch körperliche Fitness haben Nadal zu einem der besten Sandplatzspieler aller Zeiten gemacht. Für viele ist er sogar der beste. Eindeutig lässt sich die Frage nach seinem genauen Platz im All-Time-Ranking aber nicht beantworten. Schließlich ist das heutige Sandplatztennis bzw. das Tennis allgemein nur schwer mit dem der Borg-Ära zu vergleichen. Zuviel hat sich seither verändert. Genauso vortrefflich ließe sich über die Frage streiten, ob Lionel Messi ein besserer Fußballer als Diego Maradona oder Pelé ist.

Viel interessanter als der historische Vergleich mit Borg, Vilas, Muster und Co. ist daher der Blick auf die aktuelle Situation. Schließlich wird nächste Woche in Monte Carlo Nadals traditionell stärkste Phase des Tennis-Jahres eingeläutet. In den letzten Jahren dominierte er die europäische Sandplatzsaison fast nach Belieben. Auch 2011 hat mit Siegen in Monte Carlo, Barcelona und Paris gezeigt, dass Nadal auf Sand eigentlich so gut wie nicht zu schlagen ist.

Eigentlich: Außer Nadal ist körperlich und mental nicht topfit oder der Gegner heißt Djokovic. Zwar ist in dieser Saison auch mit dem wiedererstarkten Federer und dank Ivan Lendls Einfluss auch mit Murray zu rechnen, doch der Serbe war es, der Nadals Titel des Sandkönigs am effektivsten attackieren konnte  In Madrid hatte er das Kunststück fertiggebracht, Nadals Unbesiegbarkeitsnimbus auf Sand nach zwei Jahren und 37 ungeschlagenen Matches zu beenden und das Kunststück gleich darauf in Rom noch einmal zu wiederholen. Beide Male übrigens glatt in zwei Sätzen und beide Male mit den Waffen seines Gegners. Denn die langen Rallies gewann dort nicht wie zuvor Nadal. Die holte sich Djokovic.

Kann Djokovic Nadal erneut besiegen?

Ein Eindruck, der sich in den insgesamt sieben Finalsiegen Djokovics über Nadal seitdem regelmäßig bestätigte und den Serben mittlerweile fast zum Angstgegner des Spaniers machte. Und dieser Angstgegner will es 2012 wissen. Beider großes Ziel ist der French Open-Titel. Djokovic fehlt er noch in seiner Grand Slam-Sammlung und Nadal wäre der erste Spieler, der in Roland Garros sieben Mal gewinnen könnte. Ein Sieg in Monte Carlo zum Sand-Auftakt wäre für beide daher ein dickes Ausrufezeichen hinter ihren Ambitionen.

Die Form vor Turnierbeginn spricht eindeutig für Djokovic, hinter Nadal stehen dagegen einige Fragezeichen. Ist seine Knieverletzung, die ihn in Miami zur Aufgabe zwang, ausgeheilt? Ist er mental nach seinem Disput mit Roger Federer zu Saisonbeginn und seinem Rückzug aus dem ATP-Spielerrat, den er voller Selbstmitleid erklärte, weil er sich von den Kollegen hängen gelassen fühlte, wieder nur auf Tennis fokussiert? Wie sehr belastet ihn die Niederlagenserie gegen Djokovic, wenn es tatsächlich zum direkten Duell der beiden kommen sollte?

Außerdem ist Nadal seit zehn Monaten ohne Turniersieg. Allerdings hatte er auch vor einem Jahr eine längere Durststrecke hinter sich gehabt, ehe er in Monte Carlo dann das Ruder herumriss. Schafft er dies 2012 erneut oder muss er mit ansehen, wie Djokovic einen weiteren Schritt vollzieht, ihm die Krone des Sandkönigs zu entreißen? Aber vielleicht tritt in Monaco ja auch ein ganz anderer Spieler in Corias Fußstapfen. Geschichtsträchtig wird das Turnier - egal wie es ausgeht - in jedem Fall mal wieder werden.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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