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Tischfußball: Der Kick

Wussten Sie schon, dass 2006 in Deutschland die Fußball-WM stattfindet? Nein, nicht die - sondern die andere. Die im Tischfussball. Aus gutem Grund: Kickern ist absolut in, gekämpft wird nicht mehr nur in Kneipen, sondern auch in Büros und Kantinen. Und jeder glaubt, es brillant zu können, Männer wie Frauen.

Es steht fünf zu fünf. "Fernsehball" heißt das im Kneipen-Kickerjargon, weil das Spiel bei sechs Toren vorbei ist und nun die entscheidende Aktion kommen muss, die Szene also, die auf jeden Fall in einem TV-Bericht gesendet wird. Okay, gesendet werden würde. Das Fernsehen fehlt leider heute Nacht in der "Roten Laterne" auf dem Hamburger Kiez, aber eine Meute von 15, 20 Leuten hat sich um den Kickertisch versammelt, eine Meute, die unser Blut sehen will, schließlich halte ich mit meinem Partner Bully seit knapp zwei Stunden den Tisch, was bedeutet, dass wir - juchu! - jedes Spiel gewonnen haben.

Egal, welche Herausforderer auch immer ihre Fehdehandschuhe in Form von 50-Cent- und 1-Euro-Stücken selbstbewusst, mit vernehmlichem Knacken und einem hingeschnodderten "Wir fordern denn mal" auf dem Rand des Kickertisches platziert hatten; alle sind sie besiegt davongeschlichen. Zweimal gab's die Höchststrafe, ein "zu null", was nach dem ungeschriebenen Kneipen-Kickergesetz Bully und mir eine Siegprämie in Form jeweils eines höllisch scharfen Schnapses bescherte, eines so genannten "Mexikaners" (eine leckere Mischung aus Tequila und Tomatensaft).

Mit dem Mex im Kopp sind wir noch besser. Auf jeden Fall arroganter. Das ist kein Angstschweiß mehr, der aus unseren Poren fließt, wie noch bei den ersten zwei, drei Spielchen, jetzt ist es das "Moschus der Könige der Nacht", wie mein Partner jeden belehrt, der sich über unsere klatschnassen T-Shirts mokiert.

Schulter an Schulter,

wie auf den Stehplatztraversen im Stadion, wogt die Menge, verrenkt sich die Hälse und beäugt teils bewundernd, teils mit dem arroganten Schmunzeln des vermeintlichen Besser-Könners unsere Künste. Fernsehball also. Und wir haben die Kugel. Das ist der halbe Sieg, sagt auch der Profikicker und Weltmeister Dieter Thiele: "Wenn der Kommentator bei Fußballspielen mal wieder sagt: "Wer die Duelle im Mittelfeld gewinnt, gewinnt das Spiel", muss ich immer ans Kickern denken, da ist das nämlich auch so."

Genau! Und deshalb muss unsere Sieges-Serie halten. Mein Partner Bully, der so heißt, wie er aussieht, lässt die Kugel geduldig wie ein Weißkopfadler auf Beuteflug Kreise ziehen in seiner Mittelreihe. Zwischen den fünf leicht ramponierten Figuren aus Hartplastik wandert der Ball in rasantem Tempo von Mann zu Mann. Zidanegleich klebt die Pille an den Füßen der bullygelenkten Stangenkicker. Bis sich plötzlich eine Lücke auftut im verzweifelten Bemühen des Gegners, das Mittelfeld "dicht" zu machen. Und durch diese Lücke muss er kommen, der tödliche Pass. Und er kommt.

Wer bis jetzt noch nicht drin ist in der Geschichte, der kommt nicht mehr rein und sollte tunlichst weiterblättern. Dies ist eine Geschichte für Menschen, die sich weigern, erwachsen zu werden, und auch im gesetzten Alter beim Anblick eines Tischfußballgerätes mit acht Stangen die gleiche Erregung verspüren wie damals, als sie mit 14 Jahren zum ersten Mal Schlaghosen trugen und sich im Haus der Jugend zu den Großen an so einen Kicker trauten. Eine Geschichte für Menschen, denen Sportarten, die mit "ing" aufhören (Walking, Skating, Jogging, Mobbing), so was von wurscht sind, wie die Fußball-Animationsspiele der Spielekonsolen-Hersteller. Eine Geschichte für Kerle und Frauen, die was zum Anfassen brauchen, etwas Echtes, Authentisches.

Und alles, was Authentizität atmet in unseren künstlichen Zeiten, ist auch ganz schnell "in", ist "Trend", ist begehrter Werbeträger: Bis vor kurzem lief ein Spot der Biermarke König Pilsener im Fernsehen, bei dem ein Köpi-trinkender Heimwerker liebevoll alte, hölzerne Kickerfiguren restauriert und hinterher die tollsten Tricks draufhat. Werbetexter und Creative Director Patric Schäfer hatte die Idee für den Köpi-Spot und setzte dabei auf das positive Image des Tischfußballs: "Kickern hat etwas sehr Bodenständiges, Ehrliches und gleichzeitig auch Sportliches. Der Spot ist, wie das Produkt Bier, etwas für jeden."

Kickern, der Evergreen

des Kneipen- und Freizeitsports, erlebt also mal wieder einen Frühling. Auch so unterschiedliche Unternehmen wie Kümmerling, die CMA (die Marketing-Gesellschaft der deutschen Bauern), und Nike setzten Tischfußball zu Werbezwecken ein. Zudem stehen die Geräte längst nicht mehr nur in Kneipen und Spielhallen. Patric Schäfer: "Mir fällt auf, dass immer häufiger in Werbeagenturen oder Filmproduktionsfirmen Kickertische stehen."

Ob bei den Werbern Ogilvy & Mather, J. W. Thompson, Wensauer & Partner oder in den Redaktionen von "Spiegel", "Zeit", der "Süddeutschen Zeitung" oder, ähem, im Konferenzraum des stern - der Kicker ist auch das Lieblingsspielzeug der Kreativen und Medienmacher. Schauspieler und Drehbuchautoren von "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" sind ebenso kickerinfiziert wie TV-Koch Ralf Zacherl, der sogar ein Gerät in seiner Fernsehküche stehen hat und sich nach Feierabend gern in seiner Berliner Stammkneipe "Verkehrsberuhigte Ostzone" die Kugel gibt. Zacherl: "Nach dem Kochen oder Fernsehdreh kann man am Kicker wunderbar Stress und Aggressionen abbauen.

Zudem haben Kicker und Kochen viel gemein: Man muss schnell sein und improvisieren können." Vielleicht auch ein Grund, warum es unter Musikern kaum Kicker-Muffel gibt: Von Iggy Pop über die Toten Hosen und Oasis bis zu Jeannette und Yvonne Catterfield - es kickt!

Bei Dieter Thiele kickt es

schon seit Franz Beckenbauers aktiven Fußballerzeiten, den goldenen Siebzigern. Dieter ist der Godfather der Kickerszene - ein dunkelhaariger, groß gewachsener 100-Kilo-Mann, seit 27 Jahren unberührt von den Trends der Mode und des Zeitgeists.

Seit 1978 spielt der 45-Jährige aus Adendorf bei Lüneburg auf Tischfußball-Turnieren, Einzel und Doppel. Und wenn das Ensemble von Real Madrid schon die Galaktischen genannt wird, gehen einem bei Dieter Thiele die Superlative aus: 7-mal Weltmeister, 28-mal Europameister, 45facher Deutscher Meister ("Glaube ich, das weiß ich nicht mehr so genau", sagt Thiele), ein Auftritt bei "Wetten, dass ..?", bei dem er am Kicker Tore mit verbundenen Augen schoss - mehr geht nicht.

Und das Schöne ist: Dieter liebt das Spiel noch immer. "Das Gefühl, den Ball mit Schmackes und einem satten Knall im Tor des Gegners zu versenken, ist einfach geil." In Thieles Haus stapeln sich die Trophäen aus fast drei Jahrzehnten Tischfußball. Rund 1200 Pokale, Medaillen, Urkunden und Siegerringe. Einen guten Teil davon hat Dieters Gattin Brigitte mit nach Hause gebracht - sie ist eine der besten Frauen beim Tischfußball. Zum Kickern kam Thiele, so behauptet er, "weil ich beim richtigen Fußball so gut war, dass die anderen mich nicht mitspielen ließen".

Nun ja, keine Ahnung, ob das stimmt. Was jedoch zutrifft, ist, dass Thiele am Kicker bereits Ende der 70er Jahre ein Talent und einen Trainingsfleiß ("so vier bis fünf Stunden täglich") offenbarte, der ihn zu einer legendären Figur der Kickerszene werden ließ. Und das nicht nur in Deutschland: In den USA waren schon damals bei den Tischfußball-Weltmeisterschaften und anderen großen Turnieren erheblich höhere Preisgelder zu gewinnen als in Europa. "Bis 8000 Dollar konnte man da mitnehmen", erinnert sich Thiele.

Einziger Haken für europäische Profikicker: In den USA wird auf anderen Tischen gespielt. Die glatten Bälle des Ami-Gerätes "Tornado" erschweren das von den Europäern bevorzugte Einklemmen des Balles mit den Füßen der Spielfigur. Zudem bevölkern 13 statt der gewohnten 11 Freunde den "Tornado" - die normale 1-2-5-3 Figuren-Gruppierung an den Stangen konterkariert der fußballunkundige Nordamerikaner mit einem grotesken 3-2-5-3-System. Das wäre so, als wenn bei Deutschland Olli Kahn, Jens Lehmann und Timo Hildebrand gleichzeitig im Tor spielen würden.

Aber auch der ungewohnte Tisch konnte Dieter nicht stoppen: In Dallas und Reno holte er insgesamt siebenmal den Titel eines Weltmeisters. Noch heute zählt Dieter Thiele zu den besten Spielern, in den vergangenen Jahren sei aber der Belgier Frederic Collignon "fast unschlagbar".

Dass Kickern Sport sein kann

und nicht nur ein lockerer Kneipenspaß, wird klar, wenn man die Könner bei einem Turnier in Aktion erlebt. Etwa bei der Süddeutschen Meisterschaft im Billard-café in Friedberg bei Augsburg, einer Kickerhochburg in Deutschland. Rund 300 Kicker-Maniacs haben gemeldet, aus allen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreich sind sie angereist. Ganz unterschiedliche Typen: vom Teenager im HipHop-Outfit über junge Mädels mit Arschgeweih-Tattoo am unteren Rücken bis zum gemütlichen Mittvierziger mit Bauch, Oberlippenbart und Vokuhila. Man kennt sich, die Atmosphäre ist kumpelhaft wie auf dem Jahrestreffen der Modelleisenbahner. Kickern verbindet.

Weitaus mehr Männer als Frauen sind dabei, aber die Mädels räumen so manchen Platzhirsch weg, und Niederlagen gegen Frauen, das weiß jeder, der schon mal gekickert hat, schmerzen besonders. An 20 Tischen tobt zwei Tage und Nächte lang in dicht gequalmter Zockeratmosphäre der Krieg der Knirpse aus Plastik, vom Fachmann "Puppen" genannt. Der Lärm ist laut, verdammt laut, und ein weiterer Stressfaktor. Es knallt wie auf dem Truppenübungsplatz, aber hier signalisiert jeder besonders satte Knalleffekt: Tor! Der Sound, den der Ball beim harten Auftreffen auf der Holzplatte im Tor produziert, erzeugt beim Schützen orgiastische Hochgefühle, während der Gegner zusammensackt, ins Herz getroffen.

Die Spielervereinigung "Players for Players" (P4P) organisiert solche Spektakel. Die Spieler sind aufgrund früherer Ergebnisse in Leistungsgruppen vom "Neuling" über "Amateur" und "Profi" bis hin zur "Elite" aufgeteilt. Dieter Thiele ist bei solchen Turnieren nicht mehr so oft am Start - er spielt mit seinem Doppelpartner Thierry Müller lieber Show-Partien, wie etwa auf der Cebit gegen Uli Hoeneß und Spieler des FC Bayern München. Nun lassen es andere Cracks krachen. Jamal Allalou, 31, beispielsweise. Der gebürtige Marokkaner lebt in Aachen und gehört neben Collignon, Thiele und dem Darmstädter Uli Stoepel zu den Stars der Szene.

Vor dem Match präpariert fast jeder Spieler die Stangen mit "Pronto Classic", einem Möbelspray, das normalerweise Gelsenkirchener Barock zum Glänzen bringt, hier aber für leichten Lauf der Stangen sorgt (Pronto sei an dieser Stelle verraten, dass ein Engagement als Turniersponsor beide Zielgruppen ohne Streuverluste erreichen würde). Die Stangengriffe versorgt der Könner mit Gummi-Überziehern oder Tennisschläger-Griffband, zudem tragen die Spieler dünne Lederhandschuhe. "Das sind meist Golf- oder Baseballhandschuhe, die mit dem Gummi für einen besseren, rutschfreien Griff sorgen; schließlich schwitzt man ja ganz schön", verrät Jamal, der sich mit Fitnesstraining die Kondition fürs Kickern verschafft. Denn Ausdauer ist neben Technik und Nervenstärke der Schlüssel zum Erfolg.

Wer als ambitionierter Kneipenkicker die Könner auf einem Turnier erstmals erlebt, tut dies mit begeistertem Entsetzen. "Ich dachte immer, ich bin ziemlich gut", stammelt beispielsweise mein Kickerpartner Bully. "Aber das hier, das ist ein komplett anderes Spiel als das, was wir da machen." In der Tat hätten wir nicht mal in der Kategorie "Neulinge" eine Chance.

Im Gegensatz zum chaotisch

drauflosbolzenden Freizeitkicker ist beim Sport-Kickern Kontrolle angesagt. Der Ball wird ständig zwischen Figurfuß und Spielfeld eingeklemmt und punktgenau gepasst. Ist die Kugel dann im Sturm, der 3er-Reihe, folgt aus der eingeklemmten Ballposition ein explosionsartiger Abschuss, bei dem das Geschoss eine Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern erreichen kann. Neben dem Passspiel mit dem Mittelfeld und der fulminanten Exekution der 3er-Reihe mittels mehrerer Schussvarianten haben Topspieler weitere tödliche Pfeile im Köcher. Tore, über die Bande erzielt, gehören beispielsweise bei Anfängern in die Kategorie Zufall, bei den Turnierspielern sind solche Treffer schreckliche Absicht.

Aber auch für die Profis ist das Ganze eine schweißtreibende Sache. Bei den meisten Spielern, die hier bis zwei Uhr nachts am Tisch stehen, sind Cola, Kaffee und Red Bull die beliebtesten Wachmacher. Alkohol wird kaum konsumiert. Nicht mal bei "zu null" gibt's einen Schnaps.

Turniere, meist eine Nummer kleiner als das in Friedberg, finden in Deutschland jede Woche statt. 2006 gibt es hierzulande sogar die erste offizielle Weltmeisterschaft. Bereits zwei Wochen vor dem WM-Auftakt von Klinsmann und Co. schlagen die Tischfußballer ihre Schlachten, in der Fischauktionshalle in Hamburg werden 800 Spieler aus 20 Nationen erwartet.

Die Kickerszene boomt also.

Aber wie hat eigentlich alles angefangen? Wer das Tischfußballspiel erfand, kann uns nicht einmal Kicker-Gott Thiele genau erklären. Aber er hat einen Tipp: "Frag doch mal Fischbrötchen, der müsste das wissen."

Fischbrötchen, ein früher Weggefährte Thieles, heißt eigentlich Willy Meyer, lebt als Computerspezialist in Berlin und wurde Fischbrötchen getauft, weil er früher immer um den Einsatz eines Fischbrötchens kickerte. Außerdem ist Fischbrötchen Kicker-Chronist. "Das erste Patent für ein Tischfußballgerät, das Ähnlichkeit mit dem heutigen Kicker aufwies, beantragte 1913 der Engländer Edwin James Lawrence", erzählt Meyer. "Die Figuren waren Holzbrettchen, die hin und her geschoben wurden. Das erste belegbare Patent für ein Gerät mit Drehstangen stammt aus dem Jahr 1922 von Harold F. Thornton, ebenfalls ein Engländer."

Belegt ist auch, dass es die deutsche Firma Möhring aus Berlin war, die das Spiel weiterentwickelte und in den 30er Jahren unter dem wunderbaren Namen "Knall den Ball" in Serie produzierte.

Knall den Ball! Das könnten Bully und ich in der "Roten Laterne" jetzt auch gut gebrauchen. Leider treibt der gegnerische Verteidiger Bullys 3er-Reihe zur Verzweiflung. Wir verlieren die Kugel, und dann geht alles schnell: Einen Hammerbandenschuss kann mein Keeper dank hervorragendem Stellungsspiel noch abwehren, aber den Abpraller angelt sich der Rechtsaußen, Pass zum Mittelstürmer, der klemmt die Kugel ein, wackelt ein paarmal hin und her, ich bewege in Panik Abwehr und Torwart, und dann macht es Knall den Ball, und wir sind geschockt, besiegt und schlagartig nüchtern. Eine unheimliche Leere macht sich breit.

Nächstes Mal komme ich mit Dieter Thiele.

Thorsten Kolle / print

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