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Tour de France: Eine gut geölte Maschine

In den zurückliegenden Jahren knirschte es im Getriebe der Frankreichrundfahrt gewaltig. Die Doping-Skandale drückten die TV-Quoten. Diesmal aber ist alles fast wieder wie früher. Die Tour ist ein Spektakel und viele wollen von ihr profitieren. Ein Gewinner steht jetzt schon fest: Der Veranstalter.

Von Christian Schwager (Verbier)

Zur Feier des Tages trägt Vito ein Hemd. Es ist gelb wie das Trikot des Spitzenreiters bei der Tour de France. Das Hemd ist eingerissen, doch Vito stört das nicht. Er steht an diesem Sonntagnachmittag in Verbier an der Strecke. Hier, von der Wiese aus, wird er eine gute Sicht auf die Fahrer haben. Sie kommen direkt an ihm vorbei und klettern hinauf zur Skistation. Dort liegt das Ziel der 15. Etappe. Vito muht. Bauer Bruno gibt dem Rind einen Klaps: "Vielleicht kommt unser Vito ins Fernsehen."

Verrückte Bilder sind bei der Tour de France gefragt. Sie bleiben haften. Das ist auch das Kalkül der Leute von Verbier in der Schweiz. Lange haben sie auf die Frankreich-Rundfahrt gewartet. Fünf Jahre standen sie im Austausch mit dem Veranstalter, der Amaury Sport Organisation (ASO). Nun ist die Tour endlich da. Der Ort feiert. Auf den 14 Serpentinen zum Gipfel herrscht schon am Vorabend ausgelassene Stimmung. Am Sonntagmorgen haben die Restaurants und Bars unten im Tal geöffnet. Transparente sind aufgespannt, irgendwer grüßt irgendwen. Hänge mit Weinstauden, in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Schweizer Alpen, eine Blaskapelle spielt auf: We Will Rock You. Die Sonne scheint.

Christophe Dumoulin ist froh, dass sich Verbier so präsentieren kann. Er ist der Gemeindeleiter und hebt hervor, dass sich alle Einwohner des Tals über die Tour freuen. 1,9 Mio. Euro beträgt der Gesamtetat, Dumoulin versichert, niemand habe sich beschwert, dass dafür zum Teil der Steuerzahler aufkommt. Das Fernsehen sorge dafür, dass Verbier weltweit bekannt werde, sagt Dumoulin. 170 Sender aus aller Welt übertragen das Rennen.

Dumoulin kann noch eine weitere Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen. Mit der Tour fallen 4500 Menschen in seinen Ort ein. Sie übernachten, besuchen Restaurants, kaufen ein, tanken. Jeder Gast gibt Schätzungen zufolge etwa 100 bis 150 Euro täglich aus. Die Tour ist ein kleines Konjunkturprogramm.

Tour-Direktor Christian Prudhomme formuliert das im nüchternen Ton des Geschäftsmanns: "Es sind die Orte, die sich an uns wenden, nicht umgekehrt. Wir liefern eine Dienstleistung und verlangen dafür eine Gebühr, voilà." Gebühr klingt nach kleinem Obolus, doch das ist ein Irrtum. "Es kostet 130.000 Euro, Etappenort zu sein", stellt der sportliche Leiter Jean-François Pescheux klar. Viele Städte sind bereit, diese Summe aufzubringen. 250 Gemeinden hatten sich für die diesjährige Tour beworben, so viele wie nie zuvor. Am Ende werden etwa 30 berücksichtigt: als Schauplatz eines Starts, einer Zielankunft oder eines Ruhetags. Alle wollen profitieren.

Der größte Gewinner ist die ASO. 70 Prozent der Einnahmen gehen an das Unternehmen. Vor zwei Jahren nahm sie 29 Mio. Euro durch die Frankreich-Rundfahrt ein, insgesamt machte die Firmengruppe, zu der auch die Sporttageszeitung "L'Équipe" gehört, ein Plus von 39 Mio. Euro. Sehr zur Freude von Marie-Odile Amaury, der Präsidentin der ASO. Ihr Vermögen wird auf 228 Mio. Euro veranschlagt. Die Bilanzen ihres Firmenreichs sind dagegen ein gut gehütetes Geheimnis. Dabei wäre die ASO eigentlich dazu verpflichtet, ihre Zahlen zu präsentieren. Die Tour erhält Steuermittel.

Die Tour ist eine gut geölte Maschine, allerdings knirschte es in den zurückliegenden Jahren im Getriebe. Die Schlagzeilen über Doping haben sie aus dem Takt gebracht, was sich in den Fernseh-Quoten niederschlug. Die sanken zwischen 1997 und 2007 um 2,5 Millionen Zuschauer. Diesmal ist noch kein positiver Fall bekannt geworden. Dem Unternehmen Tour tut es jedenfalls gut.

FTD

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