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Lance Armstrong: Der Kraftakt

Er besiegte den Krebs. Dann wurde Lance Armstrong der beste Radrennfahrer der Welt und hatte ein Doping-Problem. Jetzt will er zum achten Mal die Tour de France gewinnen. Eine Vorentscheidung im Kampf gegen seinen härtesten Konkurrenten Alberto Contador könnte am Sonntag auf der ersten Alpen-Etappe fallen.

Von Christian Ewers

Lance Armstrong hat eine Mission. Es geht ihm nicht einfach nur darum, zum achten Mal die Tour de France zu gewinnen. Er will der Welt zeigen, dass er Grenzen verschieben kann. Erst war es der Kampf gegen den Krebs, den er gewann, jetzt will er die Gesetze des Alters außer Kraft setzen.

Ob das klappt, ob er mit seinen 37 Jahren noch mithalten kann mit all den jungen Burschen, wird sich an diesem Wochenende zeigen. Ab Sonntag geht es für das Peloton in die Alpen, erstes Ziel ist der Schweizer Wintersportort Verbier. Das Duell Lance Armstrong gegen seinen Teamkollegen Alberto Contador wird in seine heiße Phase gehen - bislang ist noch jede Tour in den Bergen entschieden worden. Nur zwei Sekunden trennen Altmeister Armstrong und seinen Herausforderer Contador, 26.

Es ist seine Allmachtsfantasie, sein Größenwahn, die Armstrong zurück in den Radsport zieht. Hier bestimmt er die Regeln, nur er. Im März ließ Armstrong einen Dopingkontrolleur 20 Minuten warten, vorgeblich, weil er erst mal duschen wollte. In 20 Minuten kann man auch bequem eine Dopingprobe manipulieren, verschleiernde Medikamente nehmen oder gar den Urin austauschen. Ein klarer Verstoß gegen die Vorschrift, der normalerweise wie ein Dopingvergehen geahndet wird - für Armstrong kein Problem. Er telefonierte mit dem Chef des Internationalen Radsportverbandes, ein paar Tage später war die Sache aus der Welt.

Armstrong steht unter Verdacht, seit Jahren schon. Es gibt sechs positive Proben, die laut der französischen Sportzeitung "L'Équipe" eindeutig Armstrong zugeordnet werden können. Sie wurden bei der Tour 1999 entnommen, sind allerdings nicht gerichtsverwertbar, weil keine zweite Analyse möglich war. Die sogenannten A-Proben waren vernichtet worden.

Armstrong ist bestens vernetzt, nicht nur im Sport. Er trifft Nicolas Sarkozy, Arnold Schwarzenegger und Ted Kennedy, er fährt Rad mit George W. Bush; Bill Clinton hat schon einige Male bei ihm in Austin, Texas, übernachtet. Viele aus Armstrongs Umfeld sagen, dass er selbst einmal ein großer Politiker wird. Anfragen, ob er nicht Gouverneur oder Senator werden wolle, liegen bereits vor.

Schon jetzt reist Armstrong wie ein Staatsmann zu Radrennen. Er wird begleitet von Beratern, Anwälten und Assistenten, er hält Meetings, wenn die anderen Fahrer noch im Bett liegen oder Playstation spielen, ist immer online, ohne Blackberry wäre er ein halber Mensch.

Im australischen Adelaide im Januar, bei der "Tour Down Under", seinem ersten Rennen nach dem Comeback, verzettelte sich Armstrong noch bei seinen Rollenspielen. Als Radprofi redete er wie ein Politiker und gestikulierte auch so, er legte seine Hände auf Schultern, wenn er Nähe schaffen wollte, malte komplizierte Bilder in die Luft, während er einfache Dinge erzählte. Umgekehrt wippte er auf den Zehenspitzen, wenn er mit Geschäftsleuten zusammenstand, wie Sportler das so machen, um locker zu bleiben, wenn sie warten oder sich langweilen.

In den knapp zwei Wochen Australien schien Lance Armstrong nur an einem Nachmittag nicht die Firma Armstrong zu sein, sondern er selbst. Im Hörsaal des Royal Adelaide Hospital spielen sie "Take five" von Dave Brubeck, als Armstrong das Podium betritt, es gibt freundlichen Applaus, keinen stürmischen, im Publikum sitzen Wissenschaftler, Ärzte und Politiker. Armstrong hält eine kurze Ansprache, dann gibt es eine Liveschaltung zu Krankenhäusern in Melbourne und Sydney. Auf der Videoleinwand erscheint ein Junge, vielleicht 15, 16 Jahre alt, er trägt ein Stirnband und eine weite Rapperhose. "Hi Lance", sagt er, "ich bin Jimmy, ich habe Krebs, und das Schlimmste ist, dass ich meine Familie wochenlang nur durch eine Glasscheibe sehen konnte. Ich habe deine Geschichte gelesen. Ich weiß jetzt, dass es ein Leben nach dem Krebs geben kann. Ein gutes, ein richtig gutes. Danke dafür."

Armstrong nickt, er sagt: "I share your story", ich teile deine Geschichte. Er sagt das sehr ernst, da ist kein Pathos in seinen Worten, kein schneller Trost, Armstrong ist ganz nah bei dem Jungen, er spielt das nicht, alle im Saal spüren das. Ein ergreifender Moment, ein befreiender auch, einigen stehen Tränen in den Augen, was soll man solch einem armen Kerl sagen, und Armstrong macht das einfühlsam und wunderbar.

Neben Armstrong auf dem Podium steht Doug Ulman. Ein schmaler, jungenhafter Mann, er hält sich im Hintergrund, gelegentlich flüstert er Armstrong ein paar Worte zu. Im Alter von 19 Jahren wurde bei Ulman das erste Mal Krebs diagnostiziert, danach noch zwei weitere Male. In Amerika nennen sie das einen "three-times-cancer-survivor". Ulman ist 31 Jahre alt und Präsident der Lance Armstrong Foundation. Ulman hat die Stiftung aufgebaut, Armstrong besorgt das Geld, seit der Gründung 1997 mehr als 250 Millionen Dollar. Am Ende seines Auftritts im Royal Adelaide Hospital sagt Armstrong: "Ohne Doug Ulman hätte ich heute nicht bei Ihnen sein können. Als ich mit dem Radsport aufhörte, wurde er mein neuer Johan Bruyneel. Doug sagt mir, was ich zu tun habe, und dann springe ich."

Natürlich ist das kokett, natürlich ist Armstrong der Chef, aber Ulman und Bruyneel haben ihn erst zu einem Anführer gemacht. Johan Bruyneel, ein ehemaliger Radprofi aus Belgien, hat Armstrong den Sport erklärt. Sobald die Route der nächsten Tour de France feststand, sind sie gemeinsam die wichtigsten Pässe abgefahren, immer und immer wieder, selbst bei Schnee und Eis. Armstrong auf dem Rad, Bruyneel im Begleitwagen, stets in Funkkontakt, Bruyneel legte die Strategie fest, bis ins Detail, er sagte Armstrong, wann er auf welcher Straßenseite zu fahren hat.

Armstrong braucht einen Plan

Doug Ulman gibt Armstrongs Leben eine Struktur, er macht die Termine, sie schießen sich E-Mails hin und her, Armstrong liebt das. "Lance weiß jetzt schon, wen er in vier Wochen zum Mittagessen trifft und wann er seine Kinder abholen muss", sagt Ulman. "Er braucht einen Plan, das gibt ihm Sicherheit."

Armstrong ist vielleicht der am besten organisierte Sportler der Welt. Ihm geht nichts durch, er verschwendet keine Zeit und keine Kraft. Das war immer schon Armstrongs große Stärke: perfekt vorbereitet zu sein für die entscheidenden Momente. Er hat den Instinkt für diese Momente, und er kann gnadenlos sein, brutal und vernichtend, wenn er angegriffen wird.

Filippo Simeoni hat das zu spüren bekommen bei der Tour de France 2004. Simeoni hatte es gewagt, vor Gericht gegen den Arzt Michele Ferrari auszusagen. Er gab an, Ferrari habe ihn mit dem Blutdopingmittel Epo und mit Wachstumshormonen behandelt. Ferrari war auch der Arzt von Lance Armstrong. Als Simeoni bei einer unbedeutenden Touretappe einen Ausreißversuch unternahm, jagte ihm Armstrong persönlich hinterher - eigentlich ein Job für seine Helfer. "Du hast einen Fehler gemacht, indem du Ferrari belastet hast", zischte Armstrong. "Damit hast du auch mir gegenüber einen Fehler gemacht. Und ich habe die Zeit und das Geld, deine Karriere zu zerstören."

In den Händen von Johann Bruyneel

Damit war die Geschichte für Simeoni noch nicht zu Ende. 2008 wurde er italienischer Straßenmeister - für den Giro d'Italia 2009 jedoch bekam der beste Fahrer des Landes keine Einladung, sein Team Ceramica Flaminia durfte nicht starten. Lance Armstrong war ja da.

Ob Armstrong ein achtes Mal die Tour de France gewinnt, liegt auch in den Händen von Johan Bruyneel. Er ist der Chef des Teams Astana, er hat drei Fahrer in seiner Equipe, die die Tour gewinnen können: Alberto Contador, Levi Leipheimer und Armstrong. Leipheimer ist der Schwächste der drei, Contador der Beste. Als der Spanier hörte, dass Armstrong zu Astana kommt, wollte er gehen. Er durfte nicht.

Bruyneel sitzt in der Lobby des Hilton in Adelaide, blaues Poloshirt, Goldkettchen, das Haar in öligen Wellen zurückgekämmt. "Ich habe ein Luxusproblem", sagt er, "und das Schönste ist: Ich muss es nicht lösen. Die Tour wird zeigen, wer stärker ist, Alberto oder Lance. Alles regelt sich von selbst."

Seit 1999 ist Bruyneel Teammanager, erst bei US Postal, dann bei Discovery Channel und seit vergangenem Jahr bei Astana. Eines hat er nie getan: die Dinge dem Zufall überlassen. Immer hat er das gesamte Team auf Armstrong zugeschnitten, es gab nur Vasallen, selbst Weltklassefahrer mussten sich ducken und Armstrong dienen. Bruyneels Strategien haben Armstrong zum Champion gemacht und Armstrongs Siege Bruyneel zu einem Einstein des Radsports. Bruyneel weiß, was in den nächsten drei Wochen in Frankreich auf dem Spiel steht. Armstrong wird zwar ein Held bleiben, wenn er verliert. Aber Armstrong, den Giganten, den Unbezwingbaren, den Außerirdischen, den wird es dann nicht mehr geben. Und Bruyneel, das Genie, auch nicht mehr.

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