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Tour in Deutschland: Fußball-WM statt Jan Ullrich

Euphorie um Jan Ullrich und Kollegen beim Zwischenstopp der Tour de France in Deutschland: Nächstes Jahr werden die deutschen Radsportfans die Tour-Helden jedoch nicht so hautnah erleben können.

Die deutschen Radfans bekommen im nächsten Jahr deutlich weniger Tour de France vor der eigenen Haustür geboten. "Wir werden keine ganze Etappe in Deutschland machen", sagte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. Stattdessen werde es eine kleine Schleife von Straßburg aus geben, wo die Rundfahrt in einem Jahr startet. "2006 ist auch das Jahr der Fußball-WM und wir wollen nicht mit der WM kollidieren", sagte Leblanc, der nach der diesjährigen Tour die Geschäfte an Christian Prudhomme übergibt. Mit dem Prolog startet die Tour 2006 am 1. Juli. Acht Tage später findet das WM-Finale statt.

In diesem Jahr macht das härteste Radrennen der Welt zum elften Mal in Deutschland Station. Nach der Zielankunft der 7. Etappe gestern in Karlsruhe geht das Peloton heute von Pforzheim aus auf die 8. Etappe. "Jedes Mal, wenn die Tour in Deutschland war, ist es eine Riesenfreude. Das Besondere hier ist das Publikum", sagte der scheidende Tour-Direktor.

Dass die erhofften Zuschauerzahlen nicht ganz erreicht wurden, tat der Stimmung an der Strecke keinen Abbruch. In Karlsruhe säumten weniger als die erhofften 500.000 Radsportfans die Straßen des Zielortes. Die Polizei ging aber von rund einer halben Million Zuschauer auf dem gesamten deutschen Streckenteil aus. Dennoch sorgten die deutschen Radsportfans für eine Riesenstimmung und machten den ersten Auftritt der Tour de France in Deutschland seit drei Jahren zu einem Spektakel.

Erst kurz vor der Ankunft der Fahrer stellten sich viele Neugierige an den Straßenrand und feierten den Tour-Tross wie kaum anderswo. "Es war abartig, wie viele Zuschauer da waren. In Rastatt standen sie fast in 20er-Reihen", sagte der Gerolsteiner-Fahrer Fabian Wegmann, der mehr als 170 Kilometer lang alleine vor dem Hauptfeld gefahren und dafür frenetisch gefeiert worden war. Der Star des T-Mobile-Teams, Jan Ullrich, war überwältigt: "Gigantisch".

Bis zum frühen Nachmittag hatten nur wenige Wohnmobile an der Strecke in den grenznahen Gebieten außerhalb der Stadt geparkt. Die Polizei hatte gar nur einen einzigen Schriftzug auf den Straßen zwischen Rhein und Karlsruhe ausgemacht - und dieser war auch noch unleserlich. Noch bevor der Tour-Tross den Rhein überquert hatte, stellte die zuständige Polizei fest: "Zwischen den Ortschaften ist fast noch gar nichts los und auch im Gebiet Karlsruhe haben wir keine Menschenmassen festgestellt."

Im Zielbereich harrten jedoch schon einige Stunden vor dem Finish mehrere tausend Radsport-Anhänger aus. Als die ersten Wagen der Werbekarawane kurz vor dem Ziel abbogen, füllte sich die rund 3500 Zuschauer fassende Tribüne. Über die Lautsprecher hatten die meisten Zuschauer mitbekommen, dass Wegmann bis kurz vor dem Ziel alleine unterwegs war, dennoch überwogen die Fähnchen und Transparente für das T- Mobile-Team um Kapitän Jan Ullrich. Der Applaus der 15.000 Zuschauer am Ziel galt vor allem Ullrich, Wegmann und dem australischen Sprintsieger Robbie McEwen.

Karlsruhe, nach 1987 zum zweiten Mal Etappenort des Radklassikers, hatte sich einiges einfallen lassen, um die Menschen in die ehemalige badische Residenz zu locken. Konzerte von Seal und Mariah Carey, eine Fahrrad-Messe und "Die Tour von oben": Für einen Euro konnte man sich vor der Ankunft der Fahrer einen Blick über die vier Kilometer lange Zielgerade erkaufen - von einem Kran aus.

Die Terroranschläge von London wirkten sich kaum auf die Stimmung der Fans aus. Auch die Polizei hatte die Sicherheitsmaßnahmen nicht verstärkt. "Es gibt keine Hinweise auf Zwischenfälle, die Zahl der Beamten wird nicht erhöht", sagte ein Polizeisprecher.

DPA / DPA

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