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Wer gewinnt die Tour 2006?: Ullrich vs. Basso - Gefühl vs. Akribie

Mit seinem Sieg in der Schweiz hat Jan Ullrich bewiesen, dass bei der Tour de France wieder mit ihm zu rechnen ist. Ohne Dauerrivalen Lance Armstrong könnte es zum großen Duell zwischen dem T-Mobile-Kapitän und Ivan Basso kommen.

Von Annette Jacobs

Sehr wahrscheinlich tritt Jan Ullrich in diesem Jahr zum letzten Mal zum großen Kampf um den Sieg beim schwersten Radrennen der Welt an. Ende der Saison läuft der Vertrag des T-Mobile-Kapitäns aus. Sein einziger Sieg bei der Tour de France ist nun schon neun Jahre her. Nun will Ullrich im Jahr nach dem Rücktritt des siebenfachen Siegers Lance Armstrong die Chance nutzen, seinen Erfolg zu wiederholen. Sein größter Gegner wird der Italiener Ivan Basso sein.

Professionelle Vorbereitung

Bereits in den vergangenen beiden Jahren landete der Kapitän des dänischen Rennstalls CSC in der Endabrechnung der Frankreich-Rundfahrt jeweils einen Platz vor Jan Ullrich: 2004 als Dritter und im vergangenen Jahr als Zweiter hinter Armstrong und vor Jan Ullrich. Auch dieses Mal bereitete sich der 25 Jahre alte Italiener wieder akribisch auf die Tour de France vor. Anders als Ullrich radelte er sich nicht in letzter Sekunde in gute Form.

Schon im Ende Mai profitierte er von seiner professionellen Vorbereitung und gewann mit dem Giro d’Italia seine erste dreiwöchige Rundfahrt - und feierte damit seinen bisher größten Erfolg. Nun gilt es für Basso, seine gute Form zu konservieren. Denn der Italiener würde im Falle eines Sieges als ein Großer des Radsports in die Geschichte eingehen: Das so genannte Double aus Giro- und Toursieg in einem Jahr gelang zuletzt 1998 seinem Landsmann Marco Pantani. Und seitdem Lance Armstrong mit seiner professionellen Vorbereitung für die Tour de France neue Maßstäbe setzte, hält man es im modernen Radsport für unmöglich, beide großen Rundfahrten in einem Jahr zu gewinnen.

Keine Zufälle

Um sein großes Ziel zu erreichen, hat Basso - wie sein Vorbild Lance Armstrong - in der Vorbereitung nichts dem Zufall überlassen. Zusammen mit seinem Sportlichen Leiter Bjarne Riis arbeitete er an sämtlichen Details: In verschiedenen Windkanals versuchte er seine Haltung auf dem Zeitfahrrad zu optimieren. Schon im Frühjahr fuhr er die Alpenpässe und die Zeitfahrstrecken in Frankreich ab. Nach dem Giro d’Italia legte er eine Rennpause ein, in der er erneut die Alpenpässe der Tour inspizierte und konzentriert weiter mit Riis arbeitete, der als einer der größten Perfektionisten in der Radsportszene gilt. Natürlich möchte auch der Däne seinen Schützling nach zwei Podiumsplätzen in den vergangenen beiden Jahren ganz oben sehen. So wie es Riis selbst vor zehn Jahren erlebte - damals gemeinsam im Team Telekom mit Ullrich.

Nie wieder dick

Ehrgeizig wie nie stieg auch Ullrich in die Vorbereitung ein. In den vergangenen Jahren wurde ihm immer wieder vorgeworfen, zu spät - und vor allem zu dick - aus der Winterpause zu kommen. Das sollte diese Mal nicht passieren: Aus Rücksicht auf seine Anfälligkeit für Erkältungen trainierte er im Winter häufig im warmen Südafrika. Im Januar präsentierte er sich fitter und schlanker denn je. Um auch das Team auf den Plan des Kapitäns einzustimmen gab es im Winter erstmals ein Camp mit dem Ziel, eine Einheit zu bilden - abgeschaut von der Basso-Mannschaft CSC, die damit schon seit Jahren gute Erfolge hat. Doch dann passierte es: Eine Knieverletzung kostete Ullrich im Frühjahr vier Wochen Vorbereitungszeit. Und plötzlich gab es wieder Zweifel, ob er rechtzeitig zum Start der Tour fit ist. Zudem gibt Jan Ullrich offen zu, dass er kein Typ für diese Art von akribischer Vorbereitung ist, die Basso hinter sich hat. Er verlässt er sich am liebsten auf sein Gefühl und verzichtete kurzfristig auf den Plan, die Touretappen abzufahren. Nach dem Giro entschied er, die Streckenbesichtigung abzusagen, um stattdessen bei der anspruchsvollen Tour de Suisse dringend notwendige Rennkilometer zu sammeln. Durch seinen - auch für ihn selbst - überraschenden Sieg wird er nun sogar noch einen Schuss Selbstertrauen getankt haben.

Zeitfahrten entscheiden

Welche Art der Vorbereitung am Ende die erfolgreichere ist? Warten wir ab, wie sich Ullrich und Basso auf der 3639 Kilometer langen Tourstrecke schlagen: Läuft alles ohne Stürze, Krankheiten und Verletzungen der Rivalen ab, können die beiden Zeitfahrten, die auf dem Weg von Straßburg nach Paris eingebaut sind, über Sieg und Niederlage entscheiden. Und da ist Ullrich - professionelle Vorbereitung hin oder her - im Vorteil. Denn die Paradedisziplin des zweifachen Zeitfahrweltmeisters ist die Schwäche von Ivan Basso. Schon beim Giro nahm Ullrich, noch nicht in Topform, seinem Gegner Basso 28 Sekunden auf 30 Kilometer ab.

Und bei der Tour de France gibt es sogar zwei lange Zeitfahren: Noch bevor es in die Berge geht, findet auf der 7. Etappe das erste, 52 Kilometer lange Zeitfahren statt. Einen weiteren Kampf gegen die Uhr gibt es am vorletzten Tag über 57 Kilometer. Dort hätte Ullrich die Chance, Rückstände nach Alpen- und Pyrenäenetappen auf den guten Bergfahrer Basso auszugleichen. Allerdings: Auch Ullrich ist kein Übermensch - und natürlich hat Basso an seiner Schwäche gearbeitet. Wöchentlich setzte er sich auf sein ungeliebtes Trainingsgerät, dem Zeitfahrrad. Schon in den vergangenen Jahren hat er sich auch dort stark verbessert.

Zwei unterschiedliche Typen, zwei unterschiedliche Arten, sich auf das härteste Radrennen der Welt vorzubereiten.

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