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Wintersport Biathlon-WM in Ruhpolding - Magdalena Neuner im Porträt


Sie ist 25 Jahre alt, wohnt mit ihrer Oma zusammen, spielt Harfe und strickt gerne. Ganz nebenbei hat Magdalena Neuner im Biathlon alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Sie ist zehnfache Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin. Grund genug für ein Porträt, bevor nach der Heim-WM in Ruhpolding der Vorhang langsam fällt.

Am 06. Dezember wurde offiziell, was die Spatzen bereits von den Dächern gepfiffen hatten: Eine der größten deutschen Wintersportlerinnen teilte der Welt mit, dass das Karriereende beschlossene Sache sei. Nach über 30 Einzelsiegen bei Weltcups, zwei olympischen Goldmedaillen und zehn Titeln bei Weltmeisterschaften sollte Schluss sein – die Biathlon-WM in Ruhpolding ist der krönende Höhepunkt.

"Zum einen sehne ich mich nach Normalität, nach ein wenig mehr Ruhe und danach, einfach mal die Dinge machen zu können, die ich in meinem Sportlerleben nie machen konnte; zum anderen bin ich sehr motiviert neue Dinge auszuprobieren, habe schon viel getestet und mit Sicherheit auch Fähigkeiten in anderen Bereichen.“

Diese Erfolge lassen auf eine Sportlerin schließen, die ihre beste Zeit vielleicht schon hinter sich hat, auf jeden Fall in das letzte Drittel der Schaffenszeit eingetreten ist. Dabei handelt es sich um Magdalena Neuner, die am 09. Februar 2012 ihren 25. Geburtstag gefeiert hat und vielleicht die beste Biathletin aller Zeiten ist.

Es gab nur eine Magdalena Neuner

Doch dazu später mehr. Diese Saison ist also die letzte der Frau Neuner und als Höhepunkt ist die Biathlon Heim-WM in Ruhrpolding auserkoren, bei der die schon nahezu makellose Bilanz der gebürtigen Garmisch-Partenkirchenerin weiter ausgebaut und mit einigen Titeln veredelt werden soll. Ihr Abschied wird eine Lücke hinterlassen, die auf Jahre hinaus nicht zu schließen ist.

"In den 23 Jahren, in denen ich jetzt Trainer bin, habe ich nur eine Magdalena Neuner gehabt und ich glaube auch nicht, dass solch eine Athletin so schnell wieder auftaucht“, erklärte Biathlon-Bundestrainer Uwe Müßiggang im Interview mit sportal.de und ergänzte: "Wie lange es dauert, um so ein Gesicht oder so eine Persönlichkeit wiederzufinden, kann man nicht sagen.“

Biathlon-Probetraining als Beginn der Karriere

Begonnen hatte diese Erfolgsgeschichte bereits im Alter von vier Jahren, als Neuner erstmals auf Alpinskiern stand. Ihr Talent war nicht zu verkennen und so dauerte es nicht lange, bis sie ihre ersten Wettkämpfe gewann. Irgendwann mussten die Weichen allerdings gestellt werden und das ist der Zeitpunkt, an dem Karrieren in Schwung kommen, oder den falschen Weg nehmen.

Es war das Jahr 1996, als Neuner an einem Biathlon-Probetraining teilnahm und Gefallen an der Sportart fand. Vier Jahre lang dominierte sie daraufhin den Schülercup – die wichtigste Nachwuchsveranstaltung – und sorgte in der Jugendklasse für 30 Erfolge in Serie. Der Sport nahm an Bedeutung zu und so verließ Magdalena Neuner im Alter von 16 Jahren die Schule.

Als Rohdiamant fand sie ihre Aufnahme im Zoll-Ski-Team, einer Sportfördergruppe des Bundesfinanzministeriums. Hier wurde weiter an dem noch jungen Talent gefeilt. Über den C2-Kader qualifizierte sich Neuner für die Juniorenweltmeisterschaften 2004, bei denen ihr der Durchbruch gelang. Zwei Gold- und eine Silbermedaille ließen aufhorchen.

Beim Bundestrainer auf dem Zettel – mit 16

Schon kurz zuvor wollte Damen-Bundestrainer Uwe Müßiggang die erst 16-jährige Neuner eigentlich als Ersatz für Uschi Disl im Weltcup der Senioren starten lassen. Das Veto der Eltern verhinderte einen Einsatz und so startete Neuner eben noch bei den Junioren – eine durchaus gute Entscheidung.

Zwei Jahr später war es dann aber soweit und Neuner gab ihr Debüt ausgerechnet in Ruhpolding, dem Austragungsort der Biathlon-WM 2012. Im Sprint geriet ihr erster Auftritt ob eines Sturzes noch zu einem kleinen Albtraum, nach der ersten Orientierung steigerte sich Neuner jedoch stetig und hatte ihre Visitenkarte in der Biathlon-Welt vorgezeigt.

Der große Durchbruch folgte in ihrer zweiten Weltcup-Saison 2006/07, als Neuner erstmals zu den gesetzten Starterinnen gehörte. Um es nochmals zu betonen: Magdalena Neuner war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Ihren ersten Weltcup gewann sie ausgerechnet in Oberhof – eine der schwierigsten Strecken im Biathlon-Zirkus.

Schon zu der Zeit waren ihre ausgezeichneten Laufleistungen der Garant, um leichte Schwächen am Schießstand ohne Mühen ausgleichen zu können. Oder wie Siggi Heinrich es auf Neuners offizieller Homepage schrieb: "Von 84 Weltcuprennen erreichte sie 40mal die beste Laufzeit (ohne Schießzeiten und Strafrunden).“

Die Biathlon-WM 2007 als großer Durchbruch

Beim Bundestrainer schon seit geraumer Zeit auf dem Zettel stehend, nominierte Müßiggang das groß auftrumpfende Talent auch für die Weltmeisterschaften 2007. Um es kurz zu machen: Neuner wurde zwar nicht die jüngste deutsche Weltmeisterin aller Zeiten – diese Ehre gebührt Petra Behle -, doch die dafür jüngste Dreifach-Weltmeisterin im Sprint, den Verfolgungsrennen und der Staffel.

Die Medienwelt stürzte sich auf den neuen Star der Szene und Neuner war eine dankbare Figur in dieser Welt – was sich auch später nicht ändern sollte. Frei von jeglichem Stargehabe avancierte sie zum Liebling der Fans, behielt ihre Natürlichkeit und machte auch keinen Hehl aus ihrem Hobby Stricken, zeigte auf Youtube, wie man einen Schal oder eine Mütze anfertigt.

Das große Loch nach der Biathlon-WM 2007

Dennoch hat der Sport auch seine negativen Seiten – gerade nach den Medaillen bei der WM 2007 wurde auch Magdalena Neuner der Medienrummel zu viel, wie sie der FAZ erklärte: "Dieses erste Jahr mit der WM 2007 in Antholz - da bin ich aus meinem Leben rausgerissen worden. Ich wusste nicht, was richtig und was falsch ist, wer mir gut will und wer nicht. (...) Da habe ich manchmal im Bett gelegen und gedacht: Ich habe auf das alles keinen Bock mehr.“

Seit einigen Jahren arbeitet Neuner nun mit einem Mentaltrainer zusammen und im Endeffekt war es genau die richtige Entscheidung, um den eingeschlagenen Weg weiter beschreiten zu können. "Ich musste zum Beispiel an dem Komplex Presse, Sponsoren, Öffentlichkeit hart arbeiten, ehe ich mich damit zurechtgefunden habe. Ich weiß nicht, wie es nach 2007 weitergegangen wäre, wenn ich nichts unternommen hätte.“

Erster Sieg im Biathlon-Gesamtweltcup

Und es ging weiter in einem atemberaubenden Tempo. In der Saison 2007/08 gewann sie den Gesamtweltcup, wiederholte zudem bei der WM in Östersund den Gewinn dreier Goldmedaillen. Besonders beeindruckend war ihr Sieg beim Massenstart gegen die Norwegerin Tora Berger, obwohl Neuner drei Schießfehler mehr auf dem Konto hatte – sie schien beim Laufen einfach über dem Schnee zu schweben.

Die Liste ihrer Erfolge ist beliebig fortsetzbar. Um einen kleinen Überblick zu geben: Magdalena Neuner ist heute 25 Jahre alt und mit ihren zehn WM-Goldmedaillen alleinige Rekordhalterin im Biathlon. Zudem gewann sie zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen und setzte sich zweimal im  Gesamtweltcup durch.

Die entnervenden Fragen nach dem Schießen

Dabei ist Magdalena Neuner trotzdem keine Maschine und weit entfernt von jeglicher Perfektion. Das Schießen galt lange Zeit als ihre Achillesferse. Beim erstmaligen Gewinn des Gesamtweltcups traf sie die Scheiben nur zu 73 Prozent, hatte vor allem große Probleme im Stehendschießen. Zwei Jahre nach ihrem WM-Triumph in Antholz verfehlte sie als Führende an gleicher Stelle alle fünf Scheiben und fiel auf Platz sieben zurück.

So waren die ewigen Fragen nach den Schwächen am Schießstand entnervend und auch die "Sehnsucht nach mehr Normalität, nach mehr Ruhe“, wie sie es in ihrer Rücktrittserklärung formulierte, gaben letztendlich den Ausschlag, schon mit 25 die Ski an den Nagel zu hängen. Doch bevor das Kapitel Biathlon beendet wird, soll bei der Heim-WM die große Kür folgen.

Ein letztes Mal

"So wie sie im Moment drauf ist, traue ich ihr alles zu. Sie kann sicherlich mehrere Medaillen holen“, meinte Müßiggang zu sportal.de. Die Biathlon-WM in Ruhpolding ist nun das erklärte Abschlussziel von Magdalena Neuner, die im Vorfeld angekündigt hatte, in allen sechs Disziplinen eine Medaille holen zu wollen.

Da gibt es das Einzel, den Sprint, die Verfolgung, den Massenstart, die Staffel und die Mixed-Staffel. Vom 29. Februar bis zum 01. März 2012 laufen die Wettbewerbe in Ruhpolding und die kleine Gemeinde in Bayern ist zum vierten Mal Ausrichter einer Biathlon-Weltmeisterschaft - dort, wo Neuner ihr Weltcup-Debüt gab.

Von den zwölf Startern, die der DSV aufgeboten hat, ist Neuner die Athletin mit den größten Chancen auf Edelmetall. Der Druck ist dementsprechend groß, gerade da es ihre letzten Wettkämpfe sind. Doch Druck gehört zum Alltag der Magdalena Neuner und im Vorfeld hatte sie genügend Zeit, um mit ihrem Betreuerstab alle Eventualitäten in Ruhe durchzusprechen.

Oben stehen und die Hymne hören

"Trotz des Drucks habe ich das bei Olympia auch gut hingekriegt. Ich selber werde mir keinen Druck machen - ich habe ja schon zehn goldene WM-Medaillen“, erklärte sie der Südwest Presse. Zudem wird sie ihre letzten Wettkämpfe genießen, denn danach ist es vorerst vorbei mit dem Rummel und den vielen Reisen.

Reisen, die Sportler - die gerade in jungen Jahren schon in der Welt unterwegs sind – schneller altern lassen und daher ist es nur verständlich, dass nun ein neues Kapitel geschrieben werden soll. Dabei geht es Magdalena Neuner um Ruhe und vielleicht auch die Planung einer Familie. "Ich möchte Normalität“, erklärte die der Frankfurter Rundschau, "bei den Freunden, bei der Familie sein, nicht die ganze Zeit durch die Welt reisen.“

Ein letztes Ziel bleibt, bevor der letzte Vorhang fällt: "Ich möchte gerne Weltmeisterin werden im eigenen Land: Wie oft, ist nicht so wichtig. Aber einmal vor heimischem Publikum da oben stehen und die Hymne hören - auf dieses Gefühl würde ich nur ungern verzichten.“ Ein Weltmeistertitel bei der Biathlon WM in Ruhpolding - es wäre der krönende Abschluss einer großen Karriere.

Gunnar Beuth

sportal.de sportal

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