HOME

Wintersport: Neuner peilt WM-Titel und Gesamtweltcup-Sieg an

Beweisen muss sich Magdalena Neuner nichts mehr und so kokettierte sie zuletzt bereits häufiger mit Rücktrittsgedanken. Doch nun beginnt erst mal die neue Saison und in die geht sie so erfolgshungrig wie gewohnt. 

In der vergangenen Saison gewann Magdalena Neuner ihren zehnten WM-Titel und avancierte damit bereits im Alter von 24 Jahren zur Biathlon-Rekordweltmeisterin. Auch in diesem Jahr ist die Doppel-Olympiasiegerin die Gejagte. Ihre Ziele: eine erfolgreiche Heim-WM in Ruhpolding und der Gesamtweltcup.

Sie sind mit gerade mal 24 bereits ein alter Hase im Biathlon-Zirkus, haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Kribbelt es dennoch vor dem Saisonstart?

Magdalena Neuner: "Aufgeregt nicht, ich sage mal eher in freudiger Erwartung. Wenn ich das erste Mal wieder am Start stehe, weiß ich genau, dass ich ein Kribbeln im Bauch haben werde. Ich freue mich einfach drauf, dass es wieder richtig losgeht."

Nach den Olympischen Spielen 2010 hatten Sie Motivationsprobleme. War es schwer für Sie, sich nach der sensationellen WM mit fünf Medaillen erneut zu motivieren?

Neuner: "Nein, überhaupt nicht. Bei Olympia war es nicht wegen der Erfolge, dass ich Motivationsprobleme hatte. Das ganze Olympia-Jahr fordert so viel von einem ab und gerade private Dinge muss man hinten anstellen. Da hatte ich danach einfach das Bedürfnis, mehr für mich zu machen. Danach habe ich nie Probleme gehabt, mich zu motivieren."

Sie gehen in diesem Jahr in der Vorbereitung eigene Wege, machen viel allein in ihrer Heimat und lassen Mannschaftslehrgänge aus. Warum?

Neuner: "Ich bin in den letzten Jahren im Finnland-Lehrgang in Muonio immer krank geworden und musste den Saisonstart in Östersund auslassen. Und irgendwann muss man die Konsequenz daraus ziehen. Ich hätte zwar dort optimale Trainingsbedingungen. Aber ich weiß, dass ich daheim genauso gut trainieren kann und hoffe, dass ich gesund bleibe. Es geht einfach darum, dass ich endlich mal wieder zum Saisonauftakt in Östersund dabei bin."

Haben Sie keine Angst, dass manche das als Sonderbehandlung und Alleingang interpretieren?

Neuner: "Niemand hat gesagt, du musst auf jeden Fall mit nach Finnland gehen, weil jeder gesehen hat, dass das für mich auch vom Kopf her schwierig ist, da hinzufahren und zu wissen, dass ich dort immer krank geworden bin. Wir haben darüber gesprochen, auch in der Mannschaft. Und es hat jeder verstanden. Ich meine, ich war immer diejenige, die krank geworden ist und, ganz ehrlich, die anderen haben auch keine Lust drauf, jemanden dabei zu haben, der krank ist. Es hat keinen gegeben, der gesagt hat, dass es nicht okay ist."

Haben Sie spezielle Akzente in Ihrem Training gesetzt oder etwas im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Neuner. "Nein, man kann ja Biathlon nicht neu erfinden. Ich bin einfach mehr in Wallgau gewesen, habe ein bisschen mehr Normalität genossen, und das war auch positiv fürs Training. Ich habe die Zeit für mich optimal genutzt, habe mir ein paar Freiräume genommen. Und ich habe sehr gut trainiert und fühle mich gut."

Man sagt, es ist schwerer, oben zu bleiben als nach oben zu kommen. Wie schaffen Sie es, immer wieder den hohen Erwartungen gerecht zu werden und dem Druck standzuhalten?

Neuner: "Ich kann eigentlich gar nicht sagen, wie es ist, nicht erfolgreich zu sein. Bis jetzt habe ich immer gute Jahre gehabt, von daher toi, toi, toi. Ich habe keine Angst davor, dass es mal anders sein könnte. Ich weiß, was ich kann. Am Ende habe ich es immer selbst in der Hand. Wenn ich alles richtig mache und immer gut trainiere und vom Kopf her gut drauf, weiß ich, was ich für ein Potenzial habe."

Große Champions haben vor allem mental anderen Athleten gegenüber einen Vorteil. Sie arbeiten seit längerem mit einem Mentaltrainer zusammen. Welchen Anteil hat er an Ihrem Erfolg?

Neuner: "Das ist für mich ein absoluter Bestandteil des Trainings geworden. Wenn ich das nicht machen würde, könnte ich wahrscheinlich nicht so erfolgreich sein. Ich investiere viel Zeit, auch meine private Zeit, dafür. Wobei ich sagen muss, das mache ich gern, weil ich da einfach so viel mitnehme, so viel lerne und profitiere. Bei der WM in Khanty-Mansiysk hat man - glaube ich - gesehen, dass es sich auszahlt, wenn man so was macht."

In diesem Jahr steht mit der Heim-WM in Ruhpolding ein ganz besonderer Höhepunkt an. Wie sehr fiebern Sie diesem entgegen?

Neuner: "Die Heim-WM ist etwas ganz Tolles und Besonderes, was man nicht oft erlebt. Ich freue mich unheimlich darauf, im eigenen Land, noch dazu in Bayern, die WM zu laufen. Ich denke, es wird ein unvergessliches Erlebnis."

Haben Sie Angst, dass die deutsche Mannschaft wie die Fußballerinnen oder die Skirennfahrer an der enormen Erwartungshaltung scheitern könnte? Oder dass Sie selbst scheitern?

Neuner: "Viele sehen es als Vorteil, viele als Nachteil. Ich sehe es eigentlich entspannt. Ich habe überhaupt keine Angst, nur Freude. Es wird nicht ganz einfach, mit dem Druck umzugehen. Aber ich denke, dass ich es hinkriegen werde. Ich habe bei Olympia schon eine gewisse Lockerheit gehabt, und wenn schon bei Olympia, warum nicht auch bei der Heim-WM? So eine gewisse Nervosität ist auch richtig und wichtig. Ich glaube, dann kann man auch bessere Leistungen bringen. Und ich weiß einfach, was ich schon gewonnen habe, was bei mir daheim in der Vitrine liegt. Im Grunde habe ich nichts mehr, was ich noch gewinnen muss."

Sie haben zuletzt gesagt, dass Sie bei der WM in jedem Wettbewerb eine Medaille holen wollen, also sechs. Hoch gepokert oder ein realistisches Vorhaben?

Neuner: "Irgendwelche Ziele muss ich mir ja setzen. Ich habe jetzt mit einem Schmunzeln gesagt, ich will sechs Medaillen holen, weil alle sagen, wie will man sich da jetzt noch steigern. Ganz ernsthaft gesehen, gibt es keine Steigerung mehr. Ich habe in Khanty-Mansiysk drei Titel und zwei Silbermedaillen geholt, was willst du da noch mehr schaffen? Am Ende versuche ich, so viele Medaillen wie möglich zu holen, aber ich habe keinen Druck oder irgendwas. Ich möchte gerne Weltmeisterin im eigenen Land werden, ganz oben stehen und die deutsche Hymne hören. Aber selbst wenn es nicht klappen sollte, dann werde ich mit Sicherheit nicht total fix und fertig heimfahren"

Welche Saisonziele haben Sie noch?

Neuner: "Der Gesamtweltcup ist auf jeden Fall ein Ziel. Da habe ich ja im vergangenen Jahr schlechte Karten gehabt, weil mir gleich die ersten Rennen krankheitsbedingt weggefallen sind. Und wenn ich diesmal von Anfang an dabei sein könnte, dann habe ich sicher sehr gute Chancen."

Sie sind Rekord-Weltmeisterin, werden mit Superlativen überhäuft. Können Sie damit überhaupt etwas anfangen?

Neuner: "Ich wollte Weltmeisterin und Olympiasiegerin werden sowie den Gesamtweltcup holen. Das habe ich geschafft und ich bin unheimlich stolz darauf, was ich erreicht habe. Superlative interessieren mich nicht und ändern nichts an meiner Einstellung. Aber zugegeben, weltbeste Biathletin bei Weltmeisterschaften, das hört sich schon gut an."

Sie haben zuletzt immer betont, nur noch von Jahr zu Jahr zu denken, ein Olympia-Start in Sotschi 2014 sei keinesfalls sicher. Ist es vorstellbar, dass Sie nach einer erfolgreichen Heim-WM sagen: Danke, das war's?

Neuner: "Wenn es mal so weit sein sollte, werde ich das nie von einem Erfolg abhängig machen. Weil das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich möchte es einfach so machen, dass ich sag, es muss für mich richtig sein und passen, es muss der richtige Zeitpunkt sein. Aber es ist nicht von irgendeiner sportlichen Leistung abhängig, weil das Thema mit der sportlichen Leistung ist ja eigentlich schon vorbei. Sport ist nicht alles, und ich habe immer gesagt, dass ich nicht mit über 30 noch Biathlon machen will. Es gibt noch ein Leben nach dem Biathlon - und das will ich auch genießen."

sportal.de / sportal

Wissenscommunity