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WM-Countdown: Der Schöngeist im Fußball-Globus

Früher wollte Jochen Hieber Fußball-Reporter werden. Heute ist er Feuilleton-Redakteur bei der "FAZ" und trotzdem ein Gesicht der WM.

Jochen Hieber tourt seit zwei Jahren mit André Hellers Fußball-Globus durch die zwölf WM-Städte. Der 53-jährige "FAZ"-Redakteur ist verantwortlich für das Herzstück des Kunst- und Kultur-Programms der Bundesregierung zur Fußball-WM 2006, das bislang mehr als eine halbe Million Fans angelockt hat. Das Duo Heller und Hieber verbindet Kreativität mit Nachdenklichkeit.

Die 15 Meter hohe, nachts blau leuchtende Weltkugel ist das Produkt des österreichischen Event-Künstlers. "Das abendliche Festival-Programm trägt meine Handschrift", betont der Journalist Hieber, der Fußball-Reporter werden wollte und Literatur-Kritiker geworden ist. Folglich zählen auch Dichterlesungen zum Globus-Alltag. Fußball selbst hat Hieber fast immer nur passiv betrieben, als Rundfunk-Hörer und Sportschau-Seher. Lediglich als Junge kickte der in Aalen geborene Protestant im katholischen Fußball-Verein DJK.

Feuilleton-Redakteur mit Hang zum Sport

Seine erste Schlüsselszene erlebte Hieber während der Fußball-WM 1962 in Chile. Der Elfjährige brachte seinem Vater Ausschnitte der "Stuttgarter Zeitung" und der "Schwäbischen Post" ins Krankenhaus. Mit den Artikeln gestaltete er sein erstes Buch. "Nie mehr bin ich meinem Traumberuf wieder so nahe gekommen", erinnert er sich. Seine Faszination für Ergebnistafeln und Tabellenstände blieben auch in seinen Beruf als Literaturkritiker erhalten.

Hieber studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Seine jugendliche Unbekümmertheit und seine Forschheit ebneten ihm den Weg für eine freie Mitarbeiter in den Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung" und der "Zeit". Nicht zuletzt durch eine Rezension über das Buch "Die gerettete Zunge" von Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti wurde Marcel Reich-Ranicki, der Literatur-Chef der "FAZ", auf ihn aufmerksam. Dort arbeitet er seit 1983 als Redakteur und schrieb neben Literaturkritiken auch Artikel über Fußball im Besonderen und Sport im Allgemeinen.

"Globus rührt am Kind in uns allen"

"Ich habe Fußball unter kulturellen Gesichtspunkten beschrieben, nicht zuletzt das hat mich prädestiniert für meine jetzige Aufgabe", erzählt Hieber. "Wie so oft kam ich zu dem Job wie die Jungfrau zum Kind." Anfang 2002 schaute er sich vor dem endgültigen Schnitt Hellers Gesprächsfilm über Hitlers letzte Sekretärin, Traudl Junge, an. Heller berichtete ihm vom Angebot von Bundeskanzler Schröder, Innenminister Schily und OK-Chef Beckenbauer, das Kulturprogramm für die Fußball-WM zu gestalten. Er könne das Angebot nicht ablehnen, habe aber selbst wenig Interesse an Fußball, sagte Heller. "Aber ich", antwortete Hieber in dem Gespräch beim Italiener. "Das würde mich reizen."

Der Fußball-Globus symbolisiert die weltweite völkerverbindende Faszination des Fußball-Sports. "Der Globus rührt am Kind in uns allen", beschreibt Hieber die multimediale Erlebniswelt, die sich auf emotionale und spielerische Weise mit der Fußball-Kultur auseinander setzt. "Heller versteht den Globus im Grunde als großes Spielfeld." Mit seiner Rundumprojektion vermittelt der mobile Pavillon Stadion-Atmosphäre, informiert über die vielen Facetten des Fußballs und testet das Wissen der Fans.

Hiebers Herz schlägt für die "Löwen"

Auch bei der Zeitschrift "Anstoß" funktioniert die Symbiose aus Hellers Kreativität und Hiebers Intellekt. "Ich konzipiere die sechs Hefte, schreibe und bringe die Texte bei; Heller und seine Grafiker sorgen dafür, dass das auch noch schön aussieht - er lebt in Bildern, ich lebe in Buchstaben." Hiebers Lieblingsverein ist der TSV 1860 München. Daran haben auch die vielen Höhen und Tiefen nichts geändert, die die 60er seit ihrem Meister-Titel 1966 erlebt haben. "Meine Sympathien gehören den Kleineren, denen, die sich schwer tun, bei denen das Zittern an der Tagesordnung ist und der Erfolg die absolute Ausnahme", beschrieb er sein sportliches Credo.

DPA / DPA

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