VG-Wort Pixel

Die Neuerfindung des NFL-Superstars Tom Brady oder: Wie eine Legende mit 43 Jahren alles auf eine Karte setzt – und gewinnt

Tom Brady winkt
Tom Brady nach dem Triumph über die Packers im Lambeau Field zu Green Bay
© Stacy Revere/Getty Images/AFP
Er gilt als größter Spieler in der Geschichte seines Sports und erlebt nach 20 Jahren in der NFL eine Wiedergeburt, mit der kaum jemand gerechnet hat: Football-Held Tom Brady führt die Tampa Bay Buccaneers in den Super Bowl und widerlegt dabei das Gesetz des Alterns.

Die National Football League ist reich an Heldensagen, das bringt dieser so rohe wie komplexe und stets spektakuläre Sport mit sich. Und jetzt, in den Pandemie-gebeutelten Playoffs 2021, ist eine Saga hinzugekommen, die noch ein bisschen unglaublicher ist als viele vor ihr.

Sie geht so: Die Tampa Bay Buccaneers hatten vor Beginn dieser Saison in ihrer 44-jährigen Geschichte insgesamt sechs Playoff-Spiele gewonnen. Die 43-jährige Quarterback-Legende Tom Brady hatte vor Beginn dieser Saison insgesamt sechs Superbowl-Ringe an seinen Fingern.

Tom Brady: Heimspiel gegen die Kansas City Chiefs

Zum Abschluss dieser Saison werden die Buccaneers und Brady nun am 7. Februar gemeinsam im Endspiel der US-Profiliga gegen die Kansas City Chiefs antreten. Und um das Sportmärchen perfekt zu machen, findet der Super Bowl, dieses vermeintlich größte Sportspektakel der Welt, in diesem Jahr auch noch im Heimstadion der Bucs statt, dem Raymond James Stadium zu Tampa.

Wie konnte das alles passieren?

Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Wegen Tom Brady. Eigentlich ist es auch für einen Ausnahmeathleten wie ihn rein biologisch nicht vorgesehen, in seinem Alter noch auf dem Platz zu stehen, geschweige denn auf höchstem Niveau zu funktionieren, ach was: zu dominieren.

Und eigentlich war Brady seit seiner Ankunft in der NFL anno 2000 über zwei Jahrzehnte so untrennbar mit seinem Team, den New England Patriots, verbunden wie, sagen wir mal, Thomas Müller mit dem FC Bayern. Er stand zusammen mit Coach Bill Belichick stellvertretend für den Erfolg der Franchise in diesem Zeitraum.

Doch dann kam die vergangene Saison. Mit einer Bilanz von 12-4 konnten die Patriots ihren unausgewogenen Kader in der regulären Saison noch kaschieren, aber im Wild-Card-Game zeigten die Tennessee Titans ihnen die Grenzen auf. Brady, dessen Vertrag mit dem Abschluss der Saison 2019-20 auslief, beendete seine Ära in New England mit einer Interception.

Natürlich wäre es daraufhin nur folgerichtig gewesen, wenn Brady in der Off-Season auf die Idee gekommen wäre, einen Schlussstrich zu ziehen. Dass er stattdessen überraschend in Florida anheuerte, sorgte für entsprechendes Schmunzeln bei vielen Beobachtern: Warum tut er sich das an? 

Er wollte es den Hatern noch einmal zeigen

Dabei lag die Motivation des Perfektionisten auf der Hand – die Motivation, die ihn längst zum GOAT, dem Größten aller Zeiten, in seinem Sport gemacht hat, behangen mit sechs Meisterschaften, vier Super-Bowl-MVP-Titeln und einer Alterslosigkeit, die ihm ligaweit nur mehr ehrfürchtigen Respekt einbringt.

Er wollte es den Hatern noch ein letztes Mal zeigen, jenen Kritikern, die seinen Erfolg immer auch auf die Ausnahmestellung der Patriots und seine fantastischen Mitspieler über die Jahre zurückführten, und die trotz Bradys übermenschlicher Karriereleistung dessen Trainer Belichick als wahren Vater der Patriots-Dynastie ansahen.

Es war, als würde Brady den Zweiflern zurufen: Schickt mich halt zu einer Loser-Franchise ins Rentnerparadies, und ihr werdet schon sehen! Eine radikale Neuerfindung in einem Alter, in dem andere NFL-Spieler normalerweise, nun ja, nicht mehr spielen.

Die letzte Konsequenz dieser Siegermentalität war am Sonntagabend zu bestaunen, als Brady dem anderen Oldie-Goldie der NFC, Aaron Rodgers von den Green Bay Packes, die Grenzen aufzeigte – während Belichicks Patriots übrigens nach einer Niederlage gegen die Miami Dolphins am 15. Spieltag zum ersten Mal seit 2008 die Playoffs verpassten. Aber das nur nebenbei.

Er denke nicht darüber, was es für ihn bedeutet, so Brady nach dem Spiel: "Ich denke darüber nach, was es für alle anderen bedeutet." Das ist natürlich das Understatement eines Champions, der sich seines überwältigenden Einflusses sehr wohl bewusst ist. Ein Einfluss, den er gegen Jungstar Patrick Mahomes und die Chiefs im Super Bowl noch einmal nachweisen will. "Das wird großartig", freut sich Mahomes, der sich nach dem Sieg seines Teams über die Buffalo Bills einen kleinen Scherz auf Bradys Kosten nicht verkneifen wollte: "Gegen einen der besten, wenn nicht den besten Quarterback aller Zeiten spielen zu können – in seinem 150. Super Bowl."

Mahomes meint es mit Respekt. So wie Scotty Miller: "Er ist wahrscheinlich der wichtigste Grund, warum wir sind, wo wir sind", sagte der Bucs-Receiver über seinen Quarterback. Wahrscheinlich? Bradys Bescheidenheit scheint offenbar auf die Teamkollegen abzufärben. Und wenn schon: Dem Erfolg tut es keinen Abbruch. Im Gegenteil. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker