HOME

Volvo Ocean Race: Durch die nasse Hölle

66 Segler kämpfen sich neun Monate lang durch alle Ozeane: Eindrücke vom härtesten Rennen der Welt.

Von Walter Wüllenweber

"Wisst ihr, was das Beste daran ist?", fragt Ian Walker. Soeben hat er mit seiner Mannschaft einen der bedeutendsten Siege erkämpft, den man in seinem Sport erreichen kann: Er hat das "Volvo Ocean Race" gewonnen, eine Segelregatta rund um den Globus. Vor neun Monaten stachen die Boote im spanischen Alicante in See, vor 20 Minuten überquerten sie die Ziellinie in Göteborg. Skipper Walker hatte noch keine Zeit, sich zu waschen, den Zauselbart zu stutzen oder von Bord zu gehen. Vom Steg aus halten ihm die Reporter die Mikrofone vor das müde Gesicht.
Und, was ist das Beste an dem Triumph? "Jetzt muss ich diese Strapaze nicht noch mal machen", sagt Walker nach dem Sieg seines Teams "Abu Dhabi Ocean Racing".

30 Meter hohe Wellen

Mit einer Dauer von einem Dreivierteljahr ist das Rennen der längste sportliche Wettbewerb auf der Welt. Und einer der härtesten. In neun Etappen rauschen die Hochleistungsschiffe aus Carbon über die Ozeane, 39.000 Seemeilen (72.000 Kilometer). Unterwegs warten bis zu 30 Meter hohe Wellen, Sturm, Kälte, Hitze und Mast- und Schotbruch. Täglich verbrauchen die Segler genauso viele Kalorien wie Radfahrer bei der Tour de France. Zu essen gibt es aber nur Astronautenfutter, das mit lauwarmem Wasser runtergewürgt wird. Alles ist nass: die Haut, die Klamotten und der Schlafsack, den man sich mit einem Mitsegler teilt. Im Südpazifik schrammen die Zwölf-Tonnen-Schiffe an der Eisberggrenze entlang. In der Kälte gefrieren die nassen Bärte. Salzwasser brennt in den Augen und auf der Haut. Die Schwielen an den Händen reißen immer wieder auf. Mit einem Topspeed von über 70 Stundenkilometern hämmert der Rumpf gegen die Wellen. Tag und Nacht. Der Lärm dieses Wellentanzes ist so groß, dass man sich anschreien muss. Alle paar Minuten taucht der Bug mit Vollgas in eine Welle, und 50 Tonnen Wasser verwandeln das Deck in eine Waschmaschine. Gegen die Gewalt eines solchen Vollwaschgangs ist auch die Muskelkraft der Segelprofis machtlos. Um nicht von Bord gespült zu werden, müssen sich die Segler festgurten, auch der Steuermann.

Volvo Ocean Race: Wellenritter


Das Leben an Bord wird von einem Zwei-Stunden-Rhythmus bestimmt: zwei Stunden segeln, zwei Stunden - nein, nicht frei: Stand-by. "Wenn man die Zeit fürs Umziehen, Essen und die Toilette abzieht, bleibt netto keine Stunde in der Koje", sagt Ian Walker. "Und kaum bist du eingeschlafen, steht ein Manöver an, und sofort müssen wieder alle an Deck." Wenn es richtig zur Sache geht, gönnen sich die Crewmitglieder bis zu 90 Stunden lang keinen Tiefschlaf, allenfalls ein paar Minuten Dösen.

Die Rennmaschinen taugen nicht zum gemütlichen Wassercamping. Es sind 20 Meter lange Surfbretter mit Kajüte. "Schwarze Hölle" nennen die Segler die spartanische Behausung. Das schwarze Carbon kommt ohne Verkleidung oder freundliche Wandfarbe aus. Auf den Anstrich wurde verzichtet, um Gewicht zu sparen. Frei in der Mitte des Raums steht eine Schüssel, von der ein grüner Schlauch wegführt: das Klo. Keine Wand, kein Vorhang, eine Armlänge entfernt schlafen die Kollegen. Dies ist das gefährlichste Örtchen an Bord, denn genau über dem Klo steht der Mast, der bei jeder Welle mit über 100 Tonnen auf die Rahmenkonstruktion drückt.

Man muss die Kollegen riechen können

Einen Meter weiter achtern wurde ein viereckiges Waschbecken installiert, zehn mal zehn Zentimeter, darüber ein strohhalmdünner Wasserhahn. Das ist das Badezimmer für acht schwitzende Hochleistungssportler, männlich. Die gesamte Crew muss mit 30 Litern Frischwasser am Tag auskommen, für alles. Nach dem Trinken und dem Kochen bleibt bestenfalls ein Schluck fürs Zähneputzen. An keinem Arbeitsplatz ist es so wichtig, dass man seine Kollegen riechen kann, wie an Bord dieser Segelboliden.

"Ich kann die Boote mit geschlossenen Augen unterscheiden", sagt Guy Barron. Er gehört zu den Serviceleuten an Land, die alle Boote nach gesegelter Etappe einer großen Inspektion unterziehen. Barron ist nach dem Anlegen der Erste an Bord. Er kennt das unvergleichliche Aroma unter Deck. "Der Gestank, den menschliche Körper produzieren, den kann sich keiner vorstellen", sagt er. "Nur bei den Frauen ist es nicht ganz so schlimm. Dabei sind da drei Leute mehr an Bord."

Drei Frauen mehr an Bord

Das Team SCA aus Schweden war das einzige Frauenteam in der Flotte aus sieben Booten. Bei einem Rennboot dieser Klasse müssen ständig Schoten dichtgeholt werden. Permanent wird an den Winschen gekurbelt. Um ihre Kraftnachteile auszugleichen, dürfen die Frauen mit einer elfköpfigen Crew segeln, die Männer nur zu acht. Das Team um die britische Skipperin Sam Davies wollte beweisen, dass es mit den Männern mithalten kann. Doch mitunter erreichte die Frauencrew das Etappenziel mit so großer Verspätung, dass sie den Zeitplan der Regatta gefährdete. Bei der Königsetappe vom neuseeländischen Auckland, rund Kap Hoorn, ins brasilianische Itajaí, kreuzten die Männerboote nach drei Wochen auf dem Ozean innerhalb von nur einer Stunde die Linie. Die Frauen kamen fast zwei Tage später.

"Den Frauen fehlt nur eins: Erfahrung", sagt der Sieger Ian Walker. Segeln ist ein Erfahrungssport, vor allem Hochseesegeln. Doch nur wenige Frauen haben bislang an der Regatta um die Welt teilgenommen. Beim gesamten elfköpfigen Frauenteam SCA standen vor dem Start lediglich drei Volvo-Ocean-Race-Teilnahmen zu Buche. Ian Walker und seine sieben Mitsegler kamen zusammen auf 21. "Wenn die Frauen zusammenbleiben, werden sie beim nächsten Mal vorn mit dabei sein", prophezeit Walker.

Immer sportlicher, schneller, brutaler

Zum zwölften Mal haben die Hochseesegler bei einem Rennen um den Globus ihre Kräfte gemessen. 1973, beim ersten Start, hieß die Regatta noch "Whitbread Round the World Race". Millionäre schipperten auf ihren Luxusyachten übers Meer. An Bord gab es einen Koch, ausgesuchte Weine, Bücherkisten, Gitarren und natürlich richtige Badezimmer. Meistens mehrere. Bevor man in den Hafen einlief, zog man die weiße Hose an und das marineblaue Jackett mit Goldknöpfen. Mit jedem Mal wurde die Wettfahrt sportlicher, schneller, brutaler. Beim diesjährigen Rennen segelten erstmals alle Teams mit baugleichen Booten. Darum ist der Sieg von Ian Walker und seinem Team sportlich der wertvollste. Der 45-jährige Brite darf sich zu Recht als König der Hochseesegler fühlen.

Früher war das Whitbread Race ein Zeitvertreib reicher Amateure. Heute starten beim Volvo Ocean Race ausschließlich international zusammengekaufte Segelprofis. Deutsche Spitzensegler waren diesmal keine dabei. Im Profisport auf hoher See ist Deutschland so bedeutsam wie Malta im Fußball. Bezahlt werden die Teams von einem Finanzdienstleister, einem Windradbauer, einem Hersteller von Medizintechnologie, einem chinesischen Lkw-Produzenten oder vom Emirat Abu Dhabi. Für die Sponsoren sind die Boote schwimmende Litfaßsäulen. Offiziell kostet eine solche Kampagne zwölf Millionen Dollar. Doch das ist allenfalls der Einstiegspreis, ohne jedes Extra. Vor allem den Scheichs aus Abu Dhabi ist ihr Hobby sicher ein Vielfaches wert.

Walker segelt in einer anderen Preisklasse

Als noch jedes Team mit seiner eigenen Konstruktion starten durfte, wurden die Rennen meist schon an Land entschieden. Die Ingenieure und Designer verschlangen den größten Anteil des Budgets. Die Segler mussten sich mit dem Geld zufrieden geben, das die Konstrukteure übrig ließen. Der Wechsel zu den Einheitsbooten hat die Geldströme umgeleitet. Beim Volvo Ocean Race sind jetzt auch die eigentlichen Akteure, die Segler, Spitzenverdiener. Selbst die jungen Neulinge verdienen bereits 100.000 Dollar im Jahr. Erfahrene Skipper verlangen eine halbe Million. Ian Walker segelt in einer anderen Preisklasse. Sein Marktwert wurde in der Branche auf rund zwei Millionen Dollar Jahresgehalt geschätzt. Vor dem Sieg der Regatta.

Die größte Veränderung des Wettbewerbs bewirkte jedoch nicht die Professionalisierung der Sportler, auch nicht der Fortschritt beim Bootsbau, nicht mal die Brutalisierung der Lebensverhältnisse an Bord. Die Medien sind es, die aus der Regatta einen anderen Sport machen. Über Satelliten sind die Boote mit dem Internet verbunden und rund um die Uhr auf Sendung. "Das ganze Design des Cockpits wurde zu einem Großteil von den Medien beeinflusst", sagt Walker. An Deck sind gleich mehrere Kameras fest installiert, die ununterbrochen aufzeichnen, um keine Sekunde Action zu verpassen. Mehrere Boote kenterten, einem brach der Mast, das Team Vestas ballerte in der Nacht auf ein Riff. Die Havarien produzierten spektakuläre Videohits, millionenfach geklickt. So wurden die Unfälle für die Sponsoren zu Glücksfällen.

Filmen, fotografieren, bloggen

Auf jedem Boot fährt ein Passagier mit: ein "Onboard Reporter", der filmt, fotografiert und bloggt. Auch die Bilder zu diesem Artikel stammen von einem Onboard Reporter. An Land produziert eine Redaktion von 50 Journalisten aus dem Material von Bord täglich mehrere Sendungen, Filme und Artikel. Während des Rennens haben regelmäßig fast acht Millionen Segelfans den Wettkampf im Netz verfolgt, allein eine halbe Million luden die App auf ihr Smartphone.


Bis vor wenigen Jahren gab es beim Segeln keine Zuschauer. Die moderne Übertragungstechnik macht die Sportart plötzlich sichtbar, für Millionen. "Fußball verändert sich nicht, wenn es kleinere Kameras und bessere Satellitentechnik gibt. Für das Segeln bedeutet das eine Revolution", sagt Regattachef Knut Frostad.

In England, Frankreich, Holland, Schweden, Spanien, Neuseeland oder China sind die Abenteurer der Meere Stars. Am Zielhafen jeder Etappe gibt es zum Empfang der Flotte ein Volksfest. Stets kommen mehrere Hunderttausend Fans, weltweit insgesamt fast vier Millionen. Die beiden gegensätzlichen Welten machen aus Extremsport einen Sport der Extreme: von den einsamsten Orten des Planeten direkt an den Ballermann. "Schon viele Kilometer vor der Küste kann man das hören: ntzzz, ntzzz, ntzzz", sagt der Spanier Chuny Bermúdez, der Erfahrenste im Siegerteam. Sechsmal war er dabei. Bermúdez entspricht genau dem Klischee eines Weltumseglers: Er redet nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Die Schweiger der Meere müssen bei den Boxenstopps in den Häfen ihre zweite Disziplin durchstehen: Halligalli auf der Bühne, Pressekonferenzen, Interviews, Selfie-Marathon mit Fans. Beim Showsegeln schippern sie ihre Sponsoren durch das Hafenbecken.

Drei Schwangerschaften wegen des Segelns verpasst

Lola Bermúdez ist die Frau des Profiseglers. "Ich bin einfach nur froh, dass ich ihn wiederhabe", sagt sie beim Winners' Dinner des "Abu-Dhabi"-Teams. Auch Tage nach der Ankunft in Göteborg mag sie die kaputten Hände ihres Mannes gar nicht loslassen. Im Oktober vor 28 Jahren hat sie ihn geheiratet. "Im November war er schon weg, sein erstes Rennen", erzählt die Seemannsfrau. Damals gab es kein Telefon an Bord, keine E-Mails. Ein paar Monate nach der Hochzeit wartete im Hafen ein Fax auf den frisch Vermählten. Nachricht von seiner Frau: "Ich bin schwanger." "Inzwischen haben wir drei Kinder", sagt Lola Bermúdez. "Jedes Mal war er während der Schwangerschaft auf See."

Chuny Bermúdez denkt nicht ans Aufhören. "In Wahrheit ist das Leben an Bord das Einfachste auf der Welt", sagt der Spanier. "Keine unbezahlten Rechnungen, kein Elternabend, keine Schlange an der Kasse, kein Ehestreit, kein Sex. Es gibt nur Segeln." 2017, beim nächsten Ocean-Race, wird er wieder anheuern.

Gerade hat Skipper Ian Walker seinen Dinner-Speech beendet und am Tisch der Mannschaft Platz genommen. Im Gegensatz zu Bermúdez hatte Walker ja angekündigt, wegen der Strapazen in Zukunft nicht mehr anzutreten. "Moment mal! Das war kurz nach dem Zieleinlauf. Da war ich hundemüde und nicht zurechnungsfähig", widerspricht Walker. "Frag mich noch mal in drei Monaten." 

Wissenscommunity