Anfang März hat Julian Nagelsmann dem Fachmagazin Kicker ein Interview gegeben, das die Branche in Aufruhr versetzte. Der Bundestrainer habe, so die allgemeine Lesart, eine verfrühte WM-Nominierung vorgenommen, indem er manche Nationalspieler mit öffentlichem Lob bedachte, die Namen anderer hingegen komplett verschwieg.
An diesem Donnerstag nun präsentierte Nagelsmann auf dem DFB-Campus in Frankfurt seinen Kader für die kommenden Länderspiele gegen die Schweiz (27. März) und Ghana (30. März). Wer Nagelsmann dort reden hörte, konnte den Eindruck gewinnen, dass er eine Korrektur seines viel kritisierten Interviews versuchte. Auffallend oft erwähnte er, „die Tür zur Nationalmannschaft“ sei für keinen Spieler geschlossen – und umgekehrt sollten die von ihm Belobigten, wie etwa der Münchner Leon Goretzka, in ihren Vereinen weiterhin „Gas geben“, um sicher beim WM-Turnier im Sommer dabei zu sein.
Keine Experimente mehr bis zur WM
Das Leistungsprinzip zu betonen, gehört eigentlich zum Phrasen-Arsenal rhetorisch minder bemittelter Trainer, zu denen Nagelsmann nun gar nicht zählt. Und doch schien es dem Bundestrainer wichtig, daran zu erinnern, dass die deutsche Nationalmannschaft ein nach allen Seiten offenes Gebilde ist. In Bezug auf Goretzka, beim FC Bayern oftmals nur Reservist, bemerkte Nagelsmann spitz, dass die ihm in Aussicht gestellten Einsätze bei der WM auch sehr kurz ausfallen könnten. „Auch zwei Minuten“ seien schließlich Spielzeit – eine Garantie gebe er niemandem.
Das war die eine, simple Botschaft von Nagelsmann in Frankfurt. Die andere lautete: Die Zeit der Experimente ist beendet. Das eingeübte Spielsystem soll bis zur Weltmeisterschaft im Juni gefestigt und lediglich hier und da verfeinert werden.
Passend dazu traf Nagelsmann seine Personalauswahl. Große Überraschungen fehlten; der Bundestrainer lud in den beiden Münchnern Jonas Urbig und Lennart Karl zwar zwei Neulinge ein, aber beide werden beim DFB-Lehrgang, der am nächsten Montag in Herzogenaurach beginnt, nur Ergänzungsspieler sein. Torwart Urbig wird gegen die Schweiz und Ghana wohl keine einzige Minute spielen. Er ist die Nummer drei hinter Oliver Baumann und Alexander Nübel, und Lennart Karl, 18, muss darauf hoffen, dass Nagelsmann seinen Stammkräften Florian Wirtz oder Leroy Sané in den beiden Testspielen einige Minuten Pause gönnt. Nur dann kommt Karl zum Zug.
Starker Bayern-Block im Mittelfeld
Aus dem Personaltableau lässt sich ablesen, dass Nagelsmann auf einen starken Bayern-Block bei der WM bauen wird: Jonathan Tah ist in der Innenverteidigung gesetzt, rechts neben ihm spielt Joshua Kimmich, und vor der Viererkette sollen, als sogenannte Sechser, Aleksandar Pavlović und Leon Goretzka den Spielaufbau organisieren. Im Sturm hat Serge Gnabry beste Einsatzchancen – somit würden fünf Bayern-Spieler einen Platz in der ersten Elf besetzen. Der FC Bayern Deutschland, schon zu Zeiten von Gerd Müller, Sepp Maier und Paul Breitner in den 1970ern ein Erfolgsmodell, ist zurück.
Nagelsmann hat sich bewusst dafür entschieden; er versteht sich nämlich als Momentum-Trainer. Welcher Verein, welcher Spieler hat gerade einen Lauf? Das ist für Nagelsmann eine entscheidende Frage bei der Kaderkomposition. Er glaubt an ein sich selbst verstärkendes Prinzip im Fußball: nämlich, dass Erfolg der beste Nährboden für neue Erfolge ist.
Bei den Bayern, die gerade erst Atalanta Bergamo mit insgesamt 10:2 Toren aus der Champions League fegten, sieht Nagelsmann derzeit „eine ganz großartige Mentalität“ und die „absolute Gier, jedes Spiel zu gewinnen“. Von dieser Mentalität, so hofft Nagelsmann, wird sich der Rest der Mannschaft anstecken lassen wie von einem Grippevirus.
Nagelsmann selbst sprühte in Frankfurt vor Optimismus. Zu jedem Spielernamen, den ihm die Journalisten zuwarfen, fielen ihm ein paar freundliche Worte ein. Nick Woltemade? „Super angenehmer Typ, guter Humor.“ Deniz Undav? „Einen Stürmer mit solch einer Torquote muss man natürlich einladen.“ Pascal Groß? „Hat die große Gabe, Menschen zu verbinden.“ Nathaniel Brown: „Halte große Stücke auf ihn. Hat eine super Zukunft vor sich.“
Julian Nagelsmann stehen schwierige Gespräche bevor
Auch über Antonio Rüdiger wusste er nur Positives zu berichten („committet sich unglaublich für die Nationalmannschaft“), doch Nagelsmanns Verhältnis zum Innenverteidiger von Real Madrid dürfte bei der Zusammenkunft in der nächsten Woche auf die Probe gestellt werden. Bei Real ist Rüdiger, der acht Monate an einer Knieverletzung laboriert hatte, in der Abwehr wieder gesetzt. In der DFB-Elf hingegen scheint derzeit kein Platz für den gebürtigen Berliner zu sein; Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck gelten als das Duo, mit dem Nagelsmann die WM bestreiten will.
Wie Rüdiger, der wahrlich nicht an einem Mangel an Selbstvertrauen leidet, das wohl aufnehmen wird? Nagelsmann wird als Diplomat gefragt sein. Aber ein Mann der Worte ist er ja.