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Vorabdruck "Jenseits von Europa" Reich, jung, aus Afrika – die unglaubliche Geschichte des Fernsehproduzenten Eugene Mbugua

Kenia – das ist mehr als Safari und Savanne. Die Hauptstadt Nairobi ist stolz auf ihr wildes Nachtleben, hier ein feiernder Mann auf einer Neujahrsfeier
Kenia – das ist mehr als Safari und Savanne. Die Hauptstadt Nairobi ist stolz auf ihr wildes Nachtleben, hier ein feiernder Mann auf einer Neujahrsfeier
© Picture Alliance
Afrika, das ist mehr als Armut und Hunger – es sind auch Erfolgsgeschichten von jungen Unternehmern. Wie die des Fernsehproduzenten Eugene Mbugua aus Kenia. Von Aufsteigern wie ihm erzählen Sophia Bogner und Paul Hertzberg in ihrem Buch "Jenseits von Europa". Ein Auszug.
Von Sophia Bogner und Paul Hertzberg

Manche Momente sind einfach zu perfekt. Da passt alles, greift alles ineinander, als führe jemand Regie. Da sagt jemand etwas Erhellendes, begreift etwas Großes und – bling! – genau in diesem Moment geht das Licht an. Oder es gibt einen Streit, einer stürmt aus der Wohnung, wütend, knallt die Tür, tritt auf die Straße und – bumm! – da donnert es und beginnt zu regnen. Ja, das kann alles passieren. Das tut es auch. Aber nur ganz selten. Der Alltag ist halt kein Hollywoodfilm. Die meisten Leben holpern eher so vor sich hin.

Aber es gibt Menschen (nur ganz wenige), bei denen das anders zu sein scheint. Da passt wirklich alles, greift tatsächlich perfekt ineinander, als führe jemand Regie. Jedes Detail stimmt, jedes Erlebnis wird zur Story, auch die tragischste Episode hat eine Moral. Als Zuschauer wähnt man irgendwo ein Schattenteam aus Requisiteuren und Souffleusen. Und spätestens, wenn zum wiederholten Mal zufällig im Hintergrund der genau richtige Song das Geschehen auf den Punkt bringt, wie ein Off‐Kommentar aus der Bluetooth‐Box, denkt man: Das kann doch nicht wahr sein. Oder etwa doch?

Eine perfekte Story

"Ich bin ziemlich gut darin, zu wissen, was Leute sehen wollen", sagt Eugene. Wir sitzen zu dritt in seinem Garten am Stadtrand Nairobis, hinter hohen Hecken, an einer langen Tafel mit weißem Tischtuch. Die Sonne funkelt in Martinikelchen, Sektflöten, Whiskey‐Tumblern, Longdrink‐ und Wassergläsern, einer Orangensaft‐Karaffe aus Kristall. "Wie wäre es mit einem Drink?", fragt Eugene – und aus dem Nichts erscheint ein Mann mit einem Kübel voll Eis. Die Luft ist warm und riecht nach Sommer. Der Rasen ist frisch gemäht. Kühl kitzeln kurze Halme an unseren nackten Füßen. Ostern 2021, Samstagvormittag: Brunch bei Eugene Mbugua, dem vielleicht berühmtesten Fernsehproduzenten Ostafrikas.

Früher einmal – auch darum wird es in dieser Geschichte gehen – war Eugene sehr arm. Dann wurde er sehr reich. Auch das eine perfekte Story, vom Tellerwäscher und so weiter. Eugene war mit Anfang 20 Kenias jüngster Selfmade‐Millionär, war auf der Liste von "Forbes 30 under 30", war auf dem Cover von Magazinen und in Cannes bei den Filmfestspielen. Jetzt ist er 31 Jahre alt und nicht mehr wegzudenken aus Kenias Fernsehlandschaft. Seine Firma produziert einige der beliebtesten Serien des Landes.

Eugene hat das Showbiz revolutioniert mit einem Format, das neu war in Ostafrika: Reality‐TV. Für Europäer mag das abgestanden klingen, nach "Big‐Brother"‐Dramen oder dem Sozialabendelend von RTL2. Aber in Kenia war das Format unbekannt. Es gab Filme und Serien und Fußballübertragungen sowieso. Aber niemand drehte bei den Menschen zu Hause, zeigte sie in ihren Wohnzimmern, wie sie leben, essen und sich streiten. Dann kam Eugene. 2012 feierte er seinen ersten Hit: "Young Rich", eine Show über junge Millionäre in Nairobi: Sportwagen, Swimmingpools, Krokolederschuhe. Das wollten alle sehen. "Young Rich" machte Eugene selbst jung reich – und war nur der Anfang. Er produzierte weiter: erst "Kenya’s Perfect Wedding", dann "Foods of Kenya", schließlich "My Story", eine netflixhafte Hochglanzserie, in der Politiker, Künstler und Unternehmer ihre Erfolgsgeschichten erzählen. Das alles (und noch ein paar andere Shows mehr) sind Hitformate, die immer noch laufen.

Die größte Inszenierung, das ist er selbst

Aber Eugenes vielleicht größte Inszenierung ist eine andere. Sie wurde bisher noch nicht ausgestrahlt, ist aber immer auf Sendung. Es ist die Geschichte seines eigenen Lebens: die Eugene Mbugua Show. Wegen ihr sind wir hier.

Sophia Bogner, Paul Hertzberg: Jenseits von Europa, Econ, 240 Seiten, 24,99 Euro
Sophia Bogner, Paul Hertzberg: Jenseits von Europa, Econ, 240 Seiten, 24,99 Euro

Schon die Fahrt zu diesem ersten Treffen war filmreif gewesen, ein Trailer für das, was noch kommen sollte. "Es gibt Cocktails", hatte Eugene geschrieben. Und: "Ich lasse euch abholen." Um Punkt zehn Uhr morgens hielt sein Fahrer vor unserer Tür, in einer dunkelgrünen Mercedes‐Limousine. Er sprang aus dem Wagen, öffnete uns den Schlag. "Sollten Sie Durst haben", sagte er, wieder am Steuer, "finden Sie Wasser und Saft in der Mittelkonsole. Mister Mbugua hat für alles gesorgt." Dann gab er Gas, wir schwiegen hinter getönten Autofenstern, in einer klimatisierten Mercedes‐Blase, die nach Ledersitzen roch. Draußen zog Nairobi vorbei, erst staubig, dann immer grüner, je weiter wir rauskamen. Aus den Stadtautobahnen wurden Alleen, das Menschengedränge der Straßenränder wich Blumenbeeten, dann gab es keine Hochhäuser mehr, nur noch Gärten und Villen, geschützt von hohen Hecken. Karen, so heißt dieser Stadtteil.

Hier lebt Eugene und auch jeder andere, der in Nairobi etwas gilt. Sogar Uhuru Kenyatta, der Präsident, hat hier einen seiner (vielen) Wohnsitze. In Karen gibt es französische Bäcker, einen Organic Farmers Market und ein 5‐Sterne‐Hotel, in dem Touristen Giraffen kraulen können, die ihre Hälse durch Fenster ins Herrenhaus strecken auf der Suche nach Frühstücksbuffetfrüchten. Karen ist ein nobler Vorort, eng verbunden mit der Geschichte der Europäer in Kenia, vor allem mit der der Briten. Aber Karen ist auch der Ort, wo berühmte Filme und Bücher, wo große Storys spielen. Denn Karen heißt Karen nach Karen Blixen. Hier hatte die dänische Schriftstellerin ihre "Farm am Fuße der Ngong‐Berge". Hier spielt ihr berühmtestes Buch, das in den 80ern verfilmt wurde, mit Meryl Streep und Robert Redford: "Jenseits von Afrika".

Ein Buffet wie aus der Hotel-Broschüre

Eugene trat aus seinem Haus, aus dem Schatten ins Sonnenlicht, genau in der Sekunde, als wir vorfuhren – ein zierlicher Mann, mit breitem, leicht schiefem Grinsen und langen Dreads fast bis zur Hüfte. "Mann, so schön, dass ihr es geschafft habt", sagte er. Er war barfuß und trug ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, als hätte er gerade noch etwas erledigt. "Kommt mit", sagte er, "wir essen im Garten."

Und so landeten wir an diesem Frühstückstisch, mit einer Batterie von Cocktailgläsern und einem Buffet wie aus einer stylishen Hotel‐Broschüre. Ein runder, weicher Brie lag verführerisch auf einem Holzbrett, daneben fächerte fettschimmernd italienischer Schinken auf. Ein Haufen Weintrauben erhob sich aus Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren. Der Himmel: postkartenblau. Das Tischtuch: persilwerbungsweiß. Der Garten: so grün, als wäre er nachkoloriert worden. Zwei Schoßhunde federten über den Rasen auf uns zu. Sie waren klein und flauschig und bellten nicht. Und aus unsichtbaren Lautsprechern tröpfelte Musik in die Szene, irgendwas Klassisches, Streicher zum Brunch. Surreal. So wirkte das auf uns. Wie eine Mischung aus Alice im Wunderland und Eugenes Reality‐Shows. Und das war, ganz bestimmt, Absicht.

Eugene Mbugua, Erfolgsproduzent aus Kenia
Eugene Mbugua, Erfolgsproduzent aus Kenia

© Paul Hertzberg

Es ist nicht leicht, über Eugene zu schreiben. Das liegt daran, dass er uns schnell sympathisch wurde. Er ist ein guter Typ, wir haben in Nairobi viel Zeit miteinander verbracht und sind seitdem in Kontakt geblieben. Aber das liegt vor allem daran, dass Eugene die Kontrolle über all seine Formate hat – und seine eigene Biografie gehört dazu. Er ist ein Mensch, der in perfekten Storys denkt. Jede Anekdote hat Anfang und Ende, Höhe‐ und Wendepunkte, Cliffhanger, eine Moral. Das macht ihn zu einem guten Fernsehproduzenten – und zu einem unmöglichen Interviewpartner. Eugene antwortet nicht. Er erzählt. Nie erlebt man ihn spontan. Immer in Szenen, die er selbst entworfen hat.

Dazu gehört auch unser erstes Treffen, Überschrift: Brunch bei einem jungen Millionär. Eugene kennt Einsamkeit, Armut, Elend, Leid. Auch er ist gescheitert, in Sackgassen gelaufen. Aber er erzählt von seinem eigenen Leben als perfekte Geschichte: Aus der Not seiner Kindheit entstand der Wunsch, sie zu überwinden, wurde Arbeitswut, dann Erfolg, schließlich Erlösung. Alles hängt mit allem zusammen, wird Teil der Eugene‐Story, sogar die Politik Kenias, sogar Präsident Kenyatta. Aber während Eugene davon erzählt, blitzt immer wieder ein anderer Mann auf – ein Zweifler, ein einsamer Mensch, bis heute weniger Selfmade‐Millionär als vielmehr immer noch Oliver Twist. Aber schließlich ist auch das nur eine Story, eine ziemlich alte sogar.

In einem einzigartigen Projekt suchen der stern und die Welthungerhilfe gemeinsam mit den Menschen aus dem Dorf Kinakoni in Kenia nach neuen Lösungen gegen den Hunger. Hier finden Sie alle Infos. Die Arbeit vor Ort wird unter anderem unterstützt von der Deichmann Stiftung, der Wilo Foundation, der Stiftung Block und im Bereich des Schulneubaus von der Regine-Sixt-Kinderhilfe-Stiftung. Die Ernährungslage in Kinakoni ist vor allem aufgrund von Dürre und Preissteigerungen kritisch, das Projekt ist weiterhin auf Spenden angewiesen. Helfen Sie uns, den Menschen von Kinakoni beim Kampf gegen den Hunger zu helfen – bitte unterstützen Sie unsere Initiative. Jeder Euro geht vor Ort ins Projekt. Hier können Sie direkt spenden.
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"Ich wurde in einer Stadt namens Kitale geboren, im Westen Kenias, im November 1990." So fängt Eugenes Geschichte an. Dann starb seine Mutter, da war er sieben Jahre alt. Sein Vater wollte den Sohn nicht haben. Vielleicht war er grausam. Vielleicht nur verloren. Eugene weiß es nicht. Ein paar Jahre lang lebte er bei seiner Großmutter, dann wurde sie zu alt. Eugene kam zu einem Onkel, der reichte ihn weiter. Er kam zu einer Tante, der fiel er zur Last. Keiner wollte ihn, das ließen sie ihn spüren. Eugene erzählt davon mit stählerner Stimme und ohne zu blinzeln. Er ist ehrlich, gnadenlos in den Details.

"Ihr sollt das wissen", sagt er. "Aber die Einzelheiten, schreibt die nicht auf. Es reicht zu sagen, dass ich eine schreckliche Kindheit hatte." Auch in der Schule blieb er lange allein. Die Mitschüler mieden ihn. Er war zu anders als sie, kleiner, ärmer, ungeliebter – auch schlauer. Einmal ging Eugene ein paar Wochen lang nicht zur Schule, aber es fiel niemandem auf, dass er weg war. Er zog sich zurück – und entdeckte die Bücher. Eugene las, was er finden konnte: Romane, Zeitschriften, Sachbücher. Und besonders gerne las er Sidney Sheldon. Sheldon, das ist der amerikanische Schriftsteller, dem die Welt "Bezaubernde Jeannie" verdankt, diese Fernsehserie, in der ein Astronaut einen hübschen, weiblichen Flaschengeist entkorkt und dann mit ihm flirtender‐ weise Abenteuer erlebt. Sheldons Romane wurden Eugenes Zuflucht. Er las "Rache ist ein süßes Wort", "Zorn der Engel", "Ein Fremder im Spiegel". Und da erwachte Eugenes Lust an Unterhaltung, an der perfekten Story – der Grundstein für seinen späteren Erfolg.

Er hatte jetzt eine Leidenschaft, aber kaum Freunde, mit denen er sie teilen konnte. Und irgendwann, da war er ein Teenager, ein magerer Kerl mit wirren Haaren, der keine richtigen Schuhe besaß, aber die bezaubernde Jeannie kannte, akzeptierte Eugene Mbugua etwas eigentlich Inakzeptables: dass er allein war und es bleiben würde; dass es in diesem Leben nur ihn geben würde. "Es gibt ein Zitat aus ›Jenseits von Afrika‹", sagt Eugene. Er denkt nach, aber er kommt nicht auf den genauen Wortlaut. "Es geht ungefähr so: Ich habe meine Entscheidung getroffen und bin bereit, den Preis zu zahlen – manchmal einsam zu sein, alleine zu sterben, wenn es sein muss."

"Kommt, das reicht", sagt Eugene. Cliffhanger! Jetzt etwas Positives, neue Szene. Er springt auf. Läuft ins Haus. Bringt Bücher mit, Romane, Sachbücher, den aktuellen Economist ("Africas long Covid"). Er liest noch immer alles. Wir reden über Musik. Reden über Diktatoren. Eugene macht Gin Tonic, macht Negroni, macht Martini, spielt mit den Hunden. Ein Gummiball hüpft über den Rasen. Eugene flackert durch den Garten. Die Szene ›Brunch bei einem Millionär‹ scheint ab‐ gedreht worden zu sein. Nächste Klappe! Auftritt jetzt: das exzentrische Genie. "Das ist doch eine Idee!", ruft Eugene. "Und das auch!" Er zückt ein Notizbuch, kritzelt. "Daraus könnte man ein Format machen, oder?" Er strahlt, klatscht in die Hände. Im Hintergrund hat die Musik gewechselt. Die Frühstücksstreicher sind verklungen. Jetzt pulst Afropop aus den Boxen, Sauti Sol, eine der großen Bands Kenias, Freunde von Eugene. Auch über sie hat er eine TV‐Show produziert. Der Song, der läuft, heißt "Extravaganza". "Wakaja na madrama", singt die Band auf Suaheli, "Sinema zetu ni telenovela." Auf Deutsch: "Sie kamen mit ihrem Drama. Aber unsere Skandale sind wie eine Telenovela. "Kommt!", ruft Eugene, "ich zeige euch mein Haus." Und so beginnt unsere ganz private Live‐Episode von "Young Rich".

Paul Herzberg ist freier Auslandsreporter, er begann seine Laufbahn einst bei der "Berliner Morgenpost".
Paul Herzberg ist freier Auslandsreporter, er begann seine Laufbahn einst bei der "Berliner Morgenpost".
© Chiara Wettmann

Eugene Mbugua ist ein Junggeselle, das merkt man seinem Haus an – hier wohnt nur einer. Wohn‐ und Schlafzimmer, Küche, Fitnessraum, innen ist alles so ordentlich wie draußen der Garten. Auf dem Esstisch liegt ein Filzuntersetzer. Bloß keine Wasserringe auf dem Holz. Es gibt einen großen Fernseher. Es gibt viel Kunst, auf Leinwänden, von kenianischen Künstlern. Es gibt ein Regal voller Erinnerungsnippes aus Andenkenshops: ein Eiffelturm aus Paris, ein Bier‐ glas aus Bayern, Sand von der Côte d’Azur. Und dann: Eugenes "Wand der Helden": Porträts von Menschen, die ihn inspirieren.

Sophia Bogner studierte in Paris, Shanghai und Cambridge Internationale Beziehungen. Bevor sie Journalistin wurde, war sie Unternehmensentwicklerin bei Burda. Gemeinsam mit Paul Hertzberg berichtet sie seit 2018 vor allem aus den Ländern Afrikas
Sophia Bogner studierte in Paris, Shanghai und Cambridge Internationale Beziehungen. Bevor sie Journalistin wurde, war sie Unternehmensentwicklerin bei Burda. Gemeinsam mit Paul Hertzberg berichtet sie seit 2018 vor allem aus den Ländern Afrikas
© Chiara Wettmann

Ganz oben hängt ein Bild von Ruby Bridges, die 1960 eines der ersten Schwarzen Kinder war, die in New Orleans, Louisiana, eine vorher rein weiße Schule besuchen durften. Das Foto zeigt sie an ihrem ersten Schultag: Ein kleines Mädchen zwischen drei Polizisten, vor dem Schultor, wo ein rassistischer Mob auf sie wartete, geiferte, schrie; wo das Schulgebäude leer stand, weil die Kinder zu Hause geblieben waren, weil die Eltern nicht wollten, dass ihr Nachwuchs den Klassenraum mit einer Schwarzen teilte; wo nur eine einzige Lehrerin erschienen war, die Ruby alleine unterrichtete, monatelang, bis die Wellen sich legten. Daneben ein Foto von Nelson Mandela, mit diesem Teddybärengesicht, das so sehr zum Symbol wurde für den Kampf um ein freies Afrika. Und Ali hängt da auch, Faust und Boxhandschuh in die Luft gereckt, der Mann, der Joe Frazier schlug, beim "Rumble in the Jungle", in Kinshasa, damals in den 70ern, als der Kongo noch Zaire hieß und noch Hoffnung bestand, dass das Land etwas anderes werden würde als nur schrecklich.

Ein einziges weißes Gesicht hängt auch an der Wand: Malik Bendjelloul, der schwedische Dokumentarfilmer. Bendjellouls berühmtester Film war "Searching for Sugarman", eine Doku über die Suche nach dem Musiker Sixto Rodriguez, der in Südafrika ein Star war, aber in seiner Heimat Detroit davon nichts wusste und arm blieb. Eugene singt eine Zeile aus einem Rodriguez‐Song: "And I wonder about the loneliness that’s mine." Er hat eine gute Singstimme. Dann sagt er: "Erfolg alleine reicht nicht." Bendjelloul erhielt 2013 einen Oscar für "Searching for Sugarman". 2014 nahm er sich das Leben.

Er wollte der reichste Mensch seiner Familie werden

"Mir war immer klar, warum meine Kindheit so unglücklich war", sagt Eugene. "Weil wir arm waren." Also fasste er einen Entschluss: Er wollte der reichste Mensch werden, den seine Familie jemals hervorgebracht hatte. "Ich wusste genau, dass niemand kommen und mich retten würde. Entweder ich würde es alleine schaffen. Oder auf der Straße landen." Reichwerden also. Das ist ein ziemlich typischer Traum, aber den meisten, die ihn träumen, fehlt eine Strategie – und Eugene war da keine Ausnahme. Er schrieb sich an der Uni Nairobi ein, für Buchhaltung, das klang nach Geld. Er studierte. Aber vor allem arbeitete er. Er machte Nebenjob auf Nebenjob – und einer davon brachte ihn zum Film. Ein Cousin von ihm war Tontechniker beim kenianischen Fernsehen. Er heuerte Eugene an, erst als Statist für Massenszenen, dann als Mädchen für alles. Also trug Eugene Kabel zum Set, schleppte Stative, brachte Schauspielern Essen. Und das alles tat er nicht für irgendeine Sendung, sondern für einen der größten Erfolge des Landes, eine Serie, die Kenia seit zwanzig Jahren feierte: "Inspector Mwala".

Es gibt Fernsehshows, die man wahrscheinlich nur schätzen kann, wenn sie zur eigenen Kindheitskultur gehören. In Deutschland ist das dieser ganze biedere, tatortige Polizeikosmos von "Soko München" bis "Notruf Hafenkante". In Kenia ist das: "Inspector Mwala" – ein kleinwüchsiger Polizeibeamter, der in seiner Nachbarschaft im Slapstickstyle Verbrechen aufklärt. "Es ist eine absurde Show", sagt Eugene. Er lacht, klappt seinen Laptop auf, geht auf YouTube, klickt ein Videoporträt von "Inspector Mwala". "Hier", ruft er, "schaut euch das an!" Eine Frauenstimme trällert: "This weekend Citizen T V brings you a little love and lots of laughter. And what better way than to bring you the man who has been making Kenya laugh for years!" Wir sehen einen kleinen Mann mit einer großen Knarre hantieren, um Autos schleichen, Banditen verhaften. "Fantastisch!" Eugene bekommt sich kaum noch ein. Die Frau im Video sagt: "He is one of the few actors to take Kenyan TV to the next level." Und Eugene: "Das stimmt! Das stimmt wirklich."

Fernsehen aus Kenia für Kenia

"Inspector Mwala" mag lächerlich wirken, aus der Zeit gefallen – aber die Sendung war eines der ersten Erfolgsformate made in Kenya. Fernsehen wurde, wie fast überall in Afrika, aus dem Ausland importiert. Die Sender strahlten mexikanische Seifenopern aus, Serien aus den Philippinen, schlecht synchronisiertes Second‐Hand‐Fernsehen. In Nairobi fieberte man bei Serien mit, die Tausende Kilometer weit weg gedreht worden waren. Europäer, Amerikaner, Asiaten flimmerten über die Bildschirme. Keine Afrikaner. Dann kam "Inspector Mwala" und bewies: Kenianer wollten auch kenianisches Fernsehen. Da war Geld drin. Viel Geld. Das witterte Eugene. Also ließ er das mit der Buchhaltung sein und studierte fortan Film. "Aber nur Teilzeit", sagt er. Denn er lieh sich das Geld für die Studiengebühren zwar bei einem entfernten Verwandten. Aber zum Leben reichte es nicht. "Neben dem Studium", sagt Eugene, "betrieb ich sechs bis acht unterschiedliche Geschäfte."

Als Erstes, das konnte er als Filmstudent, unterrichtete Eugene Kameraführung an einer teuren Privatschule. Weil er kein Geld für den Bus hatte, lief er zu Fuß zum Unterricht, eine Stunde lang, durch den Feinstaubnebel Nairobis. "Mann, sah ich abgefuckt aus", sagt Eugene. "Mit zerrissenen Jeans. Wie ein obdachloser Typ. Aber ich wusste: Nichts konnte mich aufhalten." 150 Dollar bekam er für den Filmunterricht im Monat. Nicht viel. Aber genug, um es ins nächste Business zu stecken. Eugene eröffnete einen Straßenstand in der Nähe der Uni – und vertrieb illegal gebrannte Filme. Das war (und ist) ein großes Geschäft in Nairobi: Man lädt einen Film runter, brennt ihn auf DVD, verkauft ihn für 50 Cent. "Das lief gut", sagt Eugene. So gut, dass er einen eigenen Laden eröffnete: einen Game‐Shop. Er stellte Fernseher auf, kaufte Spielkonsolen. Kenias Jugend kam zum Zocken – und zahlte pro Mi‐ nute. Nebenbei schrieb Eugene Episoden für "Inspector Mwala", arbeitete als Freelancer für eine große Zeitung, organisierte Ausflüge in die Natur für Touristen und irgend‐ wann sogar Kenias erstes Body‐Art‐Festival für Tätowierer und Tätowierte. (Das ist in Ostafrika unüblich, genauso wie lange Haare. In manchen Artikeln wird Eugene deswegen als das "tätowierte, langhaarige Genie" vorgestellt. Sein Tattoo: Auf Eugenes Arm steht ein Gedicht der amerikanischen Jahrhundertwende‐Dichterin Jessie Rittenhouse: Life is just employer / He gives you what you ask / But once you have set the wages / Why, you must bear the task ...)

Es war eine atemlose Zeit, schweiß‐glänzende und straßen‐staubige Jahre – aber es waren die bisher besten in Eugenes Leben. Er fand Freunde, vielleicht sogar sich selbst. Er feierte. Er entdeckte etwas, das ihn weiter begleiten sollte, die Subkulturen Nairobis, die der Tätowierten, der Musiker, der Gamer, der Business‐Leute, der Outdoor‐Freaks, der Sportler, der Künstler. Er lernte ihre Codes, lernte, wer was sehen wollte. Und neben alldem studierte Eugene weiter, schlief nur vier Stunden pro Nacht, war besessen, war gnadenlos, war inspiriert. Jeden Tag hatte er neue Ideen. Sie füllten ganze Notizbücher: Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte! Und pünktlich zum Ende seines Studiums, da war er 22 Jahre alt, erfand Eugene ein Konzept für eine TV‐Show, er hatte auch einen Namen dafür, es war: "Young Rich".

Eine Woche nach unserem Frühstück in seinem Garten treffen wir Eugene wieder. Dieses Mal holt uns nicht sein Fahrer ab, sondern er selbst. Und er fährt auch nicht im Mercedes vor, sondern in einem silbergrauen Vierradantrieb‐Geländemonster. Es ist fünf Uhr morgens und stockfinster. Noch zwitschert es nicht in Bäumen und Büschen. Stattdessen schnarrt irgendwo unsichtbar ein letzter Nacht‐Vogel. Es regnet. Kalt tropft uns das Wasser auf die Köpfe. Wir rennen zum Auto, retten uns auf die Rückbank, dann geht es los, nicht hinein nach Nairobi, sondern hinaus, aufs Land. Eugene will uns zeigen, wofür seine Heimat berühmt ist: Natur.

Zwei Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Kenia. Und fast alle wollen Safaris, wollen Savannen sehen, Sandstrände, Sonnenuntergänge. KENIA: ein Reisekatalog‐Sehnsuchtsort. Da denkt die Welt ans schöne Afrika. Ach, Giraffen! Und Elefanten‐Silhouetten am abendlichen Horizont. Und natürlich, die dürfen nie fehlen, die sind ja das Natur‐in‐Afrika‐Symbol überhaupt: Schirmakazien! Kein Wunder, dass dieses Land so häufig beschrieben wurde, dutzendfach verwertet in Filmen und Büchern, stellvertretend zum Teil für seinen ganzen Kontinent. Die weiße Massai, Der ewige Gärtner, Jenseits von Afrika, Nirgendwo in Afrika – alles Kenia. Sogar die Namen der Landschaften hier klingen groß. Serengeti, Masai Mara, Mount Kenya, Lake Nakuru. Und natürlich: die Ngong‐Berge, an deren Fuße Karen Blixen ihre Farm hatte. Dort fahren wir mit Eugene hin. Da will er mit uns wandern gehen. Deswegen rauschen wir durch die Dunkelheit, in dieser Riesenkarre, auf deren Frontscheibe der Regen trommelt. Von Karen aus geht es Richtung Südwesten. Die Straßen sind leer, bis auf ein paar mürrische Frühaufstehergesichter. Wir halten an einer Tankstelle. Eugene kauft Nüsse. Nach ein paar Kilometern sammeln wir einen Polizisten ein – einen schweigsamen Mann, der in feuchter Uniform an einer Kurve wartet. Er und seine Maschinenpistole werden mit uns wandern gehen, weil es in den Ngong‐Bergen immer wieder zu Überfällen kommt. Die Straße wird jetzt steiler. Der Wagen furcht durch Matsch und holpert über Steine. Dann sind wir da – im Nirgendwo.

Der Morgen ist ganz grau. Wir steigen aus, in wattedichten Nebel, der unsere Stimmen schluckt. Bis jetzt sehen wir von Kenias berühmter Natur nur ein paar Quadratmeter erdigen Boden und Reifenspuren, in denen das Wasser steht. Und uns wird klar: Für diesen Trip sind wir schlecht ausgerüstet. Paul hat zu leichte Schuhe an. Sophia friert. Der Polizist grinst. "Wartet", sagt Eugene, "ich habe alles dabei." Er kramt im Kofferraum, findet Jacken und Schals. "Ich muss hier irgendwo noch eine Mütze haben", sagt er zu Sophia, "die kannst du tragen." Die Mütze ist schnell gefunden, ist grau und schön dick. Auf ihrer Vorderseite steht: "Forbes 30U30". Der Polizist ist schon vorgelaufen und im Nebel verschwunden. Wir folgen, ganz langsam, beginnen den Aufstieg.

Eugene ist immer viel gelaufen. Heute tut er das, weil es ihm Spaß macht, früher tat er es, weil er es musste. Als Kamera‐Lehrer / DVD‐Pirat / Game‐Shop‐Betreiber verdiente er nie genug für ein Auto und meistens auch nicht genug für den Bus. Also lief Eugene zu Fuß durch Nairobi, diese Autofahrerstadt mit viereinhalb Millionen Einwohnern. Kenia ist die drittgrößte Volkswirtschaft südlich der Sahara, ein Fünftel der Wirtschaftsleistung erbringt die Hauptstadt alleine. Das sieht man ihr an.

Slums und Hochhäuser

Natürlich gibt es in Nairobi auch Armenviertel, sogar ein paar der größten Slums Afrikas. Aber im Stadtzentrum erheben sich Hochhäuser, Bürotürme und Apartment‐Komplexe mit Glasfassaden hinter hohen Mauern. An all diesem Luxus lief Eugene vorbei. Jeden Tag beäugte er sehnsüchtig das Leben der Reichen. Draußen, vor den Wohn‐anlagen, bewarben Werbeplakate ihr Inneres, zeigten marmorglänzende Kücheninseln, Fitnessräume, Swimmingpools. Darunter standen die Monatsmieten. Für Eugene waren es fantastische Summen. "Ich war besessen von diesen Anlagen", sagt er. Er sah die Menschen, die dort lebten, Frauen mit hohen Absätzen, Männer in Anzügen, Kinder, die im Benz zur Schule gebracht wurden. Eugene wollte sein wie sie, wollte haben, was sie hatten, mehr als alles andere. Wie wird man so reich?, fragte er sich. Das ließ ihm keine Ruhe. Und bei einer dieser Wanderungen durch Nairobi kam ihm dann seine Idee: "Young Rich" – eine Reality‐Show über Kenias junge Millionäre, die die unersättliche Neugier der Armen befriedigen würde, wie es wohl sein musste, reich zu sein. Eugene schrieb sein Konzept, pitchte die Idee allen großen Sendern – und wurde überall abgelehnt. Niemand wollte "Young Rich" haben. Die Programmchefs fragten: Gibt es überhaupt so viele Millionäre in Kenia? Und warum sollten sie dir vertrauen? So verging ein halbes Jahr, und Eugene war bereit, aufzugeben. Sein Studium näherte sich dem Ende. "Young Rich" schien niemanden zu interessieren. Aber eine Zeitung hatte ihm ein Jobangebot gemacht, wollte ihn als Reporter einstellen. Wer weiß, vielleicht wäre Eugene Journalist geworden. Aber dann kam – !!! – der Plottwist.

"Achtung!" Eugene tänzelt vor uns den Hang hinauf. "Vorsicht", ruft er, "hier wird’s glatt." Er war immer ein zierlicher Mann, aber früher war er noch dazu mager. "Und ziemlich unsportlich", sagt er. Heute ist Eugene das nicht mehr.

Sogar das Training landet im Internet

Heute ist er fit, sehr fit. Er dreht bei sich zu Hause nebenbei Trainingsvideos und stellt sie ins Internet. Auch die sind perfekt. Auch das wollen offenbar alle sehen. Es muss manchmal anstrengend sein, Eugene Mbugua zu sein. Wir schleppen uns hinter ihm die Ngong‐Berge empor (die, um ganz ehrlich zu sein, eher große grüne Hügel sind), und Eugene eilt immer wieder davon, lässt sich dann zurückfallen, trippelt hyperaktiv um uns herum. Er ist nicht mehr der junge Millionär oder das exzentrische Genie. Nein, wir sind unterwegs mit: Eugene Mbugua, dem Sportler. Er hüpft. Wir stolpern. Er erzählt. Wir keuchen. An uns, sagt der Polizist, würde man schon sehen, warum Kenianer die größten Marathonläufer der Welt seien und die Deutschen nicht. Sophia murmelt irgendetwas über ihre Mutter aus Addis Abeba und die be‐ rühmten äthiopischen Langstreckenläufer, aber da ist der Mann schon wieder weg, verschluckt vom Nebel.

"Macht euch keine Sorgen", sagt Eugene. "Manchmal sind oben auf dem Gipfel Männer, die einen massieren. Wenn man Glück hat." Und so, wie er das sagt, ahnen wir schon: Wir werden (ganz zufällig, aber ganz sicher) Glück haben. Und tatsächlich: Wir erreichen den Gipfel, und da warten schon zwei Massai. Sie haben Decken auf dem kalten Boden ausgebreitet. Und darauf dürfen, nein müssen wir uns legen, und die zwei Masseure reißen an unseren Gliedern und knuffen und kneten unsere Körper und Eugene filmt das alles mit dem Handy, Wackelbilder, Reality‐TV‐Style.

Dass "Young Rich" am Ende doch noch realisiert wurde, liegt auch an einem Mann, dem Eugene noch nie begegnet war: Uhuru Kenyatta, dem heutigen Präsidenten. Kenyatta regiert Kenia seit 2013. Er trägt einen großen Namen, viel‐ leicht den größten des Landes. Sein Vater, Jomo Kenyatta, war auch der Vater der Nation. Er führte das Land 1963 in die Unabhängigkeit und regierte es 15 Jahre lang bis zu seinem Tod 1978. Sein Sohn Uhuru – der Name bedeutet ›Freiheit‹ auf Suaheli – erbte das Familienvermögen (und den Machtanspruch). Er gilt als einer der reichsten Menschen Afrikas, aber nicht unbedingt als überzeugter Demokrat. 2010 ermittelte der Internationale Strafgerichtshof gegen ihn, wegen Anstiftung zum Mord, Vertreibung und Raub. Und auch wenn die Anklage aus Mangel an Beweisen fallen gelassen wurde, bleibt Kenyatta umstritten.

Bei den letzten Wahlen, 2017, kam es zu Protesten, Unregelmäßigkeiten, Gewalt; aber nach dem Rücktritt seines Herausforderers wurde Kenyatta mit 98 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Dieser Mann also beschloss, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als Eugenes Studium zu Ende ging, Präsident zu werden. "Und wenn man so einen Wahlkampf anfängt", sagt Eugene, "ist es in Kenia üblich, sich zuerst einmal einen Fernsehsender zu kaufen." Und genau das habe Kenyatta getan, mit viel Geld. Er wilderte in den Reihen berühmter Journalisten, warb sie ab für seine Formate. Er kaufte sich Medienmacht – und der ganze Markt veränderte sich. Plötzlich gab es neue Konkurrenz. Plötzlich mussten die Zuschauer umworben werden, neue Ideen her, neue Shows. Und bei Eugene klingelte das Telefon, und der Programmchef eines der Sender, die ihn hatten abblitzen lassen, sagte: "Sie hatten doch eine Idee für eine Reality‐Serie." "Young Rich" erschiene ihm plötzlich äußerst interessant. "Sie haben einen Piloten, oder?", fragte der Mann. Und Eugene antwortete: "Geben Sie mir eine Woche, und ich drehe Ihnen einen."

Wir sitzen auf dem Gipfel der Ngong‐Berge und erholen uns von der Massage. Eugene erzählt von seinem unternehmerischen Durchbruch. Und selbstverständlich reißt genau jetzt der Himmel auf, der Nebel weicht zurück, die Sonne greift mit glühenden Fingern durch die Wolken und wir schauen kilometerweit in dieses Land, auf Kenia, diese Bühne so großer Storys und Sagen mit all ihren Helden. Um die ginge es auch beim Fernsehen, sagt Eugene. Darum, sie zu finden. Darum, sie zu erschaffen. Und genau dazu hatte "Young Rich" das Zeug. 2.500‐US Dollar zahlte der Sender Eugene für seinen Pilotfilm. Aus heutiger Sicht ist das nichts, damals erschien es ihm wie ein Vermögen. Eugene raste zur Uni. Er rief seine Kommilitonen zusammen. Er hielt eine Ansprache. Er rekrutierte seine Crew aus Freunden, die Film studierten. Er lieh sich das Equipment, klaubte es aus den Uni‐Beständen, Stative und Kameras, Mikrofone, Leuchten. Er hatte jetzt ein Team. Er hatte jetzt die Technik. Was er nicht hatte war: ein Millionär. Die sind nämlich dünn gesät in Nairobis Studentenszene. Eugene lacht. "Ich hatte mich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt." Nur eine einzige Person kannte er damals, die wie ein Millionär wirkte: ein Mann namens Ken, dem der Nachtclub gehörte, in dem Eugene gern feierte. "Ich wusste nicht, wie viel Geld Ken hatte", sagt Eugene. Aber er besaß zwei Autos, und in seinem Büro stand ein großes Aquarium – wie viel mehr Millionärsvibe braucht ihr?" Heute ist dieser Ken übrigens lange bankrott. Aber tatsächlich: Damals hatte er Millionen. Eugene schlug bei ihm auf, nervös, begeistert. Er flehte ihn an mitzumachen. Und Ken sagte: "Okay."

Mehr als nur "Bling-Bling"

Schon in dieser ersten Folge von "Young Rich" fanden die Zuschauer alles, was die Show später so berühmt machte. Die schnellen Schnitte. Die treibende Musik. Der schusselige Moderator (auch ein Kommilitone von Eugene), der zuverlässig in jeder Episode einen peinlichen Fehler machte. Und natürlich: die gierigen Kamerafahrten vorbei an teuren Kleidern und vibrierenden Sportwagen‐Auspuffrohren. "Mann", sagt Eugene, "das war zum Teil echt prollig." Aber tatsächlich war "Young Rich" viel mehr als nur Bling‐Bling. Es war eine Serie ernst gemeinter, gut recherchierter Business‐Porträts.

"Eines habe ich früh gelernt", sagt Eugene. "Sobald du die Kamera anmachst, fangen die Leute an zu reden." Kenias Geschäftsleute packten in seiner Show aus. Sie verrieten, wie hoch ihr Privatvermögen war, welchen Umsatz ihre Firma machte, wie die Marge aussah. Sie beschrieben ihre Geschäftsmodelle. Sie erzählten, wie sie in Kenias zum Teil sehr willkürlicher Bürokratie Steuern zahlten – und nicht zahlten. "Young Rich" war nichts weniger als eine Anleitung zum Reichwerden. So war in Kenia noch nie über Geld geredet worden, übers Gründen, über die Probleme unterschiedlicher Industrien. Eugenes Doku‐Serie schuf eine eigene, neue Subkultur: Zehntausende junge Erfolgs‐Aspiranten machten sich in Nairobis Internetcafés zu jeder Folge Notizen. Auf der an‐ deren Seite wurde das Format zum Statussymbol der Elite: Wer noch nicht bei "Young Rich" war, konnte kein echter Millionär sein. Und Eugene lernte von all seinen Protagonisten, freundete sich mit ihnen an, erfuhr, wie man investiert, wie man Reichtum vermehrt. Sein Leben folgte seinem Pro‐ dukt. Mit 23 hatte Eugene Mbugua seine erste Million ge‐ macht. Schon die Pilotfolge (mit Ken, dem Aquariums‐Enthusiasten) war ein Erfolg gewesen. Mehr als eine Million Menschen hatten sie in wenigen Tagen gesehen. Aber das Phänomen selbst wurde noch größer. Inzwischen sind ein‐ hundert Episoden von "Young Rich" abgedreht worden. Die Serie ist in ganz Ostafrika bekannt. Und vor Kurzem hat Eugene Produktionslizenzen für sie ins Ausland verkauft, nach Nigeria und Südafrika, in die größten Entertainment‐Märkte des Kontinents.

Ein paar Tage nach unserem Trip in die Berge sitzen wir in Eugenes Büro. Natürlich ist es ein Eckbüro, auf zwei Seiten verglast, ewiges Symbol filmreifen Erfolgs. Natürlich liegt es hoch oben, man schaut über ganz Nairobi. Und natürlich blickt Eugene von seinem Schreibtisch aus tief herab, genau auf den Pausenhof der Schule, in der sie ihn damals ignorierten, in der er ein Niemand war. Er hat es ihnen gezeigt. In einem Bücherregal stehen Autobiografien und Erfolgsratgeber, How to sell like Crazy und The Deals that made the World. Daneben liegt eine verkratzte Handkamera. Es ist eine Sony DRC‐DVD602E, das Gerät, mit dem die erste Folge "Young Rich" gedreht wurde. Eugene trägt eine graue Anzughose, Lederschuhe und eine neue Persönlichkeit. Er lacht weniger als auf den Bergen oder in seinem Garten. Seine Sätze sind geschliffen. Seine Gestik wie ein Handbeil. Er ist jetzt: der Chef. Von diesem Büro aus lenkt der Chef seine Firma. Auch die heißt Young Rich, nach dem ersten Hit. "Alle meine Formate folgen klaren Regeln", sagt Eugene. "Mein Erfolg ist keine Magie." Erstens: Menschen wollen sich selbst sehen. Zweitens: Menschen wollen mitmachen. Und drittens: Details, Details, Details. "Die machen eine Geschichte erst glaubhaft", sagt Eugene.

Er greift zu einer Fernbedienung. Der Raum wird dunkel, ein Bildschirm erwacht. Eugenes Firma hat inzwischen elf Shows produziert – und alle waren erfolgreich. Jetzt hageln Trailer dieser Serien auf uns ein, ein Best‐of Reality‐T V, Eugene Mbugua kommentiert Eugene Mbugua, Vorhang auf, Show ab! Nummer eins: "Get in the Kitchen". Der Bildschirm flammt auf. E‐Gitarren schrammeln zu Nahaufnahmen von Flammen, rußenden Pfannen, fluchenden Typen. Jetzt der Ansager aus dem Off: "Get Kenyan men off the couch and into the kitchen!" Show‐Prämisse: Kenianische Männer sind Nieten in der Küche. Ihre Frauen zahlen ihnen das heim – und nominieren die Chauvis bei "Get in the Kitchen", wo die Kochunfähigen sich duellieren, im Fernsehen wettbraten und schnippeln, was das Zeug hält. Am Ende entscheidet eine Jury aus Frauen, Müttern und Töchtern der Männer, wer am wenigsten versagt hat. Kreisch! Rauchalarm garantiert.

"Get in the Kitchen", ein Riesenerfolg, läuft jetzt auch in Südafrika und Nigeria. "Viele meiner Formate", sagt Eugene aus der Dunkelheit, "haben panafrikanische Qualitäten." Er schaltet weiter, zu Show Nummer zwei, wieder ein Ding mit Essen: "Foods of Kenya". Ein Jeep, ein Mann, eine raue Piste. Der graumelierte Host blickt sinnend in die Kamera – er scheint so eine Art kenianischer Anthony Bourdain zu sein. Das Konzept: Kenia ist groß und kocht ganz unterschiedlich. Eine Abenteuerreise mit Chilischoten, traditionellen Tänzen, zurückgezogenen Stämmen und optischen Schärfenverlagerungen vor dramatischer Bergkulisse. Auch das: ein Hit. Eugene sagt: "Die Show hat den Kenianern gezeigt, wie vielfältig ihre Kultur ist." Und irgendwie gilt das auch für das nächste Format: "Our perfect Wedding". Jetzt wird es emotional. Das Konzept: Paare lassen das ganze Land an ihrer Hochzeit teilhaben – und auch an den drei Tagen davor, an denen alle durchdrehen. Serien‐Catchphrase: "With 42 different cultures in play clashes are about to happen ..." Ein letztes Format noch, Eugenes neuester Wurf, noch gar nicht gesendet: "Millionaire Influencer". Die Idee: Menschen, die mehr als eine Million Follower auf Instagram haben. Dass das ein Hit wird, steht fest. In Kenia gilt, wie überall auf der Welt: Was die Leute sehen wollen, verrät viel über sie. So. Licht an. Die Show ist vorbei. Später wird es noch mehr geben. Eugene springt auf, verlässt den Raum und nimmt uns mit zu einer kleinen Führung.

Das Büro von Young Rich ist groß, hell und so glatt wie eine Netflix‐Serie. Männer und Frauen sitzen an weißen Tischen vor Apple‐Geräten. Alle sind jung, alle sind hip. In einem Vorführraum läuft dramatische Musik, dazu wird auf einem Bildschirm eine Kartoffel gevierteilt. Wenn Eugene einen Raum betritt, schauen seine Mitarbeiter auf – und arbeiten noch fleißiger. Eugene ist freundlich zu ihnen, nett sogar, aber auf keinen Fall kumpelig. "Ich bin nicht im Showbiz", sagt er, "sondern im Fernsehgeschäft." Das müsse klar sein: Young Rich sei keine Traumfabrik, sondern ein Unter‐ nehmen, das auf Profit schaut. 50 Angestellte hat die Firma inzwischen. 5 Millionen US‐Dollar Umsatz macht sie im Jahr. "Die Marge", sagt Eugene, "ist off the record." Nur so viel können wir sagen: Sie ist beeindruckend. Young Rich produziert Formate für alle großen, privaten Fernsehsender Kenias, für K24, KTN, NTV, Maisha Magic East, Showmax, Iflix, Kwese, Startimes und Kirk TV. 2020 inszenierte Eugene das größte Entertainment‐Event der kenianischen Fernsehgeschichte: Concert Nyumbani, ein Musik‐Benefiz‐Megaspektakel, das simultan von zwölf Sendern ausgestrahlt wurde, das gleichzeitig Verneigung vor den Helfern in der Covid‐Pandemie war als auch Gesundheitsaufklärung für die Massen. Aber kommerziell am erfolgreichsten war für Young Rich bisher: "Our perfect Wedding". "Dafür zahlen die Sender gerne", sagt Eugene. "Es ist schließlich Liebe."

Auch in Kenia gilt: Alle wollen Crime, wollen Sex, wollen Liebe. Und Young Rich liefert. Schon seit ein paar Jahren steht Eugene nicht mehr selbst hinter der Kamera. Dafür hat er sein Team. Er führt nicht mehr Regie, sondern ein Unternehmen. Aber nach wie vor stammen alle neuen Show‐Konzepte von ihm. "Jeden Montag komme ich mit zehn Ideen ins Büro", sagt Eugene. Und ganz langsam verändern sich diese Ideen. So wie sich das Publikum ändert. So wie sich Kenia ändert. So wie sich Eugene verändert hat. Er träumt jetzt nicht mehr von Millionen, von Luxus‐Apartments und teuren Autos. Das hat er alles. Jetzt träumt er deutlich größer.

"Von allen meinen Formaten mag ich dieses am liebsten", sagt Eugene. Wir sitzen wieder in seinem Eckbüro. Draußen geht über Nairobi die Sonne unter. Drinnen leuchtet der Bild‐ schirm. Serien‐Vorstellung, die zweite. Es kommt: "Stori Yangu" ("My Story"). "Stori Yangu" ist eine Porträt‐Serie. Jede Episode erzählt vom Leben eines Menschen, der Kenia verändert hat. Da ist die ehemalige Vizepräsidentin des Lan‐ des. Der Gouverneur, der gegen Korruption kämpft. Die erste Pilotin Kenias. Die vielleicht berühmteste Investigativ‐Journalistin Ostafrikas. "Stori Yangu" erzählt von großen Leben und spart dabei an nichts. Im Hintergrund brausen Streicher auf. Fanfarenklänge, Paukenschläge, ganz nahe Nahaufnahmen gegerbter Gesichter. Zitate werden als Schrift eingeblendet, auf einem Hintergrund wie altes Papier: "Power is a very temporary thing ..." "Ich habe meine Firma mit nur 2000 Shilling gegründet", sagt eine Frau. "Ich bin Christ geworden, um etwas zu essen zu bekommen", sagt ein Mann. "Es ist eine sehr dramatische Show", sagt Eugene. Und wie aufs Stichwort eine Frau im "Stori Yangu"‐Trailer: "Ich musste eine Vergewaltigung überleben."

Das also ist das Format, das Eugene am wichtigsten ist. Früher war er arm. Dann drehte er einen Publikumsliebling über Millionäre und lernte, reich zu sein. Jetzt produziert er eine Serie über Menschen, die eine ganze Nation geprägt haben, über Anführer. Eugene ist nicht mehr nur ein Fernsehproduzent, CEO von Young Rich. Er ist ein Geschäftsmann, den Kenia kennt. Auf dem Land be‐ treibt er eine große Rinderfarm. In Nairobi hat er zwei Nachtclubs. Er besitzt Immobilien, spielt Golf mit Kenias Elite. Eugene steht auf Bildern neben den mächtigsten Männern des Landes, im Anzug, auf Empfängen. Sieht er darin Vaterfiguren? "Jeder braucht reiche Eltern", sagt Eugene, "aber keiner hat gesagt, dass es deine eigenen sein müssen." "Hast du vor, in die Politik zu gehen?", fragt Sophia. Und Eugene antwortet: "Viele, die glauben, sie seien zu schlau für Politik, enden unter der Herrschaft von Idioten."

Kenia geht es besser als vielen Nachbarstaaten. Gut geht es dem Land trotzdem nicht. Eugene hat eine lange Liste, Dinge, die sich ändern müssen, seit Langem schon: die Korruption, das Steuersystem, die Infrastruktur, die Bildung, die Chancengleichheit. "Ich habe Angst, dass wir unser Potenzial niemals erreichen", sagt Eugene. "Aber ich will nicht von der Seitenlinie aus meckern. Lieber mische ich selbst mit." Er tut das bereits – als Fernsehproduzent. Young Rich wird immer politischer. "Stori Yangu" ist dafür nur ein Beispiel. Als Nächstes will Eugene ein Diskussionsformat auf den Markt bringen, eine Sendung, in der junge Menschen Politik besprechen. Helden. Die will er erschaffen, hat er gesagt. Und am besten solche, die weit über Kenia hinaus strahlen. "Was wir brauchen", sagt er, "ist ein globaler Hit, ein Format, das die ganze Welt sieht." Hat er schon eine Idee dafür? "Ja, natürlich!", sagt Eugene. "Ich werde ..." Und da – zack! – klingelt sein Telefon. "Ja", sagt Eugene. "Ich verstehe. Das machen wir." Er dreht sich zu uns um, bedeckt den Hörer mit der Hand. "Sorry", sagt er, und jetzt muss er selbst darüber grinsen. "Ich kümmere mich nur schnell um diese Sache, dann erzähle ich euch alles darüber."

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