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Afrika-Experte: "Kenia beweist große demokratische Reife"

Noch immer ist die westliche Welt angesichts des Gewaltausbruchs in Kenia schockiert. Doch Demokratie ist eine Lebensauffassung, von der man in Afrika oft noch weit entfernt sei, meint Experte Fritz Kopsieker. Dafür hätten die Kenianer noch erstaunlich demokratisch reagiert.

Kenia, afrikansiches Musterland und Urlaubsparadies. Friedlich, unspektakulär, das "gute" Afrika eben. Und nun das: Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom Wochenende versinkt das ostafrikanische Land in einem Strudel der Gewalt. Eine so offensichtliche Brutalität, wie beim Kirchenbrand von Eldoret hatte niemand erwartet - auch wenn sich zuletzt die Warnsignale für eine gesellschaftliche Krise häuften. Aber macht die maßlose Bereicherung der Führungsriege auf Kosten der bettelarmen Mehrheit Kenia wirklich zum nächsten afrikanischen Pulverfass? stern.de sprach darüber mit Fritz Kopsieker, dem Afrika-Experten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Nairobi.

Herr Kopsieker, Sie leben schon seit 2004 in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und sollen dort für die Friedrich Ebert Stiftung die demokratischen Bestrebungen stärken. Wie wirkt vor diesem Hintergrund die aktuelle Entwicklung in Kenia?

Das Ziel der Friedrich Ebert Stiftung ist ja, Demokratie zu fördern. So gesehen, war Kenia - im afrikanischen Vergleich - bisher ein Hort des Friedens und der Stabilität. Aber das heißt nicht, dass man hier besonders demokratische Verhältnisse hat. Immerhin regierte Präsident Daniel arap Moi 24 Jahre lang - davon einige Jahre als Führer eines Einparteienstaates. Erst bei der Wahl 2002 kam es zu so etwas wie Demokratie nach unserem Verständnis, als Mois Wunschnachfolger durchfiel und der jetzige Präsident Mwai Kibati gewählt wurde - damals noch mit der Unterstützungs eines jetzigen Gegners Raila Odinga.

Aber dies Bündnis hielt doch nicht lange...

Stimmt. Dennoch war die Wahl 2002 ein wesentlicher Schritt bei der Demokratisierung Kenias: Erstens, weil der Ex-Präsident Daniel arap Moi akzeptierte, dass sein Wunschnachfolger nicht gewählt wurde - und auch abgetreten ist. Das ist nicht selbstverständlich, in Afrika. Und zweitens wurden die Menschenrechte nicht mehr verletzt. Es verschwand niemand mehr einfach von der Straße weg, es wurde nicht mehr gefoltert, es gab faire Prozesse. Die Regierung Kibati hat viele richtige Dinge gesagt und gewollt - und dann nicht mehr gemacht.

Aber ist es wirklich ein politischer Konflikt - oder nur eine "erweiterte Stammesfehde" zwischen dem Volk der Kikuyu, dem Präsident Kwai Kibati angehört, und dem Volk der Luo, von Oppositionsführer Raila Odinga?

Da ist was dran. Es erklärt zwar nicht die Gesamtsituation, es erklärt aber zum Teil die Vehemenz der Proteste und teilweise die Gewalt. Man sieht doch an den Bildern, dass es keine gezielten politischen Proteste sind, sondern eine Mischung aus Plünderei, Stammesfehde, allgemeiner Unzufriedenheit und natürlich auch politischem Gefühl. All' das mischt sich, die emotionale Ebene kommt aber aus dem Stammeswurzeln der Menschen - und wird auch kräftig von manchen Politikern geschürt. Es reicht aber auch nicht als alleinige Erklärung für das, was hier los ist.

Und dann passieren so schreckliche Dinge, wie in der Kirche in Eldoret, wo Luos 50 Kikuyus bei lebendigem Leib verbrennen lassen?

Man sollte generell sehr vorsichtig mit Verallgemeinerungen sein. Es gibt sicher viele Kikuyus, die gar nicht damit zufrieden sind, wie sich Kibati verhalten hat. Und es gibt sicher etliche Luos, die Odinga gar nicht gewählt haben. Es gibt zweifellos eine gewisse Unzufriedenheit mit der starken Dominanz der Kikuyus in Politik und Wirtschaft. Und es gibt die institutionalisierte Kikuyu-Elite, die viele demokratische Spielregeln nicht verinnerlicht hat. Die denken sich "Es kann nicht sein, dass ein Luo an die Führung kommt" und wollen die Macht nicht abgeben.

Wo sind denn noch Unruheherde?

Nun, wirklich unruhig ist es nur noch in den Slums, auch hier in Nairobi. An der Küste hat sich die Lage schnell beruhigt. Aber man darf auch nicht vergessen, dass nur bestimmte Punkte betroffen waren. In den weißen Wohngebieten Nairobis, im Nordosten der Stadt, war alles ruhig. Auch jetzt ist es dort völlig friedlich. Das einzig mühsame ist, dass nicht alle Läden offen haben, und man länger herumfährt, bis man seine Einkäufe erledigt hat. Aber auch das funktioniert... Es ist ja nicht so, dass die Kenianer ein besonderes Interesse daran haben, ihre Nachbarn zu erschlagen. Im Gegenteil: Alle wollen wieder den Alltag.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum eine Neuauszählung der Stimmen unwahrscheinlich ist - eine saubere Lösung des Konflikts aber auch.

Also alles halb so schlimm?

Nun ja, ich sitze jetzt trotzdem allein im Büro, weil ich den Angestellten gesagt habe, sie sollen daheim bleiben. Angesichts der unsicheren Situation vor dem ursprünglich geplanten Massenprotest wollte ich nicht, dass sie quer durch die Stadt fahren. Immerhin hat Nairobi - wenn auch nur nach inoffiziellen Schätzungen zufolge - über vier Millionen Einwohner. Die Zusammenstöße konzentrieren sich dennoch eher auf die beiden Slums von Nairobi, auf Kibera und Mathare. Kibera gilt als der größte Slum Afrikas - das ist schon so ein unruhiges Plätzchen.

Was bedeuten die Zusammenstöße in Kenia denn für Afrika? Wird der Osten des Kontinents noch mehr destabilisiert?

Also nur um eines klar zu stellen: Kenia als jahrelanger Hort der Demokratie in Afrika, das stimmt so nicht. Schon gar nicht unter Ex-Präsident Moi. Es waren nach afrikanischem Standard wohl friedliche, aber keine freien Jahre. Diese Tradition ist hier unbekannt, das ist noch ein ganz junges Konstrukt. Man muss noch sehen, wo die Reise hingeht.

Wie wichtig ist in dieser Situation der Einfluss anderer Staaten - z.B. der USA und des früheren Kolonialherren Großbritannien auf Präsident Kibaki?

Also die USA sind natürlich in Kenia sehr präsent. Es gibt viele Gerüchte über eine direkte Truppenpräsenz der Amerikaner an der Küste, schon weil sie Kenia als Brückenkopf im Kampf gegen den islamischen Terrorismus in Somalia brauchen. Aber der geschicktere Schachzug war zweifellos das Vorgehen der Briten, die Afrikanische Union mit einzubeziehen. Denn wirklich entscheidend ist, wie sich die anderen afrikanischen Staaten verhalten werden. Die Position eines Nachbarn kommt ja ganz anders an, als eine Empfehlung eines Ex-Kolonialherren.

Aber wie soll es denn nun weiter gehen? Soll man die Wahlen wiederholen?

Nun, die sauberste Lösung wäre sicher, die Präsidentschaftswahlen wiederholen zu lassen - denn die ist ja auch die umstrittene Wahl. Aber dazu wird es wohl nicht kommen. Eine erneute Auszählung - wie von vielen gefordert - ist völlig unrealistisch. Niemand weiß, was seit dem Wahlabend mit dem Urnen und den Stimmzetteln passiert ist. Offensisichtlich sind wichtige Formulare verschwunden und es hatten Leute Zugang, die dort nichts zu suchen hatten. Eine Anfechtung der Wahl kommt für die Opposition nicht in Frage, weil sie den Gerichten in dieser Angelegenheit nicht traut. Die Parlamentswahl ist hingegen weitgehend unstrittig. Und dabei hat gut die Hälfte von Kibakis Regierungsmannschaft ihre Parlamentssitze verloren. Das ist schon ein sehr klares Votum gegen eine Regierung.

Und wie sieht denn dann Ihrer Meinung nach ein realistischer Weg aus diesem Dilemma aus?

Nun, es ist ein Reflex gerade der afrikanischen Politik, zu versuchen, alle Beteiligten, und mögen deren Bestrebungen noch so divergierend sein, zu Verhandlungen zusammen zu bringen. Deshalb fürchte ich fast, dass es dieser Weg sein wird, der beschritten wird. Zum Beispiel ist gerade Desmond Tutu aus Südafrika in Nairobi angekommen und will sich als Schlichter versuchen. Ich glaube allerdings nicht, dass man auf dieser Basis einen haltbaren Kompromiss erreichen kann.

Es läuft also auf sowas wie eine "große Koalition" zwischen Kibaki und Odinga hinaus?

Also dass die fünf Jahre zusammen halten und in der Zeit das Land gemeinsam regieren, dass sehe ich nicht. Ich hoffe, dass es zu eienr gemeinsamen Regierung kommt, deren Hauptziel sein sollte, in drei Monaten neue Wahlen auszurichten. Das ist eine Lösung, die ich mir vorstellen könnte. Ich glaube allerdings nicht, dass sich das Kibaki-Lager darauf einlassen wird.

Jedenfalls scheint die Lage im Moment ja schon deutlich friedlicher zu sein, als noch am Montag...

Ja. Die Kenianer sind selber erschrocken, was mit ihrem Land passiert. Hier will ja niemand seinen Nachbarn umbringen oder beklauen. Es ist also aus der Gesellschaft selber wieder zu einer gewissen Beruhigung gekommen. Auch die Sicherheitskräfte haben sich angepasst. Nairobi ist eine geschäftstüchtige Metropole, die Menschen wollen wieder an die Arbeit, wollen shoppen, wollen ihren Alltag organisieren. Und schütteln frustriert den Kopf, was die Politik in den letzten Tagen angerichtet hat.

Die Normailtät kehrt also zurück?

Auf jeden Fall. Ich warne aber nochmals davor, hier europäische Maßstäbe anzulegen. Demokratie ist eine Lebensauffassung, bei der man Opposition und Niederlagen akzeptiert. Davon ist man in Afrika oft noch weit entfernt. Andererseits waren die Wahlen selbst ja sehr friedlich - und das bei einer Wahlbeteiligung von 75 Prozent. Da hat das kenianische Wahlvolk große Reife bewiesen. Das ist ein sehr guter Anfang.

Bleibt also Mwai Kibaki Präsident?

Ich würde sagen, ja. Es kann sein, dass man auch das Amt eines Premierministers schafft, und der Präsident so einen Teil seiner Macht abschafft. Aber realistisch ist wohl, dass Kibaki für die nächste Zeit Präsident bleibt. Ob das besonders fair ist, ist eine andere Frage.

Interview: Karin Spitra