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Afrikanische Herrscher: Vom Demokraten zum Despoten

Mugabe, Museveni, Zenawi und nun Kibaki: Die Liste afrikanischer Staatschefs, die als Hoffnungsträger begannen, um sich dann mit aller Kraft ans Amt zu klammern, ist lang. Der zivile Putsch - ein afrikanisches Problem, dessen Gründe nicht nur hausgemacht sind.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Mary, die am 27. Dezember wie mehr als acht Millionen andere Kenianer mehrere Stunden angestand und dann ihre Stimme abgab, kann es nicht fassen. "Warum immer wir?", heult sie auf. Die mehrfache Mutter lebt in Kibera, Kenias größtem Slum. Vor fünf Jahren tanzte sie noch, wie die meisten hier, auf den Straßen, weil Präsident Mwai Kibaki die mehr als zwanzig Jahre währende Herrschaft des Autokraten Daniel Arap Moi gebrochen hatte. Endlich, so hofften alle im Land, würde es vorbei sein mit der Korruption, den Seilschaften, dem Missbrauch ethnischer Unterschiede für den eigenen Vorteil.

Als Mary sah, dass dem nicht so war, wählte sie Kibakis Gegner, den Oppositionsführer Raila Odinga. Obwohl Odinga bei der Wahl vermutlich landesweit die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen konnte, blieb Kibaki an der Macht. Odinga spricht von einem zivilen Putsch, wie so oft in Afrika. Simbabwes Mugabe, Ugandas Museveni, Äthiopiens Zenawi: Sie alle klammern sich mit aller Kraft an die Macht. Anders als die Herrscher im Sudan, Tschad oder in Libyen - Putschisten, die sich unbehelligt von der Weltöffentlichkeit seit Jahrzehnten an der Macht halten - , galten sie zumindest am Anfang als Kräfte des Wandels. Warum sind sie ihrem Ruf nie treu geblieben?

Wozu sind Abgeordnete eigentlich da?

"Weil wir kein System politischer Abgeordneter haben, sondern eines von politischen Paten", sagt Pollyne Owoko. Die 30-Jährige ist bei Kenias Parlamentswahl als Außenseiterin angetreten und verlor gegen Nairobis Bürgermeister. In ihrem Wahlkreis, einem Slum im Osten der Hauptstadt Nairobi, wüssten viele Wähler nicht, wozu ein Abgeordneter eigentlich da sei. Mit Volksvertretung habe das nichts zu tun. "Wer gewählt wird, versorgt seine Wähler mit dem neu erworbenen Reichtum." Hier ein Tausender (also gut zehn Euro) für eine Hochzeit, da 500 Schilling für den Krankenhausbesuch. Abgeordnete in Kenia können es sich leisten: Sie haben im Parlament für sich Gehälter und Zulagen beschlossen, dank derer sie mehr verdienen als ein deutscher Bundestagsabgeordneter.

Das System zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Familiensozialismus heißt das im Kleinen: Einer arbeitet, die Großfamilie kassiert ab. "Deshalb haben wir es so schwer, in Afrika einen Mittelstand zu schaffen", sagt der kenianische Ökonom Sunny Bindra. Auch der Anreiz zu arbeiten ist gering. Was im Kleinen geht, funktioniert auch im Großen: Vom Präsidenten wird erwartet, dass er seine Volksgruppe - traditionell die stärksten Unterstützer - bevorzugt. Bei dieser Wahl wollten die bisher benachteiligten Luo aus dem Westen Kenias an die Fleischtöpfe. Mit Kibaki hat es hingegen wieder - wie bei Gründungspräsident Kenyatta - ein Kikuyu geschafft.

Ethnische Gegensätze als Machtstrategie

Ethnische Gegensätze zu nutzen ist eine beliebte Strategie derjenigen, die sich die Macht erhalten wollen. Manchmal geht das schief, wie in der Elfenbeinküste, wo Rebellen im Kampf gegen den fremdenfeindlichen Präsidenten Gbagbo das Land in zwei Hälften teilten. Oft klappt es aber. "Wir hassen uns nicht, weil wir Kikuyu oder Luo sind", sagt die kenianische Bürgerrechtlerin Gladwell Otieno. "Wir hassen uns allenfalls, weil die großen Führer uns gesagt haben, wir sollen uns hassen."

Dass die Potentaten gerade im Greisenalter an der Macht festhalten, hat auch traditionelle Gründe: Alte Männer, in Kenia Mzee, der Weise, genannt, hatten schon lange vor den Staatsgründungen mehr zu sagen als jüngere. "Aber dazu kommt natürlich die politische Historie: Man hat mit der Zeit ein Machtnetzwerk mit Annehmlichkeiten und Verbindlichkeiten aufgebaut, das man nicht aufgeben will", sagt Owoko. Oft haben die alten Männer der afrikanischen Politik schlicht Angst vor der Verfolgung durch die Justiz: Kenias Ex-Potentat Moi setzte sich am Wahltag in ein Flugzeug Richtung USA, um im Fall von Odingas Wahlsieg einer Verhaftung entgehen zu können.

Obrigkeitshörigkeit als Kolonialerbe

Die bedingungslose Unterordnung unter den, der an der Spitze steht, ist zudem ein Erbe aus der Kolonialzeit. In den Schulen ehemals britischer Kolonien müssen die Schüler bis heute aufstehen, wenn der Lehrer den Raum betritt; jede Antwort endet mit "Sir" oder "Madam". Denken in eigenen Bahnen ist höchst unerwünscht, die besten Noten bekommt, wer gut auswendig gelernt hat. Die zentral verwalteten Abschlusstests im Multiple-Choice-Verfahren lassen keinen Raum für Kreativität. Ökonomen wie Bindra bemängeln, dass Afrika genau dadurch ein Wettbewerbsvorteil verloren geht.

Viele Potentaten bleiben schließlich an der Macht, weil das Ausland sie lässt - oder sogar ermutigt. Wenn es um Afrika geht, galt im Westen schon immer die Devise: Keine Experimente. Im Kalten Krieg, als etwa Kongos Staatsgründer Patrice Lumumba mithilfe ausländischer Geheimdienste ermordet wurde, war das offensichtlicher als heute. Doch Rohstoff- und politische Interessen sorgen bis heute dafür, dass etwa Frankreichs Armee Putschisten wie Francois Bozizé (Zentralafrikanische Republik) oder Tschads Idriss Déby schon oft im Kampf gegen Aufständische beigestanden hat.

USA braucht Kibaki

Die USA suchen nach zuverlässigen Partnern im "Kampf gegen den Terror". Deportationen von Muslimen ohne Prozess nach Guantánamo und anderswo durch Kibakis Regierung etwa haben dafür gesorgt, dass die muslimische Küstenregion Kenias mit riesiger Mehrheit für Odinga gestimmt hat, der solche Operationen nach eigenen Aussagen künftig unterbinden werde. Vor diesem Hintergrund ist kaum zu erwarten, dass die USA jetzt ernsthaft Partei gegen Kibaki ergreifen.