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Arbeiten im Impfzentrum Von 30 bis 190 Euro pro Stunde: So groß ist der Pay Gap zwischen Ärzten und MFAs

Coronavirus-Impfzentrum in Greifswald
Coronavirus-Impfzentrum in Greifswald: bald offen für alle?
© Stefan Sauer / DPA
Ursprünglich als Überbrückungshilfe gedacht, sind die Impfzentren nun fester Bestandteil der Corona-Bekämpfungsstrategie. Doch wer übernimmt dort welche Aufgaben und zu welchen Konditionen?
Christine Leitner

Fast 24 Prozent der Deutschen sind einmal gegen Covid-19 geimpft. Sieben Prozent haben derweil die zweite Dosis erhalten und gelten demnach als vollständig immunisiert. Möglich wird das durch die Impfzentren, die seit Ende Dezember von den Kommunen, Landkreisen und Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den Johannitern betrieben werden.

Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zufolge stehen derzeit 433 Impfzentren in ganz Deutschland bereit, 303 werden allein vom DRK betrieben. Die Verteilung von Impfterminen, Organisation vor Ort, die Vorbereitung der Spritzen, die Impfung selbst sowie eine anschließende Betreuung der Geimpften erfordern eine Menge Personal.

Markus Nisch ist einer derjenigen, die sich freiwillig für die Arbeit gemeldet haben. Bevor er sich an der Organisation eines Berliner Impfzentrums beteiligte, war er in der Kulturszene beschäftigt. Jetzt koordiniert er die Abläufe im Corona-Impfzentrum in der Berlin Arena. Über 500 Mitarbeiter seien für die Anmeldungen der Termine und die Koordination vor Ort zuständig. Das Besondere: "Ungefähr 75 Prozent der Mitarbeiter stammen aus der Event- und Kulturbranche", sagt Nisch.

Ärzte klären auf, MFAs impfen

Tatsächlich ist der Anteil des medizinischen Personals in den Impfzentren nicht so groß wie möglicherweise angenommen. "Das Personal stammt aus allen möglich Bereichen", bestätigt Regina Kneiding, Sprecherin der Berliner Impfzentren. Neben Ärzten und medizinischen Fachangestellten (MFA) brauche es Reinigungskräfte, Security und Koordinatoren, die die Impflinge begleiten und im Impfzentrum betreuen. "Dabei handelt es sich unter anderem um Flugbegleiter oder Personen, die ehemals in der Kulturbranche beschäftigt waren." Pharmazeuten, erklärt Kneiding weiter, seien für die Vorbereitung der Spritzen zuständig, die dann von Soldaten der Bundeswehr durch die Impfstraßen transportiert würden.

In den Berliner Impfzentren impfen die Ärzte nach Angaben von Sprecherin Kneiding überwiegend selbst. Zudem handele es sich in den meisten Fällen um niedergelassene Ärzte. Krankenhausärzte seien dagegen noch nicht so häufig anzutreffen. "Das könnte sich aber ändern, sobald immer mehr Hausärzte in ihren Praxen impfen", sagt Kneiding.

Corona-Impfung im Ausland (Symbolbild)

Anders sieht es in Bremen aus. "Hier impfen die Ärzte gar nicht, sondern sind nur für die Aufklärung zuständig", sagt Eckhard Gast. Er ist seit Mitte März leitender Impfarzt im DRK-Impfzentrum in den Messehallen und spricht mit den Impflingen vor dem Eingriff über mögliche Nebenwirkungen und Folgen der Corona-Impfung. Zwar können Ärzte den Bürgern auch die Dosen verabreichen, in den meisten Fällen werde diese Aufgabe aber an medizinische Fachangestellte oder Impf-befähigtes Personal delegiert – also an Pflegepersonal, den Rettungsdienst oder Arzthelfer, die in einer Nachschulung entsprechend qualifiziert wurden.

Das bestätigen auch mehrere Behörden auf Nachfrage des stern. Selbst in Stellenausschreibungen für Hilfspersonal in den Impfzentren steht das Impfen im Aufgabenfeld. "Alles andere wäre nicht ökonomisch", sagt Gast. Auch der Anästhesietechnische Assistent Jannik Schön gehört zu den Impf-befähigten freiwilligen Mitarbeitern. Er arbeitet seit Ende März zudem als medizinische Leitung in den Bremer Messehallen. In den elf-stündigen Schichten impft er zwischen 90 und 100 Bürgerinnen und Bürger. "Die Zahl der Geimpften hängt maßgeblich von der Menge des Impfstoffs ab, die vom Bund bereitgestellt werden", sagt Schön.

Bis zu 190 Euro pro Stunde

Dass Ärzte in der Regel nicht impfen, ist laut Gast in den meisten Deutschen Impfzentren der Normalfall. Ebenso die Tatsache, dass überwiegend Klinikärzte in den Impfzentren beschäftigt sind. "Ursprünglich zielte vor allem die Bezahlung auf die niedergelassenen Ärzte", sagt er. In Bremen erhalten die Impfärzte 120 Euro pro Stunde – für Gast und seine Kollegen dauert eine Schicht meist von halb acht in der Früh bis halb sieben Uhr abends. Das macht 1320 Euro pro Tag. Warum es Bund und Ländern trotz des Gehalts nicht gelungen ist, die niedergelassenen Ärzte aus den Praxen zu locken, darüber möchte Gast nicht sprechen.

Überhaupt ist die Bezahlung ein Thema, das für Diskussionen sorgt. Zum einen, weil es bundesweit keine einheitlichen Richtlinien zur Honorierung der in den Impfzentren Beschäftigten gibt. Die Bezahlung der Ärzte handeln die Bundesländer mit den jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) aus. Am höchsten fällt der Stundenlohn in Brandenburg aus. Auf stern-Anfrage beziffert der Sprecher der KVBB das stündliche Honorar eines Praxisteams – bestehend aus einem Arzt und zwei MFAs – auf 270 Euro. Laut Empfehlung stehen den MFAs mindestens 40 Euro pro Stunde zu, demnach bleiben dem Arzt am Ende 190 Euro.

In Schleswig-Holstein fällt der Stundenlohn mit 115 Euro pro Arzt am geringsten aus. In Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt zahlen die Kommunen sogar einen Wochenend- und Feiertagszuschlag von bis zu 35 Euro pro Stunde. Andere Bundesländer geben keine Auskunft. Mecklenburg-Vorpommern ließ die Frage unbeantwortet, eine Sprecherin des Sozialministeriums in Sachsen verwies darauf, dass es sich bei den Angaben um "vertrauliche Vertragsbestandteile" handelt, die nicht veröffentlicht würden.

Zwischen 30 und 50 Euro für medizinische Fachangestellte

Auskunft erteilte das sächsische  Sozialministerium allerdings bei der Frage nach dem Stundenlohn für weitere Beschäftigte. Dieser unterscheidet sich nämlich stark von dem der Ärzte. Nicht-ärztliches Personal und MFAs, die für die Impfung, Dokumentation und die Organisation zuständig sind, erhalten demnach 50 Euro pro Stunde, in Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gilt derselbe Stundenlohn. In Nordrhein-Westfalen liegt der Stundenlohn für MFAs bei 35 Euro. Im Saarland wird das medizinische Fachpersonal mit Beträgen zwischen 14 und knapp 19 Euro vergütet.

Im Gegensatz zu den Ärzten werden ihre Honorare nicht mit den Kassenärztlichen Vereinigungen ausgehandelt, erklärt Markus Nisch aus Berlin. Stattdessen werden sie nach den Tarifen der Hilfsorganisationen, der Apothekerkammern oder privater Personaldienstleister entlohnt. Dass Ärzte mehr verdienen, liege an dem langen Studium und die entsprechende Ausbildung, vermutet Nisch. Auch die Kompetenzen und das Arbeitsverhältnis spielt den Behörden zufolge eine Rolle. Einige betätigen sich ehrenamtlich, andere sind im Rahmen eines Minijobs gemeldet, wie die zuständigen Stellen mitteilten. Aber warum werden Hilfskräfte, die zusätzlich zur organisatorischen Arbeit auch noch impfen sollen und ein vergleichbares Infektionsrisiko wie die aufklärenden Ärzte tragen, geringer entlohnt?

Unterstützung von Praxisärzten

Grund ist, dass die Bundesregierung zunächst mit niedergelassenen Ärzten in den Impfzentren gerechnet hatte. Die Honorare sollten einerseits Anreiz sein und anfallende Kosten decken. Denn für ihren Dienst im Impfzentrum müssen die Praxen schließen. Entsprechende Verluste würden mit dem hohen Honorar abgegolten, heißt es von Seiten der Sozial- und Gesundheitsministerien und der Kassenärztlichen Vereinigungen. Zudem profitieren Ärzte von der sogenannten Übungsleiter- oder Ehrenamtspauschale und müssen das im Impfzentrum verdiente Geld nicht versteuern.

Das Gesundheitsministerium in Rheinland-Pfalz verteidigt die ärztlichen Honorare als "angemessen und vertretbar". Man erwarte eine anspruchsvolle ärztliche Leistung, "die verlässlich für den Zeitraum der Impfungen in den Impfzentren abgerufen werden kann. Vor allem die Aufklärung vor einer Impfung ist eine ärztliche Angelegenheit – auch wenn die eigentliche Impfung auch an medizinisches Fachpersonal delegiert werden kann", teilte der stellvertretende Pressesprecher Markus Kuhlen mit. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen betonen die Verantwortung der Ärzte.

Kritik am "Lohndumping" in den Impfzentren

Kritik an den unterschiedlichen Vergütungen kommen sowohl aus der Politik als auch aus den Reihen der Mediziner. Die Vorsitzende der medizinischen Fachangestellten, Hannelore König, bezeichnete die Bezahlung als "Lohndumping". Dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sagte sie, die Bezahlung sei "weder mit dem arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz vereinbar, noch fachlich nachvollziehbar". Praktizierende Ärzte bezeichneten die Vergütung einem Bericht des SWR zufolge als "unverhältnismäßig, unanständig und überzogen". Auch Gerhard Trabert, Obdachlosenarzt aus Rheinland-Pfalz, kritisierte die Stundenlöhne. Gerade in Zeiten der Pandemie sollten sich Ärzte an der medizinischen Ethik orientieren und nicht nur auf das Geld schauen.

In den Impfzentren selbst denkt man derweil weniger an den Profit. "Natürlich ist Geld auch eine Motivation", sagt Gast aus Bremen. Aber den meisten gehe es darum, in der Pandemie zu helfen. Sein Kollege Jannik Schön pflichtet ihm bei: "Es ist toll, dass wir in diesem Team mit Personen aus unterschiedlichen Bereichen an einem Strang ziehen und gemeinsam etwas gegen die Pandemie unternehmen."

Quellen: ÄrzteblattMDR, Medical Tribune, Ruhr 24, Hildesheimer Allgemeine, Ärzte Zeitung, Pharmazeutische Zeitung, Baden Württemberg.deInstitut für Hygiene und Umwelt


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