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Bestattungskultur: Der tote Großvater als Diamant am Hals der Enkelin

Neue Trends überall - und auch die Bestattungskultur hat sich gravierend gewandelt. In den USA ist es schick geworden, die Asche Verstorbener in einen lupenreinen Diamanten verwandeln zu lassen.

In den USA ist es schick geworden, die Asche Verstorbener in einen lupenreinen Diamanten verwandeln zu lassen. Und es wird wohl auch in Deutschland so kommen, dass man eines Tages den toten Großvater als facettenreich glitzernden Schmuck um den Hals tragen kann. Davon sind viele der Experten überzeugt, die sich am Donnerstag und Freitag zu einer Fachkonferenz mit dem merkwürdigen Motto "Bestattungskultur - Zukunft gestalten" in Erfurt getroffen hatten.

Noch gilt der Friedhofszwang

Längst hat sich gezeigt, dass die Bedeutung der Kirchen auf einem Feld, das einmal ihre ureigene Domäne war, vor allem in den Städten stark abgenommen hat. Zwar ist der Friedhofszwang in Deutschland bis jetzt noch nicht aufgehoben. Bestattungsrecht ist Ländersache, doch wie die Diskussion über ein neues Gesetz in Nordrhein-Westfalen zeigt, wird die Politik einer Pluralisierung des Bestattungswesens vermutlich entgegen kommen, wie auf der Konferenz zu hören war.

Mehrzahl hilflos im Umgang mit dem Tod

"Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel unserer über Jahrhunderte vom christlichen Geist geprägten Bestattungs- und Trauerkultur, der alle nachdenklichen Zeitgenossen und nicht zuletzt die Kirchen herausfordert", meinte der Erfurter Bischof Joachim Wanke. Im Umgang mit dem Tod sei die Mehrzahl der Menschen hilflos. Der Leichnam werde der professionellen "Entsorgung" anvertraut, zugleich aber gebe es eine schaurig-interessierte Neugier auf den toten Körper, wie die makabre Vermarktung präparierter Leichen als Kunst bei dem Plastinator Günther von Hagens beweise.

Anonyme Bestattungen nehmen zu

Die Grabfelder für anonyme Bestattungen auf den Friedhöfen würden größer, gleichwohl sei noch kein Anlass, den Ruf "Land unter!" ertönen zu lassen, betonte der Bischof, denn: "Die Toten lassen uns nicht los." Nicht der kulturelle Wandel sei das Problem, sondern die Sinnentleerung von Riten und Bräuchen im Umfeld von Begräbnis und Trauer um die Toten, beklagte Wanke.

Bestatter sind 'normale' Dienstleister

Dass es bei Bestattungen auch um ein Geschäft geht, bei dem viel Geld verdient werden kann, wurde spätestens dann deutlich, als sogar einige Kirchengemeinden den Bestattungsunternehmen Konkurrenz machten. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, Wolfgang H. Zocher, kritisierte diese Praxis und erklärte, dadurch würde nicht nur die wirtschaftliche Grundlage von Bestattungsunternehmen gefährdet, sondern auch der Kernbereich kirchlicher Aufgabenstellung verlassen. Der Verband, zu dem rund 3.800 Unternehmen in Deutschland gehören, wirbt für einen Dialog mit den Kirchen. Er sieht sich nach eigenen Angaben aber nicht als "Bestattungs-Kulturwächter", sondern als Dienstleister, der die Wünsche trauernder Familien zu erfüllen habe.

Auch Bestattungswünsche werden individueller

Abgesehen von ländlichen Gegenden erweist sich offenbar der heimische Friedhof immer seltener als der Ort der Erinnerung. So genannte Friedwälder, die es zum Beispiel in der Schweiz gibt, sind möglicherweise im Kommen. Hier wird die Asche des Toten in einer Röhre eingelassen, gemeinsam mit einem frisch gepflanzten Baum. Mancher wünscht sich auch die Urne des verstorbenen Angehörigen an einem Platz im heimischen Garten oder in der Schrankwand. Andere wieder bevorzugen eine "Luftbestattung" per Flugzeug oder Ballon beziehungsweise ein Verstreuen der Asche über dem Meer.

Der Tod beginnt im Leben

Allerdings komme bei anonymen Bestattungsarten mit einem gewissen Abstand doch die Frage auf, ob es nicht gut wäre, einen bestimmten Trauerort zu haben, meinte Wanke. Was Sterben und Tod seien, enthülle sich im Leben, in der Art, "wie wir es führen, gestalten, feiern können. Man muss ja nicht, wie strenge Kamaldulensermönche es hin und wieder zu tun pflegten, manchmal in einem Sarg schlafen".

Jochen Wiesigel / DPA
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