HOME

DaimlerChrysler-Prozess: Verwirrung um neues Beweismaterial

Mit einem Eigentor stürzt DaimlerChrysler den Milliardenprozess um die Fusion der Großkonzerne ins Ungewisse. Die Anwälte vergaßen, 61 Seiten Beweismaterial zu den Prozessakten zu geben.

Es war ein Paukenschlag, auf den DaimlerChrysler als Beklagter im Milliardenprozess in den USA gut hätte verzichten können. Mit einem Verfahrensfehler brachten die Anwälte des Stuttgarter Autobauers den bislang zurückhaltenden Richter Joseph Farnan am Dienstag richtig gegen sich auf.

Kurz vor Anhörungsende tauchten 61 Seiten Beweismaterial mit Notizen des früheren Chrysler-Finanzchefs Gary Valade aus den Fusionsverhandlungen im Prozess auf. Diese Dokumente seien durch ein Versehen nicht in den Unterlagen der Anwälte von Kirk Kerkorian gelandet. "Das haben offenbar unsere Anwälte verschlampt", fügte ein Sprecher von DaimlerChrysler hinzu. Es müsse geklärt werden, "wie wir in diesen Schlamassel geraten sind", sagte Richter Farnan und setzte den Prozess bis auf weiteres aus. Ein zweiter Richter, der so genannte "Special Master", soll nun klären, warum die Dokumente in den Prozessunterlagen fehlen. Die Verhandlung kann nicht vor Januar fortgesetzt werden.

Während ein Anwalt des klagenden US-Milliardärs Kirk Kerkorian erklärte, die von DaimlerChrysler vorgelegten Notizen stützen die Position des Klägers, sagte ein Sprecher des Unternehmens am Mittwoch in Stuttgart, der eigene Standpunkt werde gestärkt. Mit einer Wiederaufnahme sei vor Weihnachten nicht zu rechnen, erklärte Konzernanwalt Michael Schell.

DaimlerChrysler weiter siegesgewiss

Wenn die Kläger darauf bestehen, könnte selbst DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp erneut vor Gericht zitiert werden. "Wenn Sie es wollen, würde ich es zulassen", sagte Farnan dem Klägeranwalt Terry Christensen. Dennoch bleibt das Unternehmen bei seiner Siegesgewissheit: "Meine Ansicht bleibt, dass die Klage jeder Grundlage entbehrt", sagte DaimlerChrysler-Anwalt Mike Schell.

Eigentlich hätte die heiße Phase des spektakulären Prozesses an diesem Mittwoch ziemlich unspektakulär zu Ende gehen sollen. Nach der letzten Zeugenbefragung wollten die Anwälte einpacken und nach Hause fahren. Die Schlussplädoyers sollten schriftlich eingereicht und das Urteil irgendwann im Frühjahr schriftlich mitgeteilt werden.

Ein "Versehen"

Ein "Versehen", wie Schell sich ausdrückte, stellte den Prozess jedoch auf den Kopf. Das Material sei den DaimlerChrysler-Anwälten erst am Montag in die Hände gefallen. Danach sei festgestellt worden, dass es der Gegenseite und dem Gericht offenbar nicht vorlag. Ob die 61 Seiten mit Aufzeichnungen des damaligen Chrysler-Finanzchefs Gary Valade überhaupt brisant sind, bleibt dahingestellt. Richter Farnan verbot allen, über den Inhalt zu reden. Aus seinem Ärger machte er aber keinen Hehl: "Das ist eine ernste Angelegenheit", sagte Farnan.

Bis Dienstag waren die DaimlerChrysler-Leute mit dem Prozessverlauf ziemlich zufrieden gewesen. Der Höhepunkt mit der Schrempp-Aussage war nach Meinung von Prozessbeobachtern gut gelaufen. Der 59-Jährige habe im Zeugenstand die richtige Mischung aus Respekt, Höflichkeit und Selbstbewusstsein gezeigt. In der Sache blieb Schrempp aber im Kreuzverhör knallhart: die Elefantenehe zwischen Daimler-Benz und Chrysler sei eine Fusion unter Gleichen gewesen, mit dem Segen beider Seiten vertragsgetreu umgesetzt. "Es ist schwer, ihn von seiner Linie abzubringen", räumte Holger Haas, Anwalt in den Diensten der Klägerfirma Tracinda, ein.

Kerkorian mit Gedächtnislücken

Auch Schrempps Widersacher, der Milliardär Kirk Kerkorian (86), hatte sich in der Woche davor gut in Szene gesetzt. Der einstige Großaktionär von Chrysler verklagte das Unternehmen wegen Betrugs. Die Auto-Ehe sei in Wirklichkeit eine Übernahme durch die Deutschen gewesen. Er will mindestens 1,2 Milliarden Dollar Schadensersatz. Nach Darstellung von DaimlerChrysler hatte Kerkorian die Fusion 1998 unterstützt und war erst dann verärgert, als seine Aktien an Wert verloren.

Im Verhör zeigte Kerkorian zwar viele Gedächtnislücken, doch war das nach Ansicht von Prozessbeobachtern weniger auf Altersschwäche als auf den guten Rat seiner Anwälte zurückzuführen. Zahlreiche ehemalige Chrysler-Manager sagten zu Gunsten von DaimlerChrysler aus. Und Tracinda-Direktor James Aljian, der im Prozess nicht aussagte, hatte in einem Beirat von Aktionärsvertretern im neuen DaimlerChrysler-Konzern nie Protest geäußert.

Kerkorian war es nach eigenen Aussagen erst durch ein Zeitungsinterview von Schrempp vor zwei Jahren wie Schuppen von den Augen gefallen. Darin hatte Schrempp nach Angaben der Financial Times von "psychologischen Gründen" für das Etikett "Fusion unter Gleichen" gesprochen. Er sei missverstanden worden, sagte Schrempp in Wilmington.

Christiane Oelrich / DPA