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Halbzeitbilanz der vierten Staffel: "Die Höhle der Löwen" - Kult, Kitsch oder nur Kommerz?

Das Phänomen "Die Höhle der Löwen" ist auf seinem Höhepunkt. Die Quoten sind hervorragend, die Produkte überall. Doch die Show muss aufpassen, nicht in Kitsch und Kommerz abzurutschen. Fünf kritische Fragen zur Mitte der Staffel.

Investoren in der Höhle der Löwen

Die Investoren in der "Höhle der Löwen": Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Frank Thelen, Dagmar Wöhrl und Ralf Dümmel (v.l.)

"Die Höhle der Löwen" ist vielleicht das erstaunlichste TV-Phänomen der vergangenen Jahre. Ein kleiner Sender ist erfolgreich mit einer Show, die echte Menschen zeigt, die weder singen noch nackt sind oder sonstwie lächerlich gemacht werden - sondern über Geschäftsideen und Absatzzahlen referieren. Wer hätte das im Zeitalter des Dschungelcamps gedacht?

Vor allem junge Zuschauer zieht die Sendung in ihren Bann: Vergangene Woche knackte sie erstmals die Marke von 20 Prozent Marktanteil bei den 14-49-Jährigen, den Quoten-Tagessieg holen sich die Löwen in dieser Zielgruppe sowieso regelmäßig. Insgesamt erreicht die Sendung Woche für Woche um die drei Millionen Zuschauer. 

Dirndl, Gewürze und Spülsteine: Die erfolgreichsten Deals aus "Die Höhle der Löwen"

Berauscht vom Erfolg der Sendung streckt Vox die einzelnen Folgen inklusive Werbung mittlerweile auf über zweieinhalb Stunden - und hat 2017 mit zwölf Ausgaben mehr Episoden produziert als je zuvor (bislang 9 bis 11 Folgen je Staffel). Viele der vorgestellten Produkte fluten am nächsten Tag die Supermarktregale, manche Gründer gehen direkt im Anschluss bei QVC auf (Verkaufs-)Sendung. Die mediale Berichterstattung (auch beim stern) ist groß.

Doch ist das vielleicht mittlerweile zu viel des Guten? Droht der Hype zum Overkill zu werden? Fünf kritische Fragen zur Mitte der vierten Staffel.

1. Ist Dagmar Wöhrl ein guter Ersatz für Jochen Schweizer?

Dagmar Wöhrl nimmt den Platz von Jochen Schweizer ein und tritt in große Fußstapfen. Schließlich war der Eventunternehmer seit der ersten Staffel dabei und wurde bei einer Umfrage zum beliebtesten Löwen gewählt. Eine zweite Frau tut dem Löwenrudel aber gut. Eigentlich ist zwar Wöhrls Mann Hans Rudolf der große Unternehmer und sie die (Ex-)Politikerin. Doch gerade in dieser Rolle als Sprecherin des Wöhrl'schen Familienunternehmens hebt sie sich von den anderen Löwen ab. Nur mancher Gründer scheint noch unsicher zu sein, was er von Familie Wöhrl halten soll: Wenn mehr als ein Löwe um einen Deal pokert, zieht Wöhrl öfter den Kürzeren. 

2. Platzen zu viele Deals?

Ein großer Kritikpunkt der ersten beiden Staffeln war, dass viele der im TV geschlossenen Deals hinterher gar nicht zustande kamen, weil sich Investor und Gründer doch nicht einigen konnten. Das änderte sich in der dritten Staffel: Obwohl dank des Einstiegs von Ralf Dümmel viel mehr Deals geschlossen wurden, platzten nur relativ wenige davon. Aktuell ist die Tendenz wieder rückläufig. Zur Mitte der aktuellen Staffel sind bereits etwa so viele Deals nachträglich geplatzt wie in der vergangenen Staffel insgesamt. Die Zahl geschlossener Deals, die halten, ist aber ebenfalls hoch.

3. Sind die Geschäftsideen zu banal?

In jeder Folge treten fünf bis sechs Start-ups auf. Immer wieder sind clevere Produkte und erstaunliche Geschäftsideen dabei. Insgesamt sind visionäre Ideen aber eine Seltenheit. Gefragt ist eher leichte Kost und das oft auch wortwörtlich: Kaum eine Folge, in der nicht irgendetwas gefuttert oder getrunken wird - das Trendthema Ernährung ist auch bei den Löwen beliebt. Aber auch Themen, die nicht besonders gut ankommen, wiederholen sich. Dreimal versuchte es in dieser Staffel schon ein Start-up mit dem Thema Schuhe (hearts for heels, revodancer, everysize), keiner der Gründer bekam einen Deal. Teilweise wird es auch arg nischig: ein Pferd in der Sendung ist ein netter Showeffekt, aber das Interesse an Pferdebedarf doch überschaubar. 

Fernsehstart der vierten Staffel "Die Höhle der Löwen"

4. Entwickelt sich die Show zur Verkaufssendung?

Wenn die Gründer nicht schon ein fertiges Produkt am Start haben, das nur noch in ausreichender Stückzahl produziert und in die richtigen Vertriebskanäle geleitet werden muss, wird es oft nichts mit einem Deal. Die Folge: Präsentiert wird vor allem, was sich im Einzelhandel schnell verkaufen lässt. Mittlerweile stehen fast alle Produkte am Tag nach der Sendung mit "DHDL"-Label in den Läden. Manche der Gründer gehen sogar noch am Abend der Ausstrahlung mit ihren Produkten bei QVC auf Sendung. Dass junge Firmen die Publicity zur Primetime für sich nutzen, ist verständlich. Die Show sollte aber nicht zur Werbeveranstaltung für Produkte werden, dessen wichtigste Eigenschaft ist, dass sie im Fernsehen zu sehen waren.

5. Verkommt die Sendung zur Soap?

Die Gründer werden mit kleinen Einspielern vorgestellt, in denen man nicht nur die Idee, sondern auch die Menschen dahinter kennenlernt. Das ist meist ebenso gelungen, wie die verstärkt zum Einsatz kommenden Rückblenden, was aus den Gründern vorheriger Sendungen geworden ist. Die Macher der Show sollten aber aufpassen, beim Storytelling nicht zu sehr in Richtung Soap abzurutschen. Sicher war die Geschichte einer Mutter, die für ihre behinderte Tochter eine Gehhilfe erfindet, eine ganz besondere. Dennoch hätte man durchaus erwähnen können, dass Mama das Gerät nicht komplett alleine entwickelt hat, sondern gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern der TU Berlin. Und ein Heiratsantrag nach dem Deal, wie in der letzten Sendung gesehen, wirkt in einer Gründershow schon sehr schräg.

Wir werden "Die Höhle der Löwen" weiter begleiten und sind gespannt, wie sich die Show weiter entwickelt.