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Geldtransporte: Gaddafis fliegende Wechselstube

Im Wochentakt flogen deutsche Chartermaschinen von Frankfurt in die libyschen Städte Tripolis und Bengasi. An Bord: Dollarnoten im Wert von über 100 Millionen. Der Auftraggeber war die Commerzbank. Angeblich kam das Geld aus den USA.

Von Hans-Martin Tillack

Die Geschichte klingt wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht. Es geht um Flugzeugladungen von Dollarscheinen. Um wöchentliche Charterflüge zwischen Frankfurt sowie den libyschen Städten Tripolis und Bengasi. Und um Beträge von vielen Millionen.

Zwei Piloten erzählten stern.de getrennt voneinander die gleiche Geschichte. Immer am Donnerstag wurde ein von ihnen gesteuerter Learjet auf dem Flughafen Frankfurt mit reißfesten, verplombten Plastiksäcken beladen. Deren Inhalt: Gepresste Dollar-Scheine im Wert von 110 bis 150 Millionen. Bestimmt für die Behörden des libyschen Dikators Muammar al Gaddafi.

Empfangskomitee mit Maschinenpistolen

Nach drei Stunden Flug und der Landung in Tripolis und Bengasi seien sie von uniformierten Libyern - mit Maschinenpistolen bewaffnet - empfangen worden, sagen die Piloten. Einreiseformalitäten gab es nicht. Die Nordafrikaner zählten die Säcke und luden das Geld in einen Lastwagen. Der deutsche Learjet flog am selben Tag leer zurück nach Deutschland. So ging es angeblich Woche für Woche - mindestens seit Anfang 2002.

"Im ganzen Flugzeug roch es nach frischen Geldscheinen", erinnert sich einer der Piloten. Um die 1100 Kilo sollen die Geldsäcke gewogen haben - pro Flug. Die Gewichtsangaben bekamen die Piloten, weil sie darauf aufbauend Spritverbrauch und Abfluggeschwindigkeit ermitteln mussten.

"Das kann möglich sein"

Die Story klingt kaum glaubhaft, aber sie wird von mehreren Beteiligten bestätigt. Pro Flug über eine Tonne Bargeld nach Libyen? "Das kann möglich sein", räumt der hessische Broker ein, der die Flüge nach dem stern.de vorliegenden Aussagen an diverse Charterfirmen vermittelte. Seinen Namen will er aber lieber nicht in der Zeitung lesen.

"Das Thema ist sicher ein zu heißes, als dass wir dazu Stellung nehmen", sagte ein Mitarbeiter der Firma Jet Executive (der früheren Taunus Air) zu stern.de - auf die Frage nach Libyen-Flügen der Chartergesellschaft. Und fügt hinzu: "Das ist eben Kundenschutz".

Brink's äußert sich nicht

Über den Zweck der Transporte wurde den Piloten nichts gesagt. Angeblich kam das Geld aus den USA - so wollen es beide gehört haben. Ansprechpartner in Libyen sei die Zentralbank gewesen. Stets flog mindestens ein Deutscher als Begleitung mit, mal waren es auch zwei - angeblich von der Geldtransport-Firma Brink's. Die äußert sich dazu nicht.

Scherzhaft sagte ein Pilot dem Begleiter auf einem Flug: "Wir könnten ja mit dem Geld durchbrennen!" Die Antwort sei eine Drohung gewesen: "Ihr klaut das Geld dem Bush und dem Gaddafi!" Der US-Präsident und der libysche Oberst würden, so der Begleiter, "euch und euren Familien das Leben zu Hölle machen."

Commerzbank statt Bush beteiligt

Doch tatsächlich war zumindest George Bush offenbar nicht beteiligt - sondern die Commerzbank in Frankfurt. Deren Name stand auf Etiketten, die an den Geldsäcken befestigt waren. Jürgen Bauch, Pilot und Geschäftsführer der Kölner Fluggesellschaft Quick Air, mochte sich zu Libyen-Flügen seiner Firma nicht äußern, aber riet: "Die Commerzbank kann dazu vielleicht etwas sagen."

Von stern.de zu den Flügen befragt, dementierte das Frankfurter Geldhaus nicht. Stattdessen verwies ein Sprecher auf den "Sortenhandel" der Bank - also den Bargeldverkauf. O-Ton Commerzbank: "Bedeutung gewinnt das Sortengeschäft insbesondere mit Ländern, die nicht über eine ausreichende Infrastruktur für einen reibungslosen Zahlungsverkehr verfügen. Dort ist der Bargeldbedarf vergleichsweise hoch und dementsprechend auch die Nachfrage nach Sorten."

Geldautomaten sind absolute Rarität

Weder die libysche Botschaft in Berlin noch die Zentralbank des Landes reagierten auf schriftliche Anfragen des stern. Aber das libysche Bankensystem gilt in der Tat als vorsintflutlich. Westliche Geldinstitute dürfen sich bis heute nicht in dem Land niederlassen. Geldautomaten sind eine absolute Rarität. Die "Eliten" des nordafrikanischen Staates kämen mit libyschen Dinar allein dennoch nicht über die Runden, sie bräuchten westliche Währung, sagt Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: "Sie lassen sich in westlichen Krankenhäusern behandeln, sie reisen sehr viel, geben sehr viel Geld aus".

Seit die UNO 1999 ihre Sanktionen gegen das Regime suspendierte (und 2003 ganz aufhob) gehen die Machthaber des ölreichen Wüstenstaats verstärkt auf weltweite Einkaufstour im Westen - interessieren sich für deutsche Kraftwerkstechnik, italienische Schnellboote und russische Kampfflugzeuge. Aber bezahlt man da mit Cash?

Gaddafis fliegende Wechselstube

So oder so: die Commerzbank scheint sich als Gaddafis fliegende Wechselstube empfohlen zu haben. Dass die Flüge - wie in der Charterbranche erzählt wird - zumindest bis 2006 weitergingen, mag die Bank zwar nicht bestätigen. Aber selbst wenn nur ein Jahr lang wöchentlich 100 Millionen Dollar nach Libyen verfrachtet worden wären, betrüge die Gesamtsumme fünf Milliarden - ein enormer Betrag.

Zum Vergleich: Die libyschen Währungsreserven waren 2002 insgesamt 14,3 Milliarden Dollar wert. Der Gesamtwert aller libyschen Exporte betrug 2002 gerade mal 9,9 Milliarden Dollar.

Flüge waren beim Zoll angemeldet

Die Commerzbank versichert, sie nehme Aufträge wie diesen "erst nach einer sorgfältigen Prüfung" gemäß Geldwäschegesetz an. Offenkundig waren die Transporte auch beim deutschen Zoll ordnungsgemäß angekündigt - dort muss dann auch der Zweck der Flüge gemeldet worden sein. Laut Bundesfinanzministerium gab es keine Auffälligkeiten. "Erkenntnisse über Verstöße im Zusammenhang mit Bargeldtransporten nach Libyen liegen hier nicht vor", sagte eine Sprecherin von Finanzminister Peer Steinbrück zu stern.de.

Aber hatte man bei der Commerzbank nie Sorge, dass die Piloten der Learjets ihre Transponder abschalten und samt Geldsäcken unauffindbar von den Bildschirmen der Flugkontrolle verschwinden? Angeblich nicht - Geldtransporte per Flugzeug seien weltweit üblich, heißt es in Frankfurt.

Einer der Piloten sagte stern.de: "Eine solche Menge Geld kann man nicht stehlen. Sie fällt viel zu sehr auf."