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Ölpreis: Gift für den Aufschwung

Öl, Schmierstoff für Wirtschaft und Wohlstand, wird immer teuerer - der Barrel-Preis nähert sich unaufhaltsam der 50 Dollar-Marke. Das bekommen nun auch deutsche Verbraucher zu spüren.

Wegen der kritischen Lage im Irak sind die Ölpreise auf ein Rekordniveau geschnellt. An der New Yorker Rohstoffbörse stieg der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte West Texas um 1,43 Dollar auf 48,70 Dollar. Damit sind die Ölpreise um 59 Prozent höher als vor einem Jahr. Allein seit Ende Juni sind sie um 31 Prozent gestiegen. Inzwischen werde selbst ein Barrel-Preis von 50 Dollar für denkbar gehalten, erklärte ein Öl-Experte. Der Handel werde zunehmend vom Angstfaktor bestimmt, sagte Ng Weng Hoong vom Fachdienst EnergyAsia.com am Freitag in Singapur.

Mehrere Gründe für Preisschub

Allen Unkenrufen zum Trotz erwartet die Mehrheit der Chefvolkswirte deutscher Banken bis Jahresende deutlich niedrigere Preise: In einer Umfrage von "Börse-Online" rechneten sie im Schnitt bei der Nordsee-Sorte Brent mit 36 Dollar Ende 2004 und bis Mitte 2005 mit 34 Dollar. Als Grund für den Rückgang verweisen sie auf die sich abkühlende Weltkonjunktur und eine langsam steigende Förderung wegen der hohen Preise. Doch mehrere Gründe führten derzeit zu dem neuen Preisschub.

Nach dem Ende des Handels an der New York Mercantile Exchange (Nymex) überfielen schiitische Aufständische die Zentrale der staatlichen Ölgesellschaft für Südirak in Basra. Mindestens zehn Lagerhäuser brannten ab. Die Flammen griffen auf die Büros der Ölgesellschaft über. Die Anhänger des radikalen Predigers Muktada al Sadr attackierten auch die Feuerwehr, die den Brand bekämpfen wollte.

"Der Markt nimmt die Störungen der irakischen Ölförderung sehr ernst", sagte James Steel von der New Yorker Brokerfirma Refco. Für zusätzlichen Druck auf die Ölpreise sorgen auf der einen Seite auch die innenpolitischen Probleme in Venezuela und das Vorgehen der Behörden gegen den russischen Ölkonzern Jukos und auf der anderen Seite eine hohe Nachfrage in den USA und China. Zudem verunsichert der gescheiterte Waffenstillstand im Irak die Märkte.

Chinas Öl-Importe deutlich gestiegen

Chinas Erdöl-Importe sind nach offiziellen Zahlen im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 40,7 Prozent auf 9,6 Millionen Tonnen gestiegen. Bereits im Juni hatte der nach den USA zweitgrößte Importeurs des Rohstoffes die Einfuhr um 47,1 Prozent gesteigert. Nach Angaben der Zollbehörde summieren sich die Importe in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres auf 70,6 Millionen Tonnen und liegen damit knapp 40 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Das kräftige Wirtschaftswachstum Chinas treibt den Energiebedarf des bevölkerungsreichsten Landes der Erde beständig in die Höhe. Nach Schätzungen des chinesischen Handelsministeriums wird die Volksrepublik 2004 voraussichtlich Rohöl und Ölprodukte im Volumen von 285 Millionen Tonnen einführen, das sind etwa zwölf Prozent mehr als 2003. Die Internationale Energieagentur rechnet dagegen nach Schritten der Regierung zur Verhinderung einer Überhitzung der chinesischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte mit einer schwächeren Nachfrage als im ersten Halbjahr.

Sprit in Deutschland so teuer wie nie

Wegen der steigenden Rohölpreise ist das Diesel und Benzin in Deutschland so teuer wie nie zuvor. Nach einer Untersuchung des Automobilclubs AvD stiegen die Preise im Bundesdurchschnitt um rund 4 Cent auf 1,02 Euro je Liter Diesel und auf 1,22 je Liter Super. Eine Begründung für diese Preiserhöhung gebe es nicht, kritisierte AvD-Sprecher Jochen Hövekenmeier und warf den Ölmultis vor, durch Spekulationen den Preis in die Höhe zu treiben.

Hövekenmeier sieht einen Teil der Verantwortung für die hohen Benzinpreise eindeutig bei den Ölkonzernen. "Die Tochtergesellschaft eines Konzerns verkauft das Öl an eine andere Tochtergesellschaft desselben Konzerns. Für den Konzern selbst ist das zunächst ein Luftgeschäft, aber auf diese Weise wird der Ölpreis in die Höhe getrieben", zitierte ihn der "Express".

"Die Erdöl exportierenden Länder verdienen bis maximal 30 Dollar mit. Alles, was darüber hinausgeht, bleibt bei den Ölkonzernen." Allein die fünf größten Mineralölkonzerne hätten 2003 rund 61,67 Milliarden Dollar Gewinn eingefahren, betonte Hövekenmeier. 2002 seien es noch 36,32 Milliarden gewesen.

Autofahrern rät der AvD-Sprecher daher, freie Tankstellen anzufahren. "So sichert man sich langfristig relativ günstige Benzinpreise. Überall dort, wo es viele freie Tankstellen gibt, liegen die Benzinpreise vier bis fünf Cent unter dem Durchschnitt."

Fliegen wird teurer

Doch nicht nur das Tanken, sondern auch das Fliegen wird teurer. Nach Lufthansa, British Airways und Singapore Airlines erheben jetzt auch Air France und Air Portugal (TAP) wegen der Ölpreisexplosion einen Kerosinzuschlag. Wie die beiden Airlines mitteilten, sollen künftig - je nach Flug - Aufschläge zwischen drei und 12 Euro fällig werden.

Bei der Air France müssen Passagiere für Flugscheine, die ab dem 24. August 2004 ausgestellt werden, künftig 2 Euro mehr auf Strecken innerhalb Frankreichs und 3 Euro auf Mittelstreckenflügen in Europa und Nordafrika zahlen. Auf Langstreckenflügen werden 12 Euro fällig. Ausgenommen davon sind Flüge von und zu den Übersee-Departements - Cayenne, Fort-de-France, Pointe-a-Pitre, Reunion. Dort beträgt der Zuschlag 10 Euro. Sobald der Preis an den Rohstoffmärkten pro Barrel Rohöl an 30 Tagen hintereinander unter 35 Dollar liege, werde der Kerosinzuschlag gestrichen, erklärte Air France.

Bei der TAP Air Portugal soll ab dem 23. August ein Zuschlag von 3 Euro für Inlands- und Europaflüge erhoben werden. Für Langstreckenflüge betrage der Aufschlag 7 Euro, hieß es. Nach Angaben von TAP sind die Treibstoff-Kosten der Fluglinie in den ersten sechs Monaten 2004 im Vergleich zum Vorjahr um 36 Prozent gestiegen. Damit hätten die tatsächlichen die erwarteten Kosten in diesem Zeitraum um über 20 Millionen Euro übertroffen.

Schutz gegen Kostensprünge

Steigende Kerosinpreise - nicht jede Fluggesellschaft kommt dabei ins Schwitzen. Vor allem größere Unternehmen wie die Deutsche Lufthansa haben dagegen Vorsorge getroffen, indem sie Kerosin-Käufe gegen mögliche Kostensteigerungen in der Zukunft absichern. Vereinfacht ausgedrückt heißt das: Fluggesellschaften vereinbaren lange vor dem Liefertermin einen Preis, der auch dann noch gilt, wenn zu diesem Termin die Kerosinpreise auf dem freien Markt gestiegen sind.

In Luftfahrtkreisen sind dabei nach Darstellung der Lufthansa vor allem zwei Absicherungs-Instrumente üblich: Das so genannte Hedging und die so genannte Option. Beim Hedging, das so viel wie "mit einer Hecke schützen" heißt, vereinbaren Geschäftspartner eine Art Wette über die künftige Kerosinpreis-Entwicklung. Meist würden solche Geschäfte zwischen Produzenten und Abnehmer abgeschlossen. Beide Parteien werden dabei auf einem so genannten Derivatenmarkt zusammengeführt, auf dem im Wesentlichen Banken agieren.

So könnte eine Fluggesellschaft beispielsweise mit einer Bank für ein bestimmtes Quartal des Jahres 2005 im Voraus einen Festpreis von 33 US-Dollar pro Barrel Rohöl vereinbaren. Steigt der Preis in dem festgelegten Zeitraum über diese Marke, zahlt die Bank den Differenzbetrag zum Lieferzeitpunkt an die Airline. Fällt dagegen der Preis unter das vereinbarte Limit, muss die Fluggesellschaft im Gegenzug die Differenz zum ursprünglich vereinbarten Preis an die Bank zahlen.

Wer sich dagegen lediglich gegen einen steigenden Rohölpreis absichern, beim Preisverfall aber nicht in die Pflicht genommen werden will, der entscheidet sich nach Darstellung der Lufthansa für das Optionsgeschäft. Zum Ausgleich für die marktunabhängige Preis-Fixierung zahlt die Fluglinie dem Optionspartner eine Optionsprämie. Die Höhe der Prämie ist unter anderem abhängig von der abzusichernden Preisdifferenz. Um das Risiko zu streuen, entscheiden sich Fluglinien meist für ein ganzes Bündel von Instrumenten.

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