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Regierung nimmt sieben AKW vom Netz: Höhere Strompreise sind möglich

Die sieben ältesten Atomkraftwerke Deutschlands gehen vorerst vom Netz. Unklar ist, was das für die Verbraucher bedeutet. Manche Experten rechnen mit steigenden Strompreisen.

Die vorübergehende Abschaltung der ältesten Atomkraftwerke kann nach Ansicht von Experten zu höheren Strompreisen führen. "Das Abschalten von Kernkraftwerken wird die Strombörsenpreise vermutlich deutlich ansteigen lassen", sagte der Sprecher des Verbraucherportals Verivox, Jürgen Scheurer.

Der wachsende Anteil erneuerbarer Energien werde sich zwar preisdämpfend auswirken. Das könne den Anstieg der Börsenpreise aber nicht vollständig ausgleichen. "Allerdings haben wir in der Vergangenheit festgestellt, dass die Entwicklung der Börsenpreise durch die Versorger bei den Verbraucherpreisen nicht immer entsprechend weitergegeben werden", betonte Scheurer. Steigende Börsenpreise müssten daher nicht unmittelbar zu steigenden Verbraucherpreisen führen.

Stromanbieter könnten Verluste reinholen wollen

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet bei einem früheren Abschalten deutscher Kernkraftwerke mit steigenden Strompreisen. Kurzfristig könnten bis zu vier oder fünf Kernreaktoren vom Netz genommen werden, dies entspreche dem Überschuss an Strom in Deutschland, sagte DIW-Expertin Claudia Kemfert am Dienstag in Berlin. "Dies ändert sich jedoch im kommenden Jahrzehnt, da viele alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen."

Eine frühe Abschaltung der Reaktoren müsste nach Angaben Kemferts durch einen teilweisen Zubau von Kohlekraftwerken kompensiert werden. Somit würden die Kohlendioxid-Emissionen (CO2) steigen und somit auch die Preise für den Ausstoß des klimaschädlichen Gases: "Das würde die Strompreise tendenziell steigen lassen."

Für die Betreiber der Atomkraftwerke würden Zusatzgewinne wegfallen, die durch den Weiterbetrieb der Reaktoren entstehen, sagte die DIW-Expertin. Zudem müssten sie so rasch wie möglich in Alternativen investieren: "Und dies werden in erster Linie Kohlekraftwerke sein."

Kraftwerkskapazitäten überschüssig

Der Bund der Energieverbraucher erwartet hingegen keine steigenden Strompreise, wenn das Angebot an Atomstrom abnimmt. "Wir haben ohnehin zu viele Kraftwerke am Netz", sagte der Vorsitzende Aribert Peters. Die Kraftwerkskapazitäten in Deutschland seien im vergangenen Jahr um 13,5 Gigawatt größer gewesen als die Stromnachfrage, sagte er mit Verweis auf einen Sicherheitsbericht der Bundesregierung.

Die ungenutzten Kraftwerkskapazitäten seien etwa das Doppelte dessen gewesen, was jetzt an Atomkraft vorübergehend stillgelegt werden solle. Allein die 2010 bundesweit neu gebauten Solarstromanlagen hätten eine Kapazität, die denen der sieben abzuschaltenden Atomkraftwerke entspreche. "An der Strombörse gibt es ausreichend zusätzliche Angebote aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, die strompreissenkend wirken", unterstrich Peters. Ein schneller Atomausstieg würde den Wettbewerb bei der Stromerzeugung verstärken und letztlich auch zu niedrigeren Strompreisen führen.

"Durch einen Anbieterwechsel kann man die Stromrechnung senken und den Atomkonzernen einen Denkzettel verpassen", betonte Peters. Die vier großen Energiekonzerne in Deutschland seien als Stromverkäufer ersetzbar, bei der Stromerzeugung mit einem Marktanteil von über 80 Prozent "aber leider noch nicht".

seh mit DPA