Gewerkschaften Die Macht der Daimler-Belegschaft


Selbstbewusst war die Belegschaft beim "Daimler" schon immer. Mit einem Organisationsgrad von über 80 Prozent in den großen Werken Sindelfingen und Untertürkheim war sie oft auch die Speerspitze der IG Metall.

Viele Pilotabschlüsse der Metallindustrie der vergangenen Jahre basierten auf der Drohkulisse der Macht der Daimler-Belegschaft im Südwesten. Und wenn es um Streik ging, waren die Metaller vom Daimler als erste mit dabei. Hasardeure aber waren die Betriebsräte bei Daimler-Benz schon vor dem Zusammenschluss mit Chrysler nicht. "Wir wissen, dass wir trotz harter Auseinandersetzungen später wieder miteinander auskommen müssen", hatte schon 1971 ein Daimler-Benz-Betriebsrat während eines harten Arbeistkampfes ausgerufen.

Die Fronten sind klar

Und so wird es auch jetzt bei den Verhandlungen des Betriebsrates mit dem DaimlerChrysler-Vorstand laufen. Beide Seiten haben ihre Linien abgesteckt. Die DaimlerChrysler-Manager wollen pro Jahr 500 Millionen Euro bei der Produktion der neuen C-Klasse in Sindelfingen einsparen. Falls diese Summe nicht erreicht werde, könnte die Produktion nach Bremen - und auch Südafrika - verlagert werden. Der Vorteil von Bremen: Dort werden pro Jahr 72 Stunden mehr zum gleichen Gehalt gearbeitet wie im Südwesten.

Der Betriebsrat will unter allen Umständen verhindern, dass die Sparaktion in Baden-Württemberg über Eingriffe in den Flächentarifvertrag läuft. Die Betriebsräte stehen unter einem hohen Erwartungsdruck, denn viele von ihnen haben wichtige Funktionen in der IG Metall. Die Daimler-Belegschaft ist derart selbstbewusst, dass selbst der IG Metall-Vorstand in Frankfurt nicht öffentlich in die aktuelle Situation - mit Vorschlägen oder Mahnungen - eingreift.

Zusammenarbeit klappte immer

Die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Vorstand hat früher bei Daimler-Benz und jetzt bei DaimlerChrysler immer funktioniert. Wenn der Vorstand mal zu weit ging, fuhr der Betriebsrat kurz die Krallen aus und "unterbrach" die Arbeit. So war das auch 1996 als Daimler-Chef Jürgen Schrempp an die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wollte. "Einen Dammbruch, der Auswirkungen auf andere Tarifgebiete hat, lassen wir nicht zu", meinte damals ein in der IG Metall organisierter Betriebsrat.

Die Gewerkschaftsmitglieder am Band werden von den Betriebsräten straff geführt. Das erhöht die Schlagkraft bei Arbeitsniederlegungen, sorgt aber auch dafür, dass nicht einige kleine Gruppen nach Lust und Laune die Produktion anhalten können. Auch wenn derzeit viel Pulverdampf von beiden Verhandlungspartnern in die Luft gelassen wird, restlos überziehen wollen beide Seiten nicht. Die Daimler-Belegschaft weiß, dass ihre Arbeitsplätze recht sicher und ihr Lohn sicherlich zu den besten im Land gehört. Und die "betrieblichen Sonderleistungen", wie eine Ergebnisbeteiligung, sind auch nicht zu verachten.

Ohne Kostensenkung wird's eng

Doch ohne Kostensenkung in der Produktion wird der Markt für Mercedes eng. Immerhin bewegt sich DaimlerChrysler mit der C-Klasse im "Golf-Bereich" und da tummeln sich unter anderem neben VW und Opel auch die Japaner. Wer hier verkaufen will, kann nicht jährlich die Preise erhöhen, heißt es aus der Zentrale in Möhringen.

Deshalb auch der ungewöhnlich harte Ton aus dem Daimler-Management. "Jetzt müssen erst mal die Protest-Tage des Betriebsrates vorbeigehen, dann wird sich der Nebel wieder verziehen", meinte ein Manager. "Eine Kompromiss werde man finden, wenn schon nicht bis Ende Juli, dann aber im August", lautet die kurze Antwort eines Daimler-Betriebsrates. Auch die Daimler-Gespräche, das wissen Insider, folgen dem Ritual der jährlichen Tarifverhandlungen - dazu gehört auch, dass es schon ein Spitzengespräch zwischen Konzernchef Jürgen Schrempp und dem Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates, Erich Klemm, gab.

Werner Scheib, dpa DPA

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