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App "Too Good To Go": So bekommt man ein Restaurant-Gericht für drei Euro - und rettet Lebensmittel vor dem Müll

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen allein in Deutschland pro Jahr im Müll - ein großer Teil davon fällt in der Gastronomie an. Eine App will helfen, das zu ändern.

Mit der App "Too Good To Go" verkauft Gastronom Jérôme Bah (r.), was übrig blieb und sonst im Müll landen würde, bevor er sein Café für diesen Tag schließt

Mit der App "Too Good To Go" verkauft Gastronom Jérôme Bah (r.), was übrig blieb und sonst im Müll landen würde, bevor er sein Café für diesen Tag schließt

"Niemals, niemals Essen wegwerfen!" Für Papst Franziskus ist das nicht nur ein Rat, es sei "eine Gewissensfrage". Sven Euller hat es nicht so mit dem Heiligen Vater, aber in Sachen Lebensmittelverschwendung ist er ganz bei ihm. Er hat etwas dagegen. Er macht etwas dagegen. Und er hat sogar etwas davon.

Euller arbeitet als Planungsingenieur in Berlin-Mitte. Er hat sich immer gefragt, was all die Läden, an denen er auf dem Heimweg vorbeikam, mit all dem anfangen, was vom Tage übrig blieb: den Broten und Brötchen, den Salaten und Resten vom Mittagsbüffet, die zu schade zum Wegwerfen sind – "Too Good To Go" also, wie es auf Englisch heißt.

Abendessen für zwei oder drei Euro

"Endlich!", dachte er darum, als er vor einiger Zeit über Freunde von der gleichnamigen App erfuhr. Seitdem klickt er ein- bis zweimal die Woche nachmittags, wenn langsam der Hunger kommt, auf seinem Smartphone auf das zarttürkisfarbene Icon. Dann scrollt er durch die Liste all jener Läden, Cafés oder Restaurants in seiner Nähe, die heute Reste anzubieten haben. Dann zahlt er per Paypal oder Kreditkarte, "selten mehr als zwei oder drei Euro", und erhält einen digitalen Gutschein, den er auf dem Heimweg zum verabredeten Zeitpunkt gegen ein Abendmahl einlöst.

"Essen retten, Geld sparen und die Welt verbessern", so lautet das Motto des ursprünglich aus Dänemark stammenden Konzepts. 2015 von fünf Freunden in Kopenhagen gegründet, ist das Startup inzwischen in neun europäischen Ländern vertreten, seit zwei Jahren auch in Deutschland. Europaweit haben sich schon sechs Millionen Nutzer registriert, die bei insgesamt etwa 10.000 Partnerbetrieben bereits über sieben Millionen Mahlzeiten gerettet haben.

In Deutschland beteiligen sich inzwischen 2200 Betriebe von der Bäckerei bis zum Sushi-Restaurant, und ihre Zahl nehme beständig zu, sagt Teresa Sophie Rath, die Marketingchefin der deutschen Dependance. Viele Unternehmen produzierten und kochten im Zweifel lieber zu viel, als Gefahr zu laufen, nicht alle Kunden bedienen zu können.

Gastronomie wirft besonders viele Lebensmittel in den Abfall

Theoretisch ist der Markt unendlich  groß. Denn von den etwa 18 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die allein in Deutschland jedes Jahr im Müll landen, entfällt ein beachtlicher Teil auf die Gastronomie und den Außer-Haus-Verkauf. Diese Verschwendung belastet nicht nur das Gewissen und die Finanzen, es schadet der Umwelt. Es geht um kostbare Ressourcen, die verschwendet werden, um Wasser für den Anbau, um Energie für Produktion, Verpackung und Transport. Allein für das Essen, das in Deutschland im Müll landet, werden laut World Wildlife Fund ungefähr 2,6 Millionen Hektar Anbaufläche umsonst bewirtschaftet - eine Fläche, die größer ist als Mecklenburg-Vorpommern.

"Statt mit dem Finger immer auf andere zu zeigen: der Handel sollte, die Politik müsste - machen wir ein Angebot, mit dem jeder Einzelne einen kleinen Beitrag gegen Verschwendung leisten kann", sagt Teresa Sophie Rath.

Sven Euller hat sich heute dazu entschieden, im "Karasca" Lebensmittel zu retten, einem hippen Bistro-Café in der Nähe des neuen Hauptquartiers des Bundesnachrichtendienstes. Was er für den Gutschein bekommt, weiß er noch nicht genau, als er gegen Feierabend durch die Ladentür tritt. Aber bisher wurde er von "Too Good To Go" nicht enttäuscht. Neben dem Tresen hantiert Inhaber Jérôme Bah schon mit diversen kleinen Töpfen. Neun verschiedene Suppen sind heute übrig, von Ingwer-Karotte bis grüne Bohnen mit Kalb, ein bisschen Stew ist auch noch da und ein belegter Bagel.

Gastronomie spart Müllkosten

Sein Vater stamme aus Ghana, erzählt Bah, "wie es war, nicht genug zu haben, das war bei uns zu Hause regelmäßig Gesprächsthema. Da habe ich gelernt, dass man Essen einfach nicht wegwirft." Es falle ihm bis heute schwer. Aber natürlich bleibe das in der Gastronomie nicht aus – egal, wie gut man kalkuliert. Bei Regen bleiben mittags mehr Leute im Büro, statt Essen zu gehen. Ein neuer Imbiss drängt mit Kampfpreisen auf den Markt – man kann nie wissen. Darum sei er wirklich froh, über die App immerhin drei bis vier Portionen vor dem Müll zu retten. Es bringt zumindest einen kleinen Umsatz – und spart Entsorgungskosten.

Sven Euller entscheidet sich für die Linsensuppe. "Gute Wahl", sagt der Chef. "Bisschen Petersilie drauf?" Die käme sonst auch weg.

Mehr über den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung lesen Sie im neuen stern.

anb