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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Das Ende der Ära Löw und der Ära Merkel

Jogi Löw muss weg. Und Angela Merkel sowieso. Warum mit beiden eine Ära zu Ende geht, nach der wir uns bald schon sehnen werden.

Es war einmal: Angela Merkel, Jogi Löw und "Die Mannschaft" mit dem WM-Pokal

Es war einmal: Angela Merkel, Jogi Löw und "Die Mannschaft" mit dem WM-Pokal

DPA

Puh, was für eine emotionale Woche. Die Jungs sind raus, Mutti (noch) nicht. Aber in der Tat wanken die beiden Säulen des deutschen Erfolgs des vergangenen Jahrzehnts, überraschend synchron.

Es gibt ja diese schöne Erzählung des Gleichschritts zwischen Fußball und der Wirtschaft: Der Aufstieg der "goldenen Generation" unter Jogi Löw ab 2006, begonnen mit dem "Sommermärchen", nahm den furiosen Siegeszug der deutschen Wirtschaft vorweg. Nach den mühsamen Jahren der Agenda 2010-Reformen glitt unser Land in eine lange Phase des Wachstums und Wohlstands (nur einmal scharf unterbrochen durch die Finanzkrise). 

Wirtschaft und Fußball waren 2004 am Boden, dann also Reformen, harte Arbeit, Aufstieg, Boom, Erfolg, schier ewigwährender Erfolg. Nun das jähe Ende am Mittwoch, der Absturz, ein in Angst und Ideenlosigkeit erstarrtes Spiel, ohne Feuer, ohne Führung, ohne Leichtigkeit, ohne Zauber. Jogi Löw hat den Fußball seit 2006 geprägt, eine unglaubliche Lebensleistung, sechsmal hat er ein Halbfinale erreicht bei WM und EM, einmal ist er Weltmeister geworden. Das ist vorbei.

prägte seit 2005 die Politik, steuerte das Land durch zwei Jahrhundertkrisen und eine wundersame Wohlstandsphase, ruhig, klar, nüchtern, würdig – aber auch hier erleben wir seit Wochen Erstarrung, fehlende Führung und Zerfallserscheinungen ihrer Autorität, nicht so jäh und brutal wie beim Fußball, aber auch erschreckend unaufhaltsam. Fallen beide Galionsfiguren nun in den kommenden Tagen? Gut möglich.

Der doppelte Superzyklus

Tja, ist das nur eine schöne Erzählung mit zufälligen Parallelen eines doppelten Superzyklus, der sich dem Ende neigt? Das mag jeder für sich entscheiden. Beim Fußball kann man sagen: Am Donnerstag hat die Erneuerung und der Wiederaufstieg begonnen. Nicht alles ist verloren, was seit 2006 erreicht wurde. Was wir aber sehen: dass die Produkte "Fußball" und "Nationalmannschaft" vielleicht zu sehr aufgebläht wurden, in immer neuen Turnieren und Formaten, angetrieben von einem Spektakel einer hochgezüchteten Geld- und Marketingmaschine. Es waren nicht mehr die "Jungs", sondern das Konstrukt "Die Mannschaft"; an den Spielern wurde immer mehr gezerrt, mit immer neuen Kampagnen, Turnieren und Formaten – die Überdehnung war unausweichlich. (Lesen Sie dazu nochmal die Reportage meines Kollegen Thomas Steinmann über den FC Bayern in China – hier wird das Problem anschaulich beschrieben). Die Spieler waren leergespielt.

Was bedeutet das für die Politik und die Wirtschaft? Nun, zunächst einmal nichts. Denn die Implosion der politischen Führung, die wir seit einigen Wochen erleben, ist eben nicht zwingend und schon gar nicht zwingend synchron. Sie ist künstlich erzeugt und aufgebauscht, in einem hochemotionalen Harakiri und Zirkel der Ratlosigkeit, in dem die angebliche Lösung in immer kreativerer Bürokratie-Rhetorik (Ankerzentrum, Auffanglager, Hotspot und jetzt neu: "Ausschiffungsplattform") gekleidet wird. Hat jemand das Gefühl, dass heute der Durchbruch in Europa geschaffen wurde oder nicht? Oder nur die Illusion eines Durchbruchs?

Dabei wird übersehen, dass der Wohlstand in diesem Land immer noch auf einem historischen Plateau ist, dass viele Zahlen, wie Wachstum, Lohnzuwachs und Arbeitslosigkeit immer noch gut sind, dass wir noch immer Milliarden für Quatsch am Fließband ausgeben können (Baukindergeld) – dass wir also in einer Art Notstand im Wohlstand leben. 

Es gibt keine Zeit nach Merkel

Die Angst, dass die Zeit nach Angela Merkel (wie die nach ) derzeit nicht vorstellbar ist, weil da kein Hoffnungsträger ist, kein feuriger Gegenentwurf, ist noch größer als der Überdruss an ihr. Aber das lähmt, die Kanzlerin und uns, und so klammert die Mehrheit immer noch an ihr und einer Zeit, die unter dem Strich eine sehr gute war. Man möchte die Kanzlerin manchmal fast erlösen, sie und uns, ihr bedeuten, dass sie dass Amt im Auenland, das sie behütet hat, loslassen kann. Vielleicht passiert es nun. Im Grunde ist es schon passiert, auch wenn sie noch im Amt ist. Sie steht da, wo Jogi Löw nach dem Spiel gegen Mexiko stand. Also: Platz frei für die Merkel-muss-weg-Illusionisten! Sollen die mit den einfachen Parolen zeigen, dass sie es besser können.

"Wer friert uns diesen Moment ein", sang Andreas Bourani 2014 in seinem Lied "Ein Hoch auf uns", dass zur Hymne der WM wurde und damals ein Gefühl einfing, das ein ganzes Land erfasste: "Besser kann es nicht sein / Denkt an die Tage, die hinter uns liegen /Wie lang' wir Freude und Tränen schon teilen." Der Erfolg schien unfassbar und ewig zu dauern. Es wirkt heute wie ein Lied aus einer Zeit, die plötzlich versunken ist, übertönt vom Handelskriegslärm und dem Geschrei immer neuer Populisten.

Wer Bouranis Lied weiter liest, wird bald auf den Makel stoßen, der unserer Nationalmannschaft diesmal anhing ("Hier geht jeder für jeden durchs Feuer") – und wo man in einem neuen Teamgeist auch die Lösung vermutet. Ein paar Zeilen weiter singt Bourani: "Und solange unsre Herzen uns steuern / Wird das auch immer so sein." Womit er den Kern anspricht, was uns trotz aller geschürten und berechtigten Angst nicht passieren darf: dass wir unseren Kompass verlieren; unsere Werte, die uns ausmachen, und dieses Land und den Kontinent stark gemacht haben. 

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