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Heizen und Kochen mit Biogas: Die Kraft von Mais und Gülle

Bio- oder Ökogas? Wo ist eigentlich der Unterschied? Und worauf muss ich als Verbraucher achten? stern.de hat alles Wissenswerte über die Alternative zum Erdgas zusammengestellt.

Die Anbieter von Ökostrom haben es gut. Seit dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima wollen immer mehr Menschen etwas für ihr grünes Gewissen tun und wechseln zur regenerativen Energie. Doch was tun die, die mit Erdgas heizen oder kochen? Die gute Nachricht: Auch Erdgas kann bio sein - und ist häufig sogar günstiger als der konventionelle Gastarif. Die schlechte Nachricht: Biogas wird aus Umwelt-Sicht immer weniger sinnvoll, je mehr Verbraucher darauf umsteigen.

Was ist Biogas überhaupt?

Biogas wird durch Vergärung regenerativer Stoffe wie etwa Abfall, Gülle, Dünger oder Energiepflanzen (Mais, Raps etc.) in einer speziellen Anlage gewonnen. Rund 6000 Biogasanlagen gibt es zurzeit in Deutschland. Die größte deutsche Biogasanlage steht in Zörbig (Sachsen-Anhalt) und wird von der Verbio Vereinigte Bioenergie AG mit Sitz in Leipzig betrieben. Im Unterschied zur Mehrheit der Bioanlagen-Betreiber stellt Verbio in Zörbig Biogas allein aus agrarischen Reststoffen her. Verwendet wird dort die sogenannte Schlempe, ein Abfallprodukt aus der Bioethanolproduktion, und neuerdings auch Stroh.

Das in den Anlagen gewonnene Rohbiogas enthält etwa 60 Prozent Biomethan. Dank des hohen Methananteils lässt sich das gewonnene Gas zum Heizen nutzen. Oder es wird direkt vor Ort für die Verstromung in einem Blockheizkraftwerk verwendet. Die meisten Anlagenbetreiber hierzulande speisen den so gewonnenen Strom direkt in das Stromnetz ein und erhalten auf Basis des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hierfür eine entsprechende Vergütung.

Um Gas aus der Biogasanlage in das Erdgasnetz einspeisen zu können, muss es allerdings einen weiteren Reinigungsprozess durchlaufen. Dabei werden beispielsweise Kohlendioxid (CO2) und Stickstoffe entzogen. Das so entstandene Biomethan hat eine Reinheit von mehr als 99,9 Prozent und ist in seiner chemischen Zusammensetzung mit Erdgas identisch. Bundesweit gibt es derzeit 52 Anlagenbetreiber, die das Rohbiogas zu Biomethan weiterverarbeiten und in das Erdgasnetz einspeisen. Es wird erwartet, dass bis 2013 etwa 121 Anlagen am Netz sein werden.

Biogastarife: Eine Frage der Beimischung

Der große Vorteil des Biogases liegt in der Regionalität. Denn während herkömmliches Gas meist erst Tausende Kilometer durch Pipelines nach Deutschland transportiert werden muss (die größten Lieferanten sind Russland und Norwegen), wird hier der Brennstoff in heimischen Anlagen hergestellt.

Hinter den Biogas-Tarifen können sich aber höchst verschiedene Angebote verstecken. Zum einen gibt es die Tarife mit Biogasanteil. Die Anbieter garantieren ihren Kunden eine Beimischung einer gewissen Prozentzahl Biogas zum herkömmlichen Erdgas. Beim Betreiber Lichtblick, der 2007 als erster Anbieter mit einem Biogas-Tarif auf den Markt ging, sind es beispielsweise durchschnittlich 5 Prozent. Es gibt aber auch Angebote mit höheren Beimischungen und sogar hundertprozentige Biogastarife (Naturstrom).

Weil Biogas wegen der aufwändigen Herstellung derzeit noch vergleichsweise teuer ist, steigt der Endpreis für den Kunden mit dem Anteil in der Gasmischung. Grundsätzlich hängt der Preis des reinen Biogases von den für die Erstellung verwendeten Stoffen ab. Der Durchschnittswert liegt derzeit bei 70 Euro pro Megawattstunde. Herkömmliches Erdgas kostet dagegen nur etwa 23 Euro die Megawattstunde.

Ökogas mit Kompensation

Sogenannte Ökogas- oder Klimatarife enthalten dagegen kein echtes Biogas. Manche Anbieter garantieren lediglich die CO2-Neutralität des gelieferten Erdgases. In diesem Fall kauft der Gasversorger entsprechend des Verbrauchs seiner Kunden Emissionszertifikate, um so die CO2-Belastung auszugleichen. Kritiker wie Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace, sehen in dieser Vorgehensweise aber einen Kuhhandel. "Das ist reine Augenwischerei. Wer auf Biogas- oder Ökogastarife setzt, sollte schauen, dass das Gas aus einer sinnvollen und nachhaltigen Lösung stammt."

Wieder andere Anbieter unterstützen Klimaprojekte – das Prinzip ist dem der CO2-Kompensation bei den Fluggesellschaften ähnlich. Der Anbieter Entega etwa unterstützt Aufforstungsprojekte in Kanada. Manche Unternehmen fördern beispielsweise auch die regenerative Energieerzeugung in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Ist mein Gas wirklich öko?

Leider nein. Mit dem Gas verhält es sich ähnlich wie mit dem Strom. Kein Leitungsnetz dieser Welt ist darauf ausgelegt, dass Herr Müller in der dritten Etage links auch wirklich Biogas bekommt – sein Nachbar aber das herkömmliche Erdgas. Deshalb ist die Belieferung mit Bio- oder Ökogas auch eher eine rein virtuelle. Die Anbieter rechnen hier mit Prognosen. Auf Basis des bisherigen Gasverbrauchs des Kunden wird eine Prognose für den weiteren Verbrauch erstellt.

Ein Unternehmen, das wie beispielsweise Lichtblick 5 Prozent Biogasbeimischung anbietet, ordert dann auf Basis dieser Prognose die entsprechende Menge Biogas. Ähnlich verfährt auch ein Unternehmen, das sowohl herkömmliche Erdgas-Tarife als auch Ökogas-Tarife anbietet. Es macht also eine Mischkalkulation auf.

Der Hersteller von Biogas speist dann in Absprache mit dem örtlichen Netzbetreiber die entsprechende Menge in die Erdgasleitung ein. So kann es sein, dass Verbraucher, die in der Nähe der Herstellers wohnen, tatsächlich ein Gas mit höherer Biogaskonzentration bekommen als der eigentliche Tarif-Kunde, dessen Wohnort weiter entfernt ist.

Wo kommt das Biogas meines Anbieters her?

Nicht jeder Anbieter informiert die Kunden darüber, woher er eigentlich sein Biogas bezieht. Grundsätzlich funktioniert der Marktkreislauf beim Biogas aber ähnlich wie beim herkömmlichen Gas. In der Regel schließen die Anbieter von Biogas-Tarifen einen Liefervertrag mit einem Hersteller von Biogas ab.

Biogas wird aber auch an virtuellen Handelsplätzen verkauft. Dort ist es aber nicht mehr als solches gekennzeichnet. In Deutschland gibt es inzwischen vier virtuelle Handelsplätze für die drei Gasmarktgebiete Gaspool (H-Gas), L-Gas 1 (L-Gas), NCG (Sowohl H- als auch L-Gas). H-Gas stammt aus Russland, dem Nahen Osten, Holland und hat einen höheren Brennwert als L-Gas. L-Gas wird in der Nordsee gefördert. An der Leipziger Börse EEX beispielsweise werden zurzeit NCG H-Gas und Gaspool gehandelt.

Woran erkenne ich einen ökologisch guten Tarif?

Ähnlich wie beim Strom können sich Kunden beim Öko- und Biogas auch an Gütesiegeln orientieren. Der Anbieter Lichtblick lässt seinen Strom beispielsweise vom TÜV Nord zertifizieren. Solche Zertifikate haben aber ihre Kritiker. Denn oft wird damit nur der Nachweis erbracht, dass tatsächlich Biogas eingespeist wird ohne Aufschluss über Herkunft der Rohstoffe und Qualität der Anlage zugeben.

Aus Sicht von Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Hofstetter macht ein Ökotarif außerdem nur dann Sinn, wenn er wirklich zu hundert Prozent Biogas enthält. "Anstatt auf Tarife mit 5 Prozent Beimischung zu setzen, sollte ich lieber überlegen, ob ich das Geld nicht nicht besser zur Reduzierung des Energieverbrauches verwenden kann, zur Dämmung meines Hauses beispielsweise." Das sei dann die ökologisch sinnvollere Alternative, findet der Umweltaktivist.

Ist Biogas für die Umwelt immer die beste Alternative?

Auch Biogas ist nicht ganz unumstritten. Gerade Umweltverbände sehen die Entwicklung kritisch. "Biogas macht nur in kleinem Maßstab Sinn, nämlich dann, wenn es wirklich aus nachhaltigen Reststoffen stammt", sagt Greenpeace-Experte Hoftstetter. Je mehr Kunden aber zu Biogas wechselten, desto mehr könnte sich diese Technologie negativ auf die Umwelt auswirken.

Denn schon jetzt setzen viele Bauern, die eine Biogasanlage betreiben, nicht mehr allein ihren Abfall aus der Landwirtschaft ein. Stattdessen werde eine intensive Ackerkultur mit Mais betrieben, um die Anlagen zu befüllen. "Inzwischen kommt 80 Prozent Mais in die Anlagen", sagt Hofstetter. Beim Anbau von Mais würden aber deutlich mehr klimaschädliche Gase wie Lachgas, CO2 und Methan erzeugt als bei der Verwendung von Gülle.

Außerdem werde der Boden einseitig ausgebeutet – und gleichzeitig ein weltweites Nahrungsmittelproblem geschaffen, kritisiert Hofstetter. Denn einerseits fehle die für den Mais eingesetzte Ackerfläche am Ende für andere Lebensmittel. Andererseits verschärfe sich mit der starken Nachfrage nach Energiepflanzen in der Dritten Welt die Preissteigerung für Nahrungsmittel und der Kampf um bestellbares Land.