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Folgen der Massentierhaltung Unterwegs mit den Gülle-Detektiven

Folgen der Massentierhaltung: Unterwegs mit den Gülle-Detektiven
Im Märzen der Bauer die Scheiße ausbringt. Massentierhaltung und Biogasanlagen produzieren immer mehr Gülle – und verseuchen so das Grundwasser. Jetzt werden die Gesetze verschärft. 

Pflatsch. Die Farbe changiert zwischen Schokoladenbraun und Kohlgrün. Die Konsistenz erinnert an Rahmspinat. Es riecht nach überreifem Camembert und Bahnhofstunnel. Scharf und stechend.

Pflatsch. Der nächste Schwall landet auf dem Betonboden. Er hat Spalten; durch die wird die glitschige Masse regelmäßig weggespült. Sie fließt dann in riesige Tanks unter der Erde. Die fassen 3000 Kubikmeter – so viel wie 15 000 Badewannen.

Pflatsch. Ja, genau deswegen sind die beiden Männer in Outdoorjacken und festen Schuhen heute Morgen hier, in einem Stall im Örtchen Hude bei Oldenburg. Franz Jansen-Minßen leitet die "Düngebehörde" des Landes Niedersachsen, Reno Furmanek den dazugehörigen Prüfdienst. Sie sind der Kuhscheiße auf der Spur; sie sind Gülle-Detektive.

Niedersachsen Gülle-Problem

"Sturmfest und erdverwachsen" – so besingen sich die Niedersachsen in ihrer Hymne. Treffend für Teile ihrer Heimat wäre "stinkend und erdverseucht" – von Gülle. In keinem anderen Bundesland werden so viele Nutztiere gehalten: jede fünfte deutsche Kuh, jedes dritte Schwein und sogar jedes zweite Huhn. Das bedeutet auch, dass in keinem anderen Bundesland die Flut der Fäkalien so gewaltig ist. Und dass in keinem anderen Bundesland das Grundwasser so flächendeckend mit Nitrat belastet ist.

Dagegen sollen die zwei von der Düngebehörde etwas tun. Denn ihr Amt ist eigentlich eine Wasserschutzbehörde. Und darum besuchen die beiden den Hof von Herwig Blankemeyer im Oldenburgischen. Im Stall ist Poltern von Hufen und das Muhen aufgeregter Kühe zu hören. "Jetzt haben sie sich erschreckt" , sagt Landwirt Blankemeyer. "So viel Besuch sind sie nicht gewohnt. Kühe sind schließlich Fluchttiere." Langsam geht er durch das Stalltor. Das letzte Kuhhinterteil verschwindet gerade um eine Ecke. "Die verstecken sich", sagt Blankemeyer und bedeutet den Besuchern zu warten. "Die kommen schon wieder", flüstert er. "Die sind viel zu neugierig."

Neugierig sind die Kontrolleure auch. Doch sie interessieren sich weniger für die Tiere als für die Buchhaltung über deren Hinterlassenschaften. Kernfrage: Hat der Hof genug Ackerflächen, um die angefallene Gülle darauf zu verteilen? Deswegen prüfen Jansen-Minßen und Furmanek die Unterlagen, zählen nach und kontrollieren die Lagertanks. Denn zumindest auf dem Papier ist der Umgang mit der Gülle genau geregelt. Die Brühe lagert bis zu sechs Monate in großen Tanks. Nur zu bestimmten Zeiten darf die stinkende Flüssigkeit auf Felder gekippt werden. Vom 1. November bis zum 1. Februar ist Pause. Seit gut einem Monat ist Saison.

"Frische Landluft"

Schon im Stall ist der Geruch aus Ammoniak und Schwefelwasserstoff heftig. Doch so richtig entfaltet sich das Bouquet der Gülle, wenn sie auf Äckern und Wiesen verteilt wird. "Sobald die Saison läuft, bekommen wir Beschwerden, wenn es irgendwo besonders stinkt", sagt Reno Furmanek. "Wenn Landwirte die Gülle nicht schnell genug einarbeiten, drohen empfindliche Bußgelder." Spöttisch heißt das: "frische Landluft".

In Ställen wie dem von Herwig Blankemeyer sammeln sich rund zwei Drittel der niedersächsischen Gülle: jährlich 60 Millionen Kubikmeter. Das ist fast eineinhalb Mal so viel, wie es Wasser im Steinhuder Meer gibt, dem größten See des Landes. Darin enthalten sind gewaltige Mengen Stickstoff und Phosphor. Beides Stoffe, die Pflanzen zum Wachsen brauchen, wertvoller Dünger eigentlich. Doch wie so oft: im Übermaß schädlich. Denn alles, was die Pflanzen nicht aufnehmen können, landet im Grund- und Oberflächenwasser – wie Nitrate und Phosphate, die dann für den Menschen schädlich sein können.

Wenn der Rinderzüchter zu Hause den Hahn aufdreht, sprudelt ihm frisches Trinkwasser entgegen – noch. Denn würde er das Wasser unter seinem Hof ins Labor schicken, dann fänden sich darin ziemlich hohe Nitratwerte, die Spur der Kuhscheiße. Der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband, der die Region versorgt, muss immer mehr Aufwand treiben, um es für den menschlichen Verbrauch aufzubereiten. Viele Wasserwerke klagen über ähnliche Probleme.

Hohe Nitratwerte

Laut dem letzten Nitratbericht der Bundesregierung trifft es besonders Regionen mit intensiver Tierhaltung im Westen von Niedersachsen: Rund um Cloppenburg, Vechta und Oldenburg sind die Nitratwerte längst im roten Bereich. "Hier sind die Böden schlechter, weswegen traditionell mehr Vieh gehalten wird", sagt Franz Jansen-Minßen.

Um die Jahrtausendwende begannen die Schadwerte zwar zu sinken, doch seit einigen Jahren steigen sie wieder. Diesmal jedoch nicht wegen der Tiere, sondern als Folge des massiven Baus von Biogasanlagen. Die funktionieren wie gigantische Kuhmägen: Sie vergären Pflanzen, meist Mais. Das entstehende Methangas wird aufgefangen, übrig bleiben stickstoff- und phosphorhaltige Gärreste. Und die sind letztlich nichts anderes als: Gülle. Bloß wurde sie bisher gar nicht erfasst. Sie kam ja aus der Energiewirtschaft.

Die bedrohlichen Nitratwerte haben inzwischen sogar die EU-Kommission alarmiert. Sie hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eröffnet, weil es zu wenig für den Trinkwasserschutz leiste. Es drohen Milliardenstrafen. Deswegen hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ein neues Düngegesetz und eine neue Düngeverordnung durchs Parlament gebracht. Auch Betreiber von Biogasanlagen müssen künftig nachweisen, wo ihre Gülle bleibt. Nach der Bundesratssitzung Ende März könnte alles in Kraft treten.

Auch Biogasanlagen produzieren Gülle

Dann muss auch Herwig Blankemeyer in Hude nach strengeren Regeln wirtschaften. Durch das geplante Düngekataster werden Prüfer wie Reno Furmanek schon vor dem Besuch wissen, wie viel Gülle produziert wurde und wo sie gelandet ist. Das wird vor Ort nachgeprüft. "Wir haben immer wieder Betriebe, die gar nichts melden. Dann gibt es Strafen", sagt er.

"Man muss höllisch aufpassen, um bei den Meldungen keine Fehler zu machen", sagt Landwirt Blankemeyer. "Einmal habe ich ein Datum verdreht, da kam sofort ein blauer Brief." 155 Hektar Fläche bewirtschaftet er, teilweise gepachtet. Die dürften reichen, um seine Gülle aufzunehmen. So hofft er zumindest. Denn neues Land zu pachten wäre teuer: Schließlich benötigen auch Biogasanlagen jetzt offiziell Flächen für ihre Gülle.

Nun kommt der Bruder des Bauern ins Spiel: denn der vermakelt die ganze Scheiße. Holger Blankemeyer betreibt ein Unternehmen mit Mähdreschern, Maishäckslern und Traktoren. Und mit der neuesten Ausbring-Technik. Transport und Verteilung von Gülle sind ein gutes Geschäft. Rund ein Viertel des Umsatzes macht er damit. Tendenz steigend.

Auf dem Hof steht sein ganzer Stolz: ein "Claas Xerion 4000" mit "Garant XST-16000"-Aufbau, der Mercedes unter den rollenden Güllefässern. "Mit dem schaffen wir bis zu 900 Kubikmeter am Tag", erzählt Holger Blankemeyer, während der Fahrer den Ausleger in Position bringt. Auf 16 Meter Breite kann die Gülle durch Schläuche direkt in viele Schlitze fließen, die Stahlscheiben in den Acker schneiden. Ist die Brühe drin, werden sie wieder geschlossen, sodass praktisch kein Geruch entsteht. Landluft, ade.

"Solche Maschinen lohnen sich gar nicht für einzelne Betriebe", sagt Holger Blankemeyer, der knapp 500.000 Euro für das 380-PS-Ungetüm ausgegeben hat. Und der Kutscher hat auch keinen Scheißjob mehr. Er thront hoch oben in einer klimatisierten Kabine und steuert über vier Monitore den Güllefluss. Nicht mal zum Nachtanken muss er absteigen und sich die Hände dreckig machen. Alles vollautomatisch. Holger Blankemeyer sammelt die überschüssige Gülle ein, bestätigt die fachgerechte Entsorgung und transportiert sie über Hunderte Kilometer in die Ackerbaugebiete im Südosten Niedersachsens. Dort kann dann anderer Dünger gespart werden. "Wir sind eine anerkannte Gülle-Börse", sagt der Lohnunternehmer stolz. Er will weiter in Technik investieren, sobald das neue Recht gilt.

Folgen der Massentierhaltung

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer, seit vier Jahren im Amt, ist inzwischen zu einem Gülle-Experten geworden. Der Politiker der Grünen sitzt in seinem Büro und rechnet vor: "Wenn wir die ganze Gülle Niedersachsens in Lkws verladen würden, reichte die Kolonne einmal um den Äquator. Und zwei Drittel davon müssen tatsächlich durch die Gegend gekarrt werden. Aus den Viehregionen in die Ackerbauregionen." Wenn der Kampf gegen die Massentierhaltung schon nicht gelingt, dann werden eben die Folgen gleichmäßiger verteilt.

Meyer hat sich sehr für das neue Gesetz engagiert. Und er hat sein Land darauf vorbereitet. Die Düngebehörde wurde personell verstärkt, die Mitarbeiterzahl im Prüfdienst fast verdoppelt. "Bisher wurde jeder Landwirt im Schnitt nur alle 100 Jahre kontrolliert" , sagt er. In einer Datenbank werden erstmals die Tierbestände auf den Höfen mit den bewirtschafteten Flächen ins Verhältnis gesetzt. Dann sieht man sofort, wo zu viel Gülle ist. Ein Abgleich war bisher nicht erlaubt. "Sobald das Gesetz da ist, beginnen wir, die Daten auszuwerten" , erklärt Meyer. "Dann wissen wir, wo wir hingucken müssen. Endlich kann dann der Kampf gegen die echten schwarzen Schafe beginnen."

Herwig Blankemeyer hofft natürlich, dass ihn die Gülle-Kontrolleure künftig seltener besuchen werden. Schwarze Schafe gibt es auf seinem Hof nicht. Nur schwarzbunte Kühe. Und dazu jede Menge: Pflatsch.


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