HOME

Serie Energiewende, Teil 1 - Risiko Monokultur: Biogas - Fluch für die Umwelt, Segen fürs Klima?

Strom und Wärme aus Biogas schützen das Klima und machen Dörfer unabhängiger von großen Energiekonzernen. Doch die "saubere" Energiequelle hat auch ihre Kehrseiten.

Von Mareike Rehberg

Energie aus Abfall - das ist die ursprüngliche Idee einer Biogasanlage. Eine gute Idee. Aus landwirtschaftlichen Reststoffen wie Pflanzenteilen oder Gülle entstehen umweltfreundlicher Strom und Wärme zum Heizen. Auch das kleine Örtchen Krebeck bei Göttingen profitiert seit einem Jahr von dieser Idee. Das 1100-Einwohner-Dorf, in dem sich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus reiht, betreibt gemeinsam mit dem Nachbarort Wollbrandshausen eine eigene Biogasanlage. Knapp zwei von drei Haushalten werden von der Anlage mit Nahwärme versorgt, außerdem fließen pro Jahr rund 12 Millionen Kilowattstunden Strom ins Netz. Damit gehören die beiden Orte zu den bundesweit 57 Bioenergiedörfern, die aus EU-, Bundes- und Ländermitteln gefördert werden.

Die Idee ist so gut, dass sie sich in ganz Deutschland massenhaft durchgesetzt hat. Rund 6000 Anlagen versorgen bundesweit bereits mehr als vier Millionen Haushalte mit Strom. Doch genau hier beginnen die Probleme. "Ich bin ein Fan von kleinen, regionalen Anlagen", sagt Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Kritisch sieht der Umweltschützer allerdings das "Futter" für die Biogas produzierenden Mikroorganismen. In den Gärbehältern blubbert nämlich keineswegs nur Bioabfall vor sich hin. In erster Linie wird Maissilage vergoren.

Mais, bemängeln Greenpeace und der Naturschutzbund Nabu unisono, werde oft in Monokulturen angebaut und wirke sich negativ auf die Artenvielfalt im Ökosystem aus. Das Süßgras, das ursprünglich aus Mexiko stammt, wächst außerdem nur sehr langsam, der Boden ist dadurch erosionsgefährdet. Zudem gilt die Energiepflanze als sogenannter Humuszehrer. Sie baut im Ackerboden Kohlenstoff ab, der dann als CO2 an die Luft abgegeben wird und so wiederum das Klima schädigt - was Biogasanlagen ja eigentlich verhindern sollen.

Gedüngt würden die Maisfelder mit Stickstoff, erklärt Agrarexperte Hofstetter im Gespräch mit stern.de. Dadurch würden große Mengen an Distickstoffmonoxid, besser bekannt als Lachgas, freigesetzt, das fast 300 Mal klimaschädlicher sei als CO2. "Reine Maiswüsten sind schlecht", sagt Hofstetter. Oft würden sinnvolle Fruchtfolgen nicht eingehalten.

Falsche Subventionspolitik befördert Monokulturen

Auch die Anlage zwischen Krebeck und Wollbrandshausen wird mit jährlich 25.000 Tonnen Silomais gefüttert. Daneben werden außerdem 4000 Tonnen anderer Energiepflanzen, wie Roggen oder die Getreidekreuzung Triticale, und 16.000 Tonnen Gülle zugeführt. Karl Heine, der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft "Bioenergie Wollbrandshausen - Krebeck", ist von den Vorteilen seiner Anlage trotzdem überzeugt. Die Dörfer seien unabhängiger von den großen Energiekonzernen, hätten geringere Heizkosten und verdienten Geld durch den Stromverkauf, schwärmt der 53-Jährige. Außerdem böte die Biogasproduktion den Landwirten der Region ein zweites wirtschaftliches Standbein. Ach ja, zum Klimaschutz trage man natürlich auch bei. 600.000 Liter Heizöl haben beide Orte im vergangenen Jahr eingespart. Ganz nebenbei hat der frühere Bankkaufmann Heine einen neuen Beruf erlernt. Der 53-Jährige verhandelt mit den Bauern, koordiniert die Dienste der drei festangestellten Arbeiter auf der Anlage und erledigt anfallenden Schreibkram.

Für das Mais-Problem macht Heine die Politik verantwortlich. "Wir würden liebend gerne auch den Grasschnitt aus den Gärten der Dorfbewohner vergären", beteuert er. Schuld am einseitigen Maisanbau ist die bisherige Subventionspolitik der Bundesregierung. Für Strom aus nachwachsenden Rohstoffen gibt es einen Bonus, der höher ausfällt als die Boni für Gülle oder Abfallstoffe. Mais ist energetisch besonders gut verwertbar - bringt also am meisten Geld.

Allein in den letzten sechs Jahren hat sich die Anbaufläche für Energiemais in Deutschland deshalb verzehnfacht. Außerdem müssen die Betreiber sich beim Bau entscheiden, welche Stoffe zersetzt werden sollen. Wegen der komplizierten Förderungsregelungen können sie die Materialanteile nicht einfach verändern. Ohnehin glaubt Heine, dass die Regierung mit ihrer vielbeschworenen Energiewende noch viel zu wenig auf dezentrale Energieversorger setzt und zu sehr auf die großen Stromkonzerne.

Mega-Anlagen werden zum Problem

Die großen Player der Branche sind auch Greenpeace-Mann Hofstetter ein Dorn im Auge. Konzerne wie Eon oder verschiedene Stadtwerke betreiben Großanlagen, für die Gülle und Mais auf langen Transportwegen heran gekarrt werden müssen und deren Abwärme nicht vernünftig genutzt wird. Die Gefahr der "Vermaisung" ist außerdem dort größer, wo sich große Anlagen ansiedeln. Und auch hier spielt die Subventionspolitik eine Rolle. Weil der Bonus für Strom aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais bisher an den Gülle-Bonus gekoppelt war, sind leistungsstarke Gäranlagen vor allem dort zu finden, wo viele Kühe und Schweine gehalten werden - wie etwa im Wendland. In der Gegend um Krebeck, wo es kaum Milchviehhaltung gibt, finden sich auch keine Monokulturen - auf lediglich sieben Prozent der Gesamtackerbaufläche wird Mais angebaut, und das meist im Wechsel mit Weizen, Raps und Grünroggen.

Allerdings führt Agrarfachmann Hofstetter noch einen weiteren Grund gegen die massenhafte Energiegewinnung aus Biomasse ins Feld: Der Anbau von Energiepflanzen konkurriere mit der Flächennutzung für den Lebensmittelanbau. Branchenvertreter wie die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) halten zwar dagegen, dass bisher erst auf elf Prozent aller deutschen Ackerflächen Energiepflanzen angebaut würden. Hofstetter warnt allerdings davor, nur nationale Gegebenheiten einzubeziehen. Weltweit würden mehr Flächen für den Getreideanbau benötigt und unter den derzeit hohen Agrarmarktpreisen litten die Ärmsten der Armen. Für neue Biogasanlagen gebe es daher keinen Spielraum.

Für die Zukunft ist Hofstetter vorsichtig optimistisch. Die Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) gehe in die richtige Richtung, findet er. So ist zum Beispiel geplant, Strom aus weniger effizienten Pflanzen als Mais höher zu vergüten und den Anteil an Maissilage in neuen Anlagen auf 60 Prozent zu begrenzen. Um weiteren "Maiswüsten" vorzubeugen, soll der Bonus für nachwachsende Rohstoffe zudem nicht mehr an den Gülle-Bonus gekoppelt werden. Doch das Gesetz geht Hofstetter nicht weit genug. Er ist der Meinung, Biogasanlagen sollten generell nur noch mit reinen Rest- und Abfallstoffen betrieben werden.