HOME

Infineon: Schumacher verlässt das Unternehmen

Die Überraschung war perfekt, als Infineon-Vorstandschef Ulrich Schumacher Donnerstag mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt erklärte. Offenbar hatte es mit dem Aufsichtsrat grobe Differenzen über die Konzernstrategie gegeben.

Völlig überraschend krachte die Nachricht am späten Donnerstagnachmittag in die Börsenlandschaft: Infineon-Vorstandschef Ulrich Schumacher erklärt mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt, Gründe werden nicht genannt - weder von ihm, noch vom Unternehmen. Am 1. April 1999 hatte er den Spitzenposten bei der aus dem Siemens-Konzern neu gegründeten Halbleiter-Firma übernommen und mit dem Unternehmen Höhenflüge und Abstürze erlebt.

Zuletzt Angriffe von Aktionären

Zuletzt wurde der 45-Jährige auf der Hauptversammlung 2004 von enttäuschten Aktionären heftig angegriffen. Nach Verlustjahren warfen Aktionärsschützer dem Chef Selbstbedienung mittels großzügiger Vergütungsmodelle vor. Die Führungscrew profitiere bereits bei kleinen Markterholungen, sagte etwa Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Schumacher selbst kündigte Ende Januar 2004 an, in dem gerade begonnenen Geschäftsjahr werde Infineon "wieder Geld verdienen", denn der Halbleitermarkt werde um etwa 20 Prozent wachsen. Allerdings hat Infineon mehr als zwei Jahre Milliardenverluste geschrieben und war erst im Schlussquartal 2003 in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Für das Gesamtjahr blieb aber unterm Strich ein Minus von 435 Millionen Euro.

Aufsichtsratschef Kley übernimmt

Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley - der jetzt laut Unternehmenserklärung "vorübergehend, längstens aber für ein Jahr, den Vorstandsvorsitz der Infineon Technologies AG zu übertragen" bekommen soll, hatte Schumacher auf der Hauptversammlung verteidigt. Der Vorstand habe in den vergangenen Jahren Außerordentliches geleistet. Die Verminderung von Verlusten sei weitaus schwieriger, als ein Unternehmen durch ruhige Konjunkturgewässer zu steuern; deshalb seien die Boni gerechtfertigt.

Der promovierte Ingenieur Schumacher wurde 1986 Mitarbeiter des Siemens-Konzerns. Zehn Jahre später nahm er bereits den Posten des Vorsitzenden des Bereichsvorstandes Halbleiter ein und rückte 1998 - mit 39 Jahren - auch in den Konzern-Vorstand der Siemens AG auf. In dem traditionell konservativen Konzern erwarb sich Schumacher, der als Zögling des Siemens-Vorstandschefs Heinrich von Pierer gilt, den Ruf eines unkonventionellen Vordenkers.

Glänzender Börsen-Einstand

Im Rahmen der Umstrukturierung des Konzerns wurde der gesamte Halbleiterbereich zum 1. April 1999 in die neu gegründete Infineon Technologies AG, eingebracht, mit deren Vorstandsvorsitz Schumacher betraut wurde und die im März 2000 an die Börse ging. Dort feierte das Unternehmen einen glänzenden Einstand: Die Emission war 33fach überzeichnet, und die Aktie verdoppelte sich am ersten Handelstag.

In die Schlagzeilen geriet Schumacher vor geraumer Zeit mit der Ankündigung, der Konzern erwäge aus Steuergründen einen Umzug ins Ausland, wahrscheinlich ins schweizerische Zug. Aber im Oktober 2003 begann im Umland von München der Bau eines neuen Gebäudekomplexes, in den die Hauptverwaltung der Infineon AG einziehen soll. Und dies galt allgemein als Signal, dass Infineon nicht mehr mit der Option Schweiz spiele.

Umzug in die Schweiz vom Tisch

Nach der Ablösung von Infineon-Chef Ulrich Schumacher ist ein Umzug der Konzernzentrale ins Ausland vom Tisch. Man werde zwar weiterhin die Auslagerung von einzelnen Konzernfunktionen prüfen, wo dies Sinn mache, sagte Finanzvorstand Peter Fischl am Freitag in München. Es werde aber keinen Umzug der Zentrale in die Schweiz geben. Im Konzern wurde anschließend betont, dass diese Absage auch für andere Länder gelte. Schumacher hatte im vergangenen Jahr angekündigt, einen Umzug ins Ausland zu prüfen. Dafür musste er heftige Kritik einstecken. Der Aufsichtsrat soll ihn auch wegen dieses Themas am Donnerstag aus dem Amt gedrängt haben.

Fischl betonte, dass der Wechsel an der Unternehmensspitze keine finanziellen oder bilanziellen Ursachen hat. "Das hat nichts zu tun mit der aktuellen Geschäftslage." Das Unternehmen stehe zu seinen Prognosen und habe keine Bilanz-Probleme. Für das laufende Quartal rechne er weiterhin mit schwarzen Zahlen. "Wir sind auf einem guten Weg." Die Trennung von Schumacher, der offiziell sein Amt niederlegte, hatte Investoren und auch viele im Unternehmen überrascht. Eine offizielle Begründung gab es von Konzernseite nicht. Laut Aufsichtsratskreisen gab es aber heftige Kritik an Schumachers Strategie und seinem Führungsstil. Das Kontrollgremium habe ihm einmütig zum Rücktritt aufgefordert.

mit Agenturen / DPA