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Experimente: Ist es Zeit für das Drei-Tage-Wochenende?

Die 40-Stunden-Woche belastet, dazu kommen noch Überstunden. Und die Mails, die am Feierabend beantwortet werden. Die Arbeitswelt hat sich verändert und überall auf der Welt gibt es Versuche, die Arbeitszeit zu reduzieren. Sind wir reif für das Drei-Tage-Wochenende? 

Eine junge Frau sitzt lächelnd am Computer und hält sich mit der linken Hand einen Kugelschreiber an den Mund

Hand aufs Herz: Wie viel arbeiten Sie wirklich? Morgens nach dem Aufstehen checken Sie schon Ihre Mails? Abends nach Feierabend basteln Sie noch etwas an der Präsentation? Und an den Wochenenden sind Sie auch erreichbar? Dabei arbeiten Sie wahrscheinlich schon hochoffiziell 40 Stunden in der Woche, von Montag bis Freitag. Dazu kommen Überstunden. Allein in Deutschland buckeln Mitarbeiter jedes Jahr knapp zwei Milliarden Überstunden zusammen. Und ein Großteil davon ist natürlich unbezahlt, klar.

Dabei sind die Studienergebnisse der vergangenen Jahre eindeutig: Zu viel Arbeit macht uns lustlos und unglücklich - und vor allem weniger produktiv. Natürlich kann man für seinen Job Feuer und Flamme sein - verbrennen aber sollte man sich nicht. Das erkennen auch zunehmend Unternehmen und treten auf die Bremse. Nicht mehr die Mitarbeiter verheizen, so scheint die Devise. Und so experimentieren Firmen mit verkürzten Arbeitszeiten. Die neuseeländische Fondsgesellschaft Perpetual Guardian hat ein solches Experiment gestartet. 

Vier-Tage-Woche: Kann das funktionieren?

Das Unternehmen hatte im Mai den 240 Angestellten die Vier-Tage-Woche verordnet - natürlich erstmal nur als Versuch. Begleitet wurde das Experiment von Forschern der University of Auckland und der Auckland University of Technology. Die Mitarbeiter wurden trotz der verkürzten Arbeitszeit voll bezahlt. Und: Die wöchentlichen Arbeitsziele wurden auch nicht herabgesetzt. Allerdings ging es nicht mehr um die reine Arbeitszeit, sondern um Zielvorgaben. Das Ergebnis nach zwei Monaten: Rund jeder vierte Mitarbeiter freute sich über eine bessere Work-Life-Balance, bei sieben Prozent der Mitarbeiter sank die Stress-Belastung. Und: Das Unternehmen konnte keinen Produktivitätsrückgang verzeichnen.

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Die Arbeitszeit um 20 Prozent reduzieren - ohne, dass das Geschäft darunter leidet? Kann das stimmen? Tatsächlich verbesserte sich der Kundenservice bei der Fondsgesellschaft sogar. Eine Erklärung der Forscher: Der Chef hatte deutlich gemacht, dass er die Vier-Tage-Woche nur beibehalten wolle, wenn die Firma vergleichbar weiterarbeitet. Dadurch waren die Mitarbeiter motiviert, so einer der Wissenschaftler zur "BBC". Und haben sich reingekniet. 

Zufriedene Mitarbeiter sind - gerade in Zeiten des Fachkräftemangels - ein wichtiges Erfolgsrezept für Firmen. "Sie möchten, dass die Leute bleiben, weil die Fluktuation [der Mitarbeiter] unglaublich teuer ist", sagt Jan Emmanuel De Neve, Professor für Wirtschaft und Strategie an der Saïd Business School der University of Oxford. Und setzt nach, dass der gefeierte Ökonom John Maynard Keynes bereits 1930 vorhersagte, dass wir aufgrund von verbesserter Technologie und Produktivität eigentlich nicht mehr als 15 Stunden in der Woche arbeiten sollten.

Arbeitszeit reduzieren - das klappt nicht immer

Ganz so rosig ist die Zukunft nicht geworden. Und auch manches Unternehmen, das motiviert in ein Arbeitszeitexperiment startete, musste die Neuerung wieder zurücknehmen, so das US-Bildungsunternehmen Treehouse. Auch dort wurde die Vier-Tage-Woche ausprobiert. Inzwischen sind die Mitarbeiter wieder bei der 40-Stunden-Woche. Denn das Unternehmen hätte ansonsten Kürzungen und Entlassungen vornehmen müssen. Durch die Stundenreduktion konnten Kunden nicht mehr zu normalen Geschäftszeiten den Kundenservice in Anspruch nehmen. Laut Megan Dorcey, Marketing Director bei Treehouse, habe die Acht-Stunden-Tage darüber hinaus einen Vorteil für die Teamstruktur, da sich die Mitarbeiter regelmäßiger sehen würden. Auch andere Experiment, wie das eines schwedisches Pflegeheims, wurden inzwischen wieder zurückgedreht. +++Lesen Sie hier: warum das Experiment in Schweden scheiterte+++ 

Einige Firmen kommen mit der Vier-Tage-Woche gut zurecht, andere sehen das kritisch - da bleibt die Frage: Gibt es einen Punkt, an dem die Arbeitszeit einfach nicht mehr wirtschaftlich ausreichend reduziert werden kann? In Neuseeland glauben die Forscher, dass sich der Ertrag für die Firmen bei weniger als vier Tagen nicht mehr rechnen würde. "Mein Bauchgefühl sagt, dass die Reduzierung der Arbeitszeit und die Aufrechterhaltung der Effizienz bei fünf Arbeitstagen auf vier Tage enden könnten“, so einer der Wissenschaftler zur "BBC".

Perpetual Guardian zumindest hat die Arbeitszeitreduktion genau geprüft. Am November ist die Vier-Tage-Woche regulär möglich. "Es gibt für uns dadurch keinen Nachteil", sagte Fondsgründer und Geschäftsführer Andrew Barnes. Die Mitarbeiter sollen den Plänen zufolge künftig entscheiden können, ob sie einen Tag pro Woche weniger arbeiten wollen und welchen sie dann freinehmen.Wer will, kann den Angaben zufolge auch an fünf Tagen arbeiten. 

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