Bildungsniveau Deutschland setzt Fachkräfte aufs Spiel


Trotz der schlechten Arbeitsmarktsituation in Deutschland droht mittelfristig eine weitere Verschärfung des Mangels an Fachkräften. Ursache: der Qualifizierungstrend der Bevölkerung.

Trotz der aktuellen über vier Millionen Arbeitslosen droht Deutschland mittelfristig eine weitere Verschärfung des Mangels an Fachkräften. "Wir befinden uns auf dem Weg, unseren entscheidenden Wettbewerbsvorteil aufs Spiel zu setzen, nämlich das für unseren Hochtechnologie- und Hochlohnstandort bedeutende Humankapital", warnen Alexander Reinberg und Markus Hummel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) in Nürnberg. Die Ursachen lägen nicht nur in der demographischen Entwicklung, sondern auch in den Qualifizierungstrends der Bevölkerung.

Die langfristige Entwicklung mit einer zunächst alternden und anschließend stark schrumpfenden Bevölkerung ist aus der Sicht der Arbeitsmarktforscher praktisch nicht mehr umkehrbar. "Selbst ein deutlicher Anstieg der Geburtenraten - wofür derzeit allerdings nichts spricht - oder Zuwanderung in wirtschaftlich und gesellschaftlich vertretbarer Größenordnung können diesen Trend bestenfalls bremsen, nicht aber stoppen", urteilen Reinberg und Hummel im jüngsten IAB-Kurzbericht.

Drohender Fachkräftemangel

Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind jüngere Arbeitnehmer zumindest formal nicht besser qualifiziert als ältere. Derzeit prägen die geburtenstarken und gut qualifizierten Jahrgänge der 50er und 60er Jahre den Arbeitsmarkt. Deren Qualifikationsniveau wird zwar in den nächsten Jahrzehnten zwangsläufig weiter steigen. Wenn aber diese Jahrgänge erst einmal aus dem Erwerbsleben ausscheiden, "dürfte es den nachrückenden geburtenschwachen Generationen schon wegen des quantitativen Missverhältnisses schwer fallen, selbst in ausreichendem Maße Ersatz zu stellen", stellen die Wissenschaftler unmissverständlich klar. "Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange, wird sich aber nach 2010/2015 deutlich beschleunigen."

Die Notwendigkeit einer umgehenden Bildungs- und Qualifizierungsoffensive begründen Reinberg und Hummel auch mit dem wachsenden Bedarf an hoch qualifizierten Tätigkeiten und Führungskräften. Dieser dürfte bis zum Ende des Jahrzehnts auf gut 40 Prozent der Erwerbstätigen steigen. "Ob der drohende Fachkräftemangel noch abzuwenden ist, bleibt fraglich", meinen die Forscher. Die bisherige Praxis der Personalchefs, ältere Mitarbeiter vermehrt in den Vorruhestand zu schicken oder in die Arbeitslosigkeit zu entlassen und durch junge, frisch ausgebildete Berufsanfänger zu ersetzen, führe in die Sackgasse.

Frauengerechte Arbeitsplätze ausweiten

Auch ein wachsender Frauenanteil an den Erwerbstätigen kann dem drohenden Fachkräftemangel nur bedingt entgegenwirken. "Unerlässlich ist deshalb die Ausweitung 'frauengerechter' Arbeitsplätze, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen", begründen die Wissenschaftler die Forderung nach flexibleren Arbeitszeiten, besserer Kinderbetreuung und neuen Familienmodellen.

Fraglich ist aus ihrer Sicht, ob die hohen demographisch bedingten Ausfälle an Fachkräften langfristig durch Zuwanderung ausgeglichen werden können. "Die internationale Konkurrenz um die 'hellen Köpfe' wird sich in Zukunft wohl eher noch verstärken", prophezeien Reinberg und Hummel. Angesichts der schlechteren Qualifikationsstruktur der in Deutschland lebenden Einwanderer, dem unbefriedigenden Ausbildungsniveau ihrer Kinder und hoher rechtlicher Hürden für ausländische Absolventen deutscher Hochschulen beim Zugang in den Arbeitsmarkt sei eine bessere Integrationspolitik zwingend erforderlich.

Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung sind Bildungsreserven

Zudem sollten Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Berufsausbildung den Wissenschaftlern zu Folge nicht länger als Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt, sondern vielmehr als echte Bildungsreserve behandelt werden. Der demographische Rückgang bei den Jugendlichen wird zwar erst Ende des Jahrzehnts einsetzen. Angesichts der langen Dauer von Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen seien verstärkte Bildungsanstrengungen aber schon jetzt nötig.


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