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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Die Lust an der Langsamkeit des Lebens

"Schneller, höher, weiter", scheint das Mantra unserer Zeit zu sein. Bis zu 100 Mal schneller soll der neue Mobilfunkstandards 5G sein, mit dem Mensch, Satellit und Roboter in Echtzeit miteinander kommunizieren können. Frank Behrendt genoss derweil in seinen Ferien die analoge Langsamkeit.

Fährt ohne Fahrplan-App: Bootstaxi am Strand von Mykonos

Fährt ohne Fahrplan-App: Bootstaxi am Strand von Mykonos

So wie die kleine weise Maus Frederick im berühmten Kinderbuch von Leo Lionni Sonnenstrahlen und Farben für die kalten dunklen Wintertage sammelte, habe ich es genossen, in den letzten Wochen an verschiedenen Destinationen im schönen Europa besondere Momente mit meiner Familie zu genießen. Oft waren dabei fremde Menschen involviert, die uns am Wegesrand unserer Touren beeindruckt und inspiriert haben.

Sie waren allesamt keine bemerkenswerten Start-up-Unternehmer, sie haben nichts erfunden, besitzen keine Reichtümer, oder vielleicht doch. Zum Beispiel Helena. Wir trafen sie am Fuße der Akropolis. Sie ist Mitte Sechzig, ihr ganzes Leben lang hat sie als Lehrerin gearbeitet. Seitdem sie im Ruhestand weilt, ist sie als Reiseführerin im Einsatz. Es geht ihr vordringlich nicht ums Geld, sie hat vor allem Freude daran, ihr großes Wissen über die griechische Kultur zu vermitteln.

Inzwischen gibt es jede Menge Gruppen von Touristen, die eine Art Bauchladen vor sich hertragen. Darin ein Tablet mit einem Sonnenschutz, auf den Ohren Kopfhörer. Mittels eines Computerprogrammes sehen sie dann wie die Ruinen früher aussahen. Einen Blick für die echten Steine und Skulpturen hatten die Tablet-Träger kaum noch. Helena bemerkte, dass sie eigentlich gleich zu Hause bleiben könnten, um sich auf der heimischen Couch die Wunder der früheren Weltgeschichte via 3D-Brille anzusehen…

Unsere Kinder lauschten derweil ihren echten Worten. Sie sprach mit soviel Leidenschaft, Spaß und Liebe zum Detail, wie es nur Menschen aus Fleisch und Blut können. Jedes Steinchen erzählte eine Geschichte und wir spürten die sprichwörtlichen Eulen, die einst nach Athen getragen wurden fast schon über uns.

Im Krka-Nationalpark unweit der kroatischen Metropole Split hatte ich mein ganz besonderes Highlight. Dort, wo in den 60er Jahren die legendären Winnetou-Filme gedreht wurden, saßen nun meine Frau und ich vor dem immer noch beeindruckenden Panorama der Wasserfälle an der Stelle, wo sich einst Nscho-Tschi alias Marie Versini und Old Shatterhand in Person von Lex Barker tief in die Augen blickten. Ivi, der lustige Guide machte das Foto und hatte viel Freude an meiner Begeisterung. Er fand es irre, dass es über 50 Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten immer noch Verrückte gibt, die romantisch-verklärt diesen magischen Ort besuchen, auf der Reise zurück in ihre eigene Jugend. Er selbst war einst Anwalt gewesen, irgendwann wurde es ihm zu viel mit der internen Politik, Neid und Missgunst in der Kanzlei und er kündigte. Jetzt ist er selbstständig, verdient weniger Geld, ist aber viel glücklicher. Er liebt sein Land, die Natur und freut sich, wenn er andere dafür begeistern kann.

Am Strand von Mykonos hatten meine Kinder Spaß im kristallklaren Wasser. Der Himmel war himmelblau, es wehte ein leichter Wind. Ein Traum. Am Strand traf ich Christos, einen wettergegerbten Griechen. Er stand vor einem kleinen Häuschen, an dem es Tickets für das Boots-Taxi zu kaufen gab. Mit den kleinen Schiffchen ging es von Strand zu Strand, viel schöner als mit dem Bus.

Als ich gerade dabei war unsere Fahrkarten für einen entspannten Trip zu kaufen, kam ein hektischer Tourist angelaufen, schob die verspiegelte RayBan ins Haar und fragte zackig, wann das nächste Boot zum Paradise-Beach abfährt und ob es eine App gäbe mit dem genauen Time-Table für alle Abfahrts- und Ankunftszeiten. Christos grinste milde, schob seine ausgeblichene Baseball-Cap mit dem kaum noch erkennbaren NYC-Logo etwas weiter in den Nacken und antwortete: "Wir brauchen hier keinen Fahrplan, denn keiner weiß genau wie viele Leute wann an welchen Strand wollen. Setz dich einfach hier an den Strand und schau aufs Meer. Das Boot kommt, wenn es kommt und dann fährst du einfach mit."

Der gegeelte Typ mit den weißen Bermudashorts und dem Dolce&Gabbana-Shirt machte ein Zitronengesicht und ging kopfschüttelnd von dannen. Christos lachte und meinte: "Er hat das wahre Leben nicht verstanden." Wir warteten im Sand sitzend gemeinsam auf das Boot. Schweigend. Wir sahen einfach nur aufs Meer und blickten in die Ferne. Ein magischer Moment. Irgendwann kam das blau-weiße Boot angetuckert und wir stiegen ein. Christos hob meine kleine Tochter ins schwankende Schiff und tippte sich an die Kappe. Wir fuhren davon. Als wir uns weit draußen auf dem Wasser umdrehten, sahen wir ihn als kleinen Punkt am Strand sitzen neben dem nach einer Weile zwei weitere Punkte traten. Wahrscheinlich musste er wieder zwei Hektikern erklären, warum man im wunderbar relaxten Leben nicht immer einen genau getakteten Fahrplan und eine App braucht.

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