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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Unterwegs: Hetzt du schon oder reist du noch?

Frank Behrendt kennt Dienstreisen noch aus einer Zeit, als es keine Mobiltelefone gab. Heute nahezu unvorstellbar. Kürzlich traf er am Münchner Flughafen eine sehr entspannte ältere Dame, die sich die gepflegte Freude am Reisen trotz aller Hektik um sie herum ebenfalls nicht nehmen lässt.

Das Handy am Ohr, den Rollkoffer in der Hand - Dienstreisen können ganz schön stressig sein

Das Handy am Ohr, den Rollkoffer in der Hand - Dienstreisen können ganz schön stressig sein

Getty Images

Wer oft durch die Gegend fliegt, bekommt von den Airlines als Dankeschön den Zugang zu einer exklusiven Lounge offeriert. Dort könnte man die Zeit bis zum Abflug entspannt überbrücken. Aber es gibt diverse Zeitgenossen, die contraire unterwegs sind: "Das Angebot muss heute noch raus", schrie ein schwitzender Herr mit rotem Kopf in sein silbernes Mobiltelefon. Ein anderer, dem die Haare regelrecht zu Berge standen, suchte mit hektischem Blick eine Steckdose. 

Ich beobachtete das geschäftige Treiben amüsiert bei einem alkoholfreien Weizenbier und einer noch warmen Brezel. Plötzlich wurde die Reality-Soap der Mitreisenden in der Lounge jäh unterbrochen: Eine ältere Dame im blauen Kostüm stand vor mir, deutete auf den Platz gegenüber und fragte, ob sie sich setzen dürfte. Selbstverständlich. Ich fragte, ob ich ihr ebenfalls ein Bier und eine Brezel holen sollte. Sie nickte freudig. Und dann saßen wir da und redeten. Über das Reisen. 

Die freundliche Frau, die trotz ihres Rentenalters begeistert im Beirat einer Bildungsstiftung tätig ist, schüttelte mitten im Gespräch energisch den Kopf und meinte: "Die Leute sind doch heute alle völlig verrückt, so wie die durch die Gegend hetzen. Die sehen doch nichts und niemanden mehr." Sie erzählte mir von ihren früheren Dienstreisen als Verlagsvertreterin. Die Reisestelle buchte alles sorgfältig, man fuhr 1. Klasse Bahn, übernachtete in schönen Hotels im Herzen der Stadt und hatte vor und nach seinen Terminen ausreichend Zeit für einen Stadtbummel oder Zerstreuung. "Wir kamen immer inspiriert ins Büro zurück", sagte sie strahlend und trank einen kräftigen Schluck Bier. 

Wir blickten uns wie zwei Detektive um: Jede Menge finstere Mienen, gesenkte Häupter, die über Notebooks hingen. Viele angespannte graue Herren redeten mit Kopfhörern vor sich hin, einige hatten gar einen glänzenden Freisprechclip am Ohr befestigt und fuchtelten beim Telefonat wild mit den Händen herum. Immerhin spielten zwei Kinder fröhlich "Ich sehe was, was du nicht siehst". Wir mussten beide lachen, denn Kinder, die nicht an einem elektronischen Device hängen wirken heute geradezu exotisch. 

Die unterhaltsame Dame berichtete mir, dass sie immer lange vor Abflug am Flughafen ist, weil sie gerne den Menschen zuschaut. Ich verriet ihr, dass ich oft an Flughäfen und Bahnhöfen verweile, weil ich mich an dem Bild der Wiedersehensfreude nie satt sehen kann. So wie beim furiosen Finale eines meiner absoluten Lieblingsfilme "Tatsächlich Liebe". Da verschmelzen am Ende jede Menge wunderbarer Wiedersehensmomente zu einem Mosaik der Herzlichkeit. 

Ich verabschiedete mich von meiner Gesprächspartnerin und wünschte ihr einen guten Flug. Vorbei am hektischen Vertriebsmann mit dem roten Kopf strebte ich dem Ausgang der Lounge entgegen. Hinter mir hörte ich ihn weiter lautstark in den Hörer fluchen: "Mensch Leute, so kann man doch nicht arbeiten." Stimmt. 

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