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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Mein zweites Fußballherz schlägt für immer gelb

Während der Weltmeisterschaft in Russland denkt Frank Behrendt immer wieder an seine erste bewusst wahrgenommene WM im Jahr 1970 zurück. Damals erlebte er in Rio mit, wie die Brasilianer zum dritten Mal Weltmeister wurden. Der Beginn einer Fan-Liebe fürs Leben.

Nach dem Sieg der Brasilianer im Finale der WM 1970 wird Pelé auf Händen über den Platz getragen

Nach dem Sieg der Brasilianer im Finale der WM 1970 wird Pelé auf Händen über den Platz getragen

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Am 21. Juni 1970 saß ich mit meinen kleinen Freunden in Rio de Janeiro vor dem Fernseher, obwohl es schon spät am Abend war. Egal. Es lief das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko. Brasilien und Italien standen sich im Aztekenstadion vor über 107.000 Zuschauern gegenüber. 

Auf dem Platz kickten die Super-Stars von damals: Gigi Riva und Giacinto Fachetti für die Tifosi, Roberto Rivelino und natürlich Pelé in Reihen der Selecao. Für uns gab es Limonade und "Bolo Baeta", den berühmten brasilianischen Milchkuchen. Glück pur. Und als in der 19. Minute des von vielen als das beste WM-Finale aller Zeiten gepriesenen Matches Pelé das 1:0 für die Brasilianer erzielte, gab es kein Halten mehr. Getrommel, Geschrei, ein Land begann durchzudrehen. 

Als die Gelben die Blauen am Ende 4:1 besiegt hatten, ging die Party erst richtig los. Ich erinnere mich, dass wir in der kommenden Woche nicht in die Schule mussten. Niemand arbeitete, das ganze Land tanzte kollektiv Samba rund um die Uhr. Unvergessen. 

Seitdem liebe ich die brasilianische Nationalmannschaft. Wenn die Hymne erklingt und die Kamera auf die Fahne zoomt, bekomme ich eine Gänsehaut. "Ordem e progresso" - Ordnung und Fortschritt - steht in dem himmelblauen Kreis mit den 27 Sternen, die für 26 Bundesstaaten und den Bundesdistrikt stehen. 

Als bei der WM 2014 der heutige Superstar Neymar von einem gnadenlosen Kolumbianer brutal vom Feld getreten wurde, habe ich geweint. Und ich gehörte wahrscheinlich zu den sehr wenigen Deutschen, die sich über das historische 7:1 unserer Nationalmannschaft über Brasilien nicht überschwänglich gefreut haben. 

Es spricht bei aller verrückten Leidenschaft der Fans vom Zuckerhut für ihre Fairness, dass sie ihrem damals überlegenen Gegner bei dessen Abfahrt aus dem Stadion von Belo Horizonte am Straßenrand applaudiert haben. Joachim Löw und unsere Jungs haben dieses unglaubliche Bild - der todtraurigen aber klatschenden brasilianischen Fans - später stets als einen ganz besonderen Moment beschrieben, der ihnen nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. 

So wie mir das Bild von Pelé, der 1970 von Trainer Mário Zagallo und seinen Mitspielern auf Händen über den Platz getragen wurde. Das Trikot, das Edson Arantes do Nascimento - wie Pelé offiziell heißt - in jener mexikanischen Nacht trug, wurde 2002 in London vom Auktionshaus Christie's für stolze 260.000 Euro versteigert. Ich habe nicht mitgeboten. Wozu auch. Ich trage diesen magischen Abend in unserem Haus in der Rua Tobias do Amaral auch so für immer in meinem Herzen. 

Eine Kombo zeigt llinks Joachim Löw mit einer Espresso-Tasse am Mund und rechts Ägyptens Stürmer Mohamed Salah beim Training