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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Nur Gewinner im Club der polnischen Versager

Immer mehr Menschen lernen sich über die sozialen Netzwerke kennen und vertiefen ihre Bindungen bei realen Treffen. Frank Behrendt war kürzlich in einem schrägen Club in Berlin und traf dort einen bunten Mix aus inspirierenden Machern.

Spezieller Charme im Club der polnischen Versager

Spezieller Charme im Club der polnischen Versager

Als ich den Namen des Veranstaltungsortes in der digitalen Einladung bei Facebook las, wusste ich, dass ich da hin musste: "Club der polnischen ". Ich habe ein Faible für Verrücktheit und ungewöhnliche Namen, dieser hier begeisterte mich sofort.

Der Taxifahrer blickte mich fragend an, als wir vor der Ackerstraße 169 hielten, es sah nicht wirklich so aus, als ob hier gleich eine Veranstaltung stattfinden würde. Die Location hatte eher den Charme eines Rohbaus, in den das, was im Keller nutzlos herumstand, oben hineingestellt wurde. Über dem schummerigen Bartresen wurden direkt die Regeln fixiert: "Folgende Fragen werden nicht beantwortet: Woher kommt der Name? Wo ist das Klo? Was ist der Sinn des Lebens?"

Tyskie-Bier, Afri-Cola oder Club-Mate bestellen und die Klappe halten lautete die Devise – zumindest an der Bar. Ansonsten war reger Austausch gewünscht. "Pub`n`Pub" nennt sich die Meetup-Reihe fürs Publishing, die der smarte Netzwerker Leander Wattig mit seiner Firma Orbanism.com (Unternehmens-Credo: "Wir mögen Menschen, die Menschen zusammenbringen") 2011 ins Leben gerufen hat. "Wir treffen uns im Pub und reden über Trends im Publishing, Gott und die Welt", schreibt er dazu als Erklärung. So einfach. So gut. Völlig egal, dass auch Leute vorbeikommen, die mit Publizieren aktuell nichts am Hut haben: "Ich mach was Soziales und will da raus", sagt eine, denn am Anfang stellt sich jeder Gast erst einmal vor allen vor. Gelächter. Sofort ist sie da, die entspannte Lagerfeueratmosphäre. Es gibt Impulse, Fragen, Diskussionen. Locker von der Bierbank. 

Die Vorzeige-Frontfrau der Global Digital Women, Tijen Onaran, gibt Anekdoten aus ihrer frühen politischen Karriere zum Besten, eine forsche Neu-Berlinerin berichtet über ihr Start-up, das gerade eine völlig neue Form einer Versicherung aufbaut. Ein anwesender Redakteur der Berliner Zeitung sagt, "wenn jemand noch ne coole Geschichte rund um das Thema Digital/Netz hat, lass mal reden." Er steht später nie alleine da. Visitenkarten werden keine ausgetauscht, man added sich kurz in einem sozialen Netzwerk und fertig.

Als zu später Stunde einer die über dem Bartresen hängenden Regeln eiskalt missachtet und den polnischen Barkeeper eher im Scherz nach dem Sinn des Lebens fragt, öffnet der mit unbeweglicher Miene eine Flasche Bier und sagt: "Ihr seid hier, ihr seid am Leben, macht was draus." Word. Am Ende ging jeder - so wie es sich der nette Leander anfangs bei der Begrüßung wünschte - "mit mindestens einem neuen Kontakt im Smartphone" von dannen. Als Bonus-Track begleitete uns die einfache aber wunderbare Weisheit eines Mannes aus Lublin in die Nacht, der alles andere als ein polnischer Versager ist. 

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